Bund stoppt Zug nach Konstanz

BERN. Der Regio-Express St.Gallen–Konstanz soll laut Bundesrat mangels Geld vorerst nicht fahren. Ostschweizer Politiker fordern, dass Bund und SBB die Verbindung aufwerten. Flankenschutz erhalten sie aus Süddeutschland.

Tobias Gafafer
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Reisende von St.Gallen nach Konstanz müssen heute umsteigen – gegenüber der Strasse ist die langsame Bahn kaum konkurrenzfähig. (Bild: Ralph Ribi)

Reisende von St.Gallen nach Konstanz müssen heute umsteigen – gegenüber der Strasse ist die langsame Bahn kaum konkurrenzfähig. (Bild: Ralph Ribi)

Ab Dezember sollte zwischen Konstanz und St.Gallen zweistündlich ein direkter Regio-Express (RE) fahren, der für die Strecke nur 36 Minuten benötigt. Der Zug steht für die nächsten Jahre auf der Kippe, weil Bern das Geld fehlt. Bund und Kantone finanzieren den Betrieb des Regionalverkehrs im Schnitt je zur Hälfte. Die Kehrtwende stösst auf Kritik, Ständerat Paul Rechsteiner (SP/SG) gelangte mit einer Interpellation an den Bundesrat. Nun liegt die Antwort vor – und Bern bleibt hart. «Es ist wahrscheinlich, dass der Regio-Express ab Dezember nicht fahren wird.» Die finanzielle Lage habe sich zugespitzt: Zum einen hat sich der Spardruck verschärft, weil die Bundeseinnahmen tiefer als erwartet sind. Zum anderen rechnet das Bundesamt für Verkehr (BAV) 2016 beim Regionalverkehr erneut mit einem hohen Mehrbedarf und einer Lücke im zweistelligen Millionenbereich. Deshalb werde der Bund seine Mittel primär für bestehende Angebote einsetzen.

Der Streit zeigt stellvertretend, dass die Politik die Folgekosten von Bahnausbauten im Betrieb, gerade im Regionalverkehr, zu lange ignoriert hat. Bern hat das zwar erkannt: Eine Arbeitsgruppe empfiehlt eine Reform der Finanzierung und Steuerung des Regionalverkehrs. Doch sie braucht Zeit. Das BAV rechnet 2020 mit einer Vorlage.

Fern- statt Regionalverkehr

Ostschweizer Politiker geben dennoch nicht auf. Rechsteiner spricht auf Anfrage von einem «Schildbürgerstreich». Ziel bleibe, dass der RE wie angekündigt fahre. Immerhin habe der Bund für viel Geld die Strecke St.Gallen–Konstanz ausgebaut. Zur Erinnerung: Den 60 Millionen Franken teuren Ausbau bewilligte das Parlament im Rahmen des Anschlusses der Schweiz ans Hochgeschwindigkeitsnetz; er dient auch der S-Bahn St.Gallen.

Ins selbe Horn stösst der Thurgauer Verkehrsdirektor Kaspar Schläpfer (FDP). Die Verbindung gehöre eigentlich zum Fernverkehr, den die SBB eigenwirtschaftlich betreiben. «Das wäre von der Bedeutung der Agglomerationen Konstanz/Kreuzlingen und St.Gallen her gerechtfertigt.» Deshalb solle der Bund wenigstens den üblichen Anteil von rund der Hälfte an der Finanzierung übernehmen. Rechsteiner sekundiert: Die Verbindung Konstanz-Zürich gehöre schliesslich auch zum Fernverkehr. Das BAV schliesst eine Aufwertung nicht aus: «Das Fernverkehrsnetz der Schweiz ist historisch gewachsen», sagt Sprecher Jürg Walpen. Zurzeit schaue man auch Direktverbindungen wie St.Gallen-Konstanz an. Eine Änderung würde aber frühestens 2017 eingeführt.

Mehr ÖV über die Grenze

Unterstützung erhalten Rechsteiner und Schläpfer aus Süddeutschland. «Wir sind beunruhigt, dass der Expresszug aus finanziellen Gründen auf der Kippe steht», schreibt der Konstanzer Politiker Georg Geiger (FDP) in einem Brief an die Thurgauer und St.Galler Ständeräte. Nach langer Stagnation sei endlich auch auf deutscher Seite Bewegung in den Bahnausbau gekommen. «Die Streichung würde für die Bemühungen des Landkreises Konstanz zur Stärkung des Zugverkehrs in der Grenzregion und in der Tourismusdestination Bodensee einen herben Rückschlag bedeuten.»

Kaspar Schläpfer gibt die Hoffnung noch nicht auf. «Es geht um einige Hunderttausend Franken.» Für die Subventionierung des Regionalverkehrs habe der Bund jährlich über 900 Millionen eingeplant. Für den St.Galler Verkehrsdirektor Beni Würth (CVP) ist denkbar, dass der Regio-Express in einer ersten Phase nur zu Stosszeiten fährt. Und immerhin verspricht auch der Bund, dass der Zug ab 2018 fahren soll – stündlich.