Bundesrat schlägt Alarm – die kleine Schweiz will das Weltkulturerbe retten

Die Angriffe auf das Kulturerbe in den letzten Jahren gelten als die schwerwiegendsten seit dem Zweiten Weltkrieg. Jetzt schaltet der Bundesrat im Kampf gegen die Zerstörung einen Gang höher.

Barbara Inglin
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Mit brachialer Gewalt zerstörten IS-Milizen im Februar 2015 Skulpturen in einem Museum in der irakischen Stadt Mosul... (Bild: AP Photo (Mosul, 26. Februar 2015))
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... im gleichen Jahr eroberten Dschihadisten die syrische Wüstenstadt Palmyra und zerstören wertvolle archäologische Schätze. Angriffe wie diese auf das Kulturerbe nehmen zu, warnt der Bundesrat. Er hat heute eine Strategie zum Schutz des gefährdeten Kulturerbes verabschiedet. (Bild: Key, Mikhail Voskresenskiy (Palmyra, 27. März 2016))
Islamisten griffen im Jahr 2012 die Weltkulturerbestätte Timbuktu in Mali an. Wichtige islamische Schriften konnten zum Glück in Sicherheit gebracht werden. (Bild: AP Photo, Ben Curtis (Timbuktu, 16. März 2004))
Doch auch Naturkatastrophen werden zunehmend zum Problem - wie 2016, als ein Hochwasser in Paris Werke im weltberühmten Museum Louvre bedrohte. (Bild: AP Photo Jerome Delay (Paris, 3. Juni 2016))
2016 zerstörte ein schweres Erdbeben unzählige kulturhistorische Bauten im und um das italienische Dorf Amatrice. (Bild: epa, Emiliano Grillotti (Amatrice, 5. Januar 2017))
Nicht nur bei Hochwasser wie im November 2012 versinkt Venedig im Wasser: Der steigende Meeresspiegel setzt der Lagunenstadt zu. (Bild: AP Photo, Luigi Costantini (Venedig, 1. November 2012))

Mit brachialer Gewalt zerstörten IS-Milizen im Februar 2015 Skulpturen in einem Museum in der irakischen Stadt Mosul... (Bild: AP Photo (Mosul, 26. Februar 2015))

Die Bilder gingen um die Welt: Mit Vorschlaghämmern und Pressluftbohrern wüteten Milizen des selbsternannten Islamischen Staates 2015 im Museum von Mosul – und zerstörten dabei jahrtausendealte Kulturdenkmäler. 2012 sorgte der Angriff von Islamisten auf Mausoleen in der malischen Weltkulturerbestätte Timbuktu für weltweite Empörung.

Die Angriffe auf Kulturgüter nehmen zu, es sind die schwerwiegendsten seit dem Zweiten Weltkrieg, hält der Bundesrat in einer Mitteilung vom Freitag fest. In bewaffneten Konflikten wird die Zerstörung von Kulturerbe nicht nur als Kollateralschaden hingenommen, sondern gezielt vorangetrieben. Kultur, Geschichte und Gedenkstätten werden ausgelöscht. Um die Bevölkerung einzuschüchtern, die eigene Macht zu demonstrieren, aber auch für die maximale mediale Aufmerksamkeit. Zur Geldbeschaffung verhökern Terroristengruppen zudem geraubte Kulturgüter auf dem Schwarzmarkt.

Doch nicht nur Kriege, auch Naturkatastrophen setzen dem Kulturerbe weltweit immer mehr zu. 2016 bedrohte zum Beispiel eine Überschwemmung in Paris Werke in den weltberühmten Museen Louvre und Musée d'Oray. 2004 richtete der Tsunami in der historischen Weltkulturerbe-Altstadt von Galle in Sri Lanka schwere Schäden an. Venedig versinkt langsam im Meer, weil der Meeresspiegel steigt.

«Safe Haven» in ehemaligem Munitionsdepot

Der Bundesrat will beim Schutz des gefährdeten Kulturerbes jetzt einen Gang höher schalten. Die Landesregierung hat am Freitag eine entsprechende Strategie verabschiedet. Die Schweiz will sich international mehr einbringen, das vorhandene Wissen zur Verfügung stellen und weltweit eine Vorbildfunktion beim Kulturgüterschutz einnehmen. Dafür sei die Schweiz dank ihrer Erfahrung und ihrem bisherigen Engagement prädestiniert, zeigt sich der Bundesrat überzeugt. Die hiesige Gesetzgebung sei eine der fortschrittlichsten, die rechtliche und technische Expertise der Schweiz weithin anerkannt.

Bereits zweimal eilte die Schweiz zur Hilfe, um bedrohte Kulturgüter zu retten. Während des spanischen Bürgerkrieges wurden Werke aus dem Museo del Prado in Madrid im Jahr 1939 vorübergehend im Kunstmuseum Genf beherbergt. Von 2000 bis 2006 waren über 1400 Kulturgüter aus Afghanistan in der Schweiz untergebracht, ehe sie ans Nationalmuseum in Kabul zurückgegeben wurden.

Seit drei Jahren schliesslich bietet die Schweiz, als erstes Land weltweit, einen sogenannten «Safe Haven», einen Bergungsort für bedrohte Kulturgüter. In einem ehemaligen Munitionsdepot bei Affoltern am Albis können seither Kulturgüter vorübergehend in Sicherheit gebracht werden. Genutzt wurde der Bergungsort bisher aber noch nicht. Als Teil der neuen Strategie will der Bund das Angebot nun international bekannter machen.

Italien schickt «Kultur-Blauhelme» los

Auch andere Länder haben im Kampf für gefährdete Kulturgüter aufgerüstet. Italien etwa hat 2016 die «Kultur-Blauhelme» gegründet. Eine Spezialtruppe, bestehend aus Polizisten, Historikern und Restauratoren. Sie rückt bei Krisen, Konflikten und Naturkatastrophen aus. Die Experten helfen beim Wiederaufbau, Restaurierungen, aber auch beim Schutz vor Plünderern.

Auslöser für die Gründung der italienischen Blauhelm-Truppe war die planmässige Zerstörung archäologischer Schätze in der syrischen Wüstenstadt Palmyra durch IS-Milizen. Erstmals zum Einsatz kam sie aber ausgerechnet im eigenen Land, nach den schweren Erdbeben im Sommer 2016 in und um Amatrice, als unzählige kulturhistorische Bauten in Trümmern lagen.