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BUNDESRATSWAHL: Nacht der langen Messer: Warmlaufen für die Tessiner Party

Die Tessiner Parlamentarier geben sich vor der Wahl des neuen Bundesrates zuversichtlich, dass Ignazio Cassis gewählt wird. Einen Sprengkandidaten gibt es nicht - einige SVPler wollen im ersten Wahlgang allerdings Christa Rigozzis Namen auf ihren Zettel schreiben.
Tobias Bär
Bundesratskandidat Ignazio Cassis spricht während der sogenannten "Nacht der langen Messer" im Hotel Bellevue in Bern. (Bild: ANTHONY ANEX (KEYSTONE))

Bundesratskandidat Ignazio Cassis spricht während der sogenannten "Nacht der langen Messer" im Hotel Bellevue in Bern. (Bild: ANTHONY ANEX (KEYSTONE))

Getrunken wurde reichlich, nach Geheimplänen suchte man an der «Nacht der langen Messer» aber vergeblich. Ignazio Cassis kann sich heute zuversichtlich auf den Weg ins Bundeshaus machen.

«Wenn es einen Ort gibt, wo heute definitiv nichts, gar nichts entschieden wird, dann an der Bellevue Bar.» Diesen Tweet setzte der Aargauer SP-Nationalrat Cédric Wermuth gestern Nachmittag ab. Man konnte deshalb davon ausgehen, dass Wermuth am Abend an einem Ort definitiv nicht anzutreffen sein würde, und zwar an der Bellevue Bar. Dort steht er dann aber doch, und er ist später erst noch einer der Letzten, die das Nobelhotel wieder verlassen. Ansonsten sind im Bellevue zu fortgeschrittener Stunde vor allem Tessiner anzutreffen. Es sind allesamt strahlende, siegesgewisse Tessiner. CVP-Nationalrat Marco Romano etwa sagt: «Das kommt gut.» Was er meint: Die Wahl von Ignazio Cassis ist so gut wie sicher. Die «Nacht der langen Messer», dieser legendäre Abend vor jeder Bundesratswahl, wird daran nichts mehr ändern.



Früher an diesem Abend, da stand Romano noch mit dem FC Nationalrat auf dem Platz. Im Vorfeld hatte er angekündigt, den Ball nur jenen Mitspielern zuzuspielen, die heute den Namen des Tessiner Kronfavoriten auf den Wahlzettel schreiben wollen. Offenbar mit Erfolg. Einer der kickenden Parlamentarier, so Romano, habe nach dem Spiel gesagt, jetzt wähle er Cassis.

Zu Beginn sind die Journalisten mehr oder weniger unter sich, die National- und Ständeräte sind im Bellevue rar gesät. Kurz nach 21 Uhr blickt FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen in die Runde und meinte: «Hier hat es 10 Politiker und 60 Journalisten.» Kurzzeitig reiht sich der Berner in die zweite Gruppe ein: Für den Facebook-Kanal seiner Partei holt Wasserfallen mit Mikrofon und Kamera Stimmen ein. An die Adresse der Zuschauer sagt er: «Diese Nacht der langen Messer bringt an und für sich nichts.» Wenig gehaltvoll sind auch die Aussagen derjenigen, die sich morgen zur Wahl stellen. «Ich würde sehr gerne Bundesrätin werden», sagt Isabelle Moret. Cassis wiederum bemüht die Phrase, wonach eine Bundesratswahl erst entschieden sei, wenn das Resultat bekannt gegeben werde. Der dritte im Bunde, Pierre Maudet, lässt sich nicht im Bellevue blicken. Hat sich der Genfer damit abgefunden, dass es für ihn trotz intensiven Lobbyings in den vergangenen Tagen und Wochen nicht reichen wird?

Ein kleiner Rest an Spannung bleibt, weil die SP, die CVP und die GLP nach den Hearings keine Wahlempfehlung abgegeben haben. Die Sozialdemokraten scheinen aber die einzigen zu sein, die sich noch nicht ganz mit der Vorstellung abfinden können, dass der neue Bundesrat Cassis heisst. Die Partei trifft sich heute früh, um ihre Strategie festzulegen. FDP-Nationalrat Hermann Hess lässt sich darob nicht beunruhigen. Der Thurgauer rechnet fest mit der Wahl von Cassis, womit die bürgerliche Mehrheit im Bundesrat endlich voll zum Tragen komme. Für die Linke sei dies deshalb die «Nacht der langen Gesichter», meint Hess spöttisch. Mit einem Bier in der Hand blickt er dann auf seine kurze Zeit im Nationalrat zurück, Ende November tritt Hess nach gerade einmal zwei Jahren im Amt zurück. «Ich bedauere keine Minute.»

Bedauern könnte hingegen FDP-Ständerat Josef Dittli die Zusage, die er dem Radio gegeben hat. Um Viertel vor sechs Uhr morgens soll der Urner seine Eindrücke von der langen Nacht schildern. Das ist erstens ungemütlich früh und zweitens gibt es nicht viel zu schildern. Vor fast zehn Jahren sei es im Bellevue anders zu und her gegangen, erzählt Hansjörg Walter. Der Thurgauer SVP-Nationalrat muss es wissen, schliesslich stand er damals, als es um die Nachfolge von Samuel Schmid ging, im Zentrum des Sturms. Walter war der Sprengkandidat wider Willen von Mitte-Links. Ein solcher ist für heute weit und breit nicht in Sicht. Allenfalls wird Christa Rigozzi ein paar Stimmen machen. Ja, Rigozzi, die Ex-Miss-Schweiz. Einige SVPler spielen mit dem Gedanken, ihren Namen im ersten Wahlgang auf den Zettel zu schreiben.

Nach Mitternacht steht der Berner Schriftsteller und Musiker Jürg Halter vor dem Hoteleingang und meint lakonisch, das sei definitiv nicht die «Party des Jahres». Die Tessiner werden diese wohl heute Abend feiern können. Das gestern war für sie nur das Warmlaufen.

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