Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Braindrain in den Randkantonen: Nach dem Studium kehren die hellsten Köpfe meistens nicht zurück

Berg- und Randkantone müssen für ihre Studierenden happige Beiträge an die Hochschulkantone zahlen. Die guten Jobs sind aber anderswo. Was lässt sich tun gegen diesen Braindrain?
Kari Kälin
Studierende geniessen die Sonne auf der Polyterasse der ETH Zürich. Woie viele von ihnen kehren nach dem Studium wieder in ihren Heimatkanton zurück. Bild: KEY

Studierende geniessen die Sonne auf der Polyterasse der ETH Zürich. Woie viele von ihnen kehren nach dem Studium wieder in ihren Heimatkanton zurück. Bild: KEY

Sie hat in Altdorf die Matura absolviert, in Freiburg und Bern Medizin studiert – und ihren Heimatkanton verlassen. Seit einem Jahr arbeitet Julia Arnold als Assistenzärztin in der Frauenklinik Bülach im Kanton Zürich, ihre erste Station nach Studienabschluss war das Kantonsspital Graubünden in Chur. Auf dem Weg zur Fachärztin, sagt die 29-Jährige, müsse sie in unterschiedlich grossen Spitälern Erfahrung sammeln. Ergo lanciert sie ihre Karriere auswärts.

So wie Arnold verhalten sich die allermeisten Urner Universitätsabgänger. Fünf Jahre nach Studienabschluss leben 94 Prozent in einem anderen Kanton. Am zweitmeisten helle Köpfe verliert der Kanton Thurgau (87 Prozent), danach folgen Nidwalden und Appenzell AR mit je 81 Prozent (siehe Grafik).

Nur fünf Kantone – Basel, Zürich, Waadt, Bern und Genf – weisen bei der Akademikermigration einen positiven Wanderungssaldo auf. Das geht aus aktuellen Zahlen der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) hervor. Sie hat Ende Juni eine Vereinbarung beschlossen, die neu regelt, wie viel Geld Universitätskantone für ausserkantonale Studenten erhalten.

Ein Hauptgrund für den «Gehirnverlust» ist die Wirtschaftsstruktur. In den Berg- und Randregionen fehlt es an genügend Arbeitsplätzen und Perspektiven, die dem Profil der Hochqualifizierten entsprechen. Dies zeigen diverse aktuelle Untersuchungen zum Thema.

Die städtischen Kantone ziehen Hochqualifizierte an, weil sich in diesen geografischen Räumen attraktive Wirtschaftszweige wie Forschung und Entwicklung oder die Pharmaindustrie befinden.

Das Label «Hochschulstandort» verstärkt die Sogwirkung. Weiche Faktoren wie das kulturelle Angebot können die Abwanderung aus der Provinz ebenso befeuern wie eine Partnerschaft: Ein Urner verliebt sich an der Universität Bern nicht zwingend in eine Urnerin.

Randregionen verlieren Innovationspotenzial

Ausser den Universitätskantonen Basel, Zürich, Bern, Genf und Waadt leiden alle Kantone unter Braindrain. Der Verlust an Talenten fällt finanziell ins Gewicht. Einerseits sind Hochqualifizierte potenziell gute Steuerzahler. Andererseits überweisen die Kantone je nach Studienrichtung den Universitätskantonen jährlich pro Student ansehnliche Summen – 10 600 Franken für Geisteswissenschafter, 25 700 Franken für Naturwissenschafter und 51 400 Franken für Mediziner in der klinischen Ausbildung.

Von der Investition ins Humankapital profitieren aber mehrheitlich die städtischen Gebiete. Thomas Egger, Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete, hält die Abwanderung von Universitätsabgängern aus Berggebieten und Randregionen für ein «Riesenproblem». «Sie verlieren ihre am besten qualifizierten Leute und einen Teil des Innovationspotenzials», sagt der Walliser CVP-Nationalrat.

Eine der einfachsten Massnahmen gegen diesen Trend sei die Schaffung von Praktikumsplätzen. «So lernen zum Beispiel Gymnasiasten das Angebot an attraktiven Arbeitsplätzen in ihrem eigenen Kanton kennen», sagt Egger. Ein anderes Rezept sind Plattformen, auf denen die Kantone über Topstellen informieren. Der Kanton Wallis betreibt etwa eine Stellenbörse für Hochqualifizierte und entsprechende Firmen.

Gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder die Wohnlage

Daniel-Müller-Jentsch von avenir suisse.

Daniel-Müller-Jentsch von avenir suisse.

Daniel Müller-Jentsch befasst sich bei der Stiftung Avenir Suisse mit den Themen räumliche Entwicklung und Standortwettbewerb. Er rät kleinen Kantonen wie Uri, gemeinsam mit lokalen Firmen Strategien zu entwickeln, um Jobmöglichkeiten für Hochschulabgänger und ein attraktives Umfeld mit urbanen Qualitäten schaffen. «Eine gute Wohnlage oder die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind Faktoren, mit denen kleinere Zentrumsorte wie Altdorf qualifizierte Arbeitnehmer anziehen können», sagt Müller-Jentsch. Man müsse sich auch überlegen, wie man die tertiären Bildungsangebote in der Zentralschweiz weiterentwickelt, «wobei es dafür einer regionalen Strategie bedarf statt kantonaler Alleingänge».

Einen Schritt in diese Richtung hat Uri bereits unternommen. Zurzeit entsteht in Altdorf das interdisziplinäre Institut «Kulturen der Alpen» in Zusammenarbeit mit der Universität Luzern. Denkbar wäre, dass das Institut zum Beispiel eine historische Argumentation für angemessene Wasserzinsen liefert oder das historisch-kulturelle Erbe von Uri als wichtiger Durchgangsstation in Richtung Süden erforscht. Über das Netzwerk Urimed versucht der Kanton Uri sodann, seine Medizinstudenten später für eine Tätigkeit in Uri zu motivieren. An der Veranstaltung Sprungbrett-Event Zentralschweiz werden Studenten attraktive regionale Arbeitgeber vorgestellt. Doch Bildungsdirektor Beat Jörg ist sich bewusst, dass der kleine Kanton Uri mit 36 000 Einwohnern nicht das Potenzial hat, für alle Uniabsolventen passende berufliche Perspektiven anzubieten.

Das Gleiche gilt für den Kanton Nidwalden. 81 Prozent seiner Uniabsolventen leben fünf Jahre nach Studienabschluss anderswo. Nidwalden versucht, das Manko anderweitig wettzumachen. «Als Wohnkanton sind wir sehr attraktiv», sagt Bildungsdirektor Res Schmid. Die Politik und Wirtschaftsförderung versuche stetig, zusätzliche Arbeitsplätze im Hightechsegment zu generieren und aufzubauen.

Trübsal wegen des Braindrain bläst Bildungsdirektor Res Schmid nicht: «Wir sind stolz, wenn talentierte Nidwaldner in einem anderen Kanton Karriere machen.»

Am zweitmeisten Uniabgänger verliert Thurgau. Doch auch der Ostschweizer Kanton buhlt aktiv um seine Talente. Vor sechs Jahren hat er zusammen mit St. Gallen und den beiden Appenzell die Initiative «Pro Ost» lanciert. Jedes Jahr findet in St. Gallen eine Veranstaltung statt, an der sich hochqualifizierte Ostschweizer ein Bild machen können über Karrierechancen in ihrer Region. Durchgeführt werden die Anlässe von der Firma Together AG.

Dass ein Bedürfnis nach einer solchen Dienstleistung besteht, realisierte Geschäftsführer Adrian Fischer schon während seines Studiums als Maschinenbauingenieur an der ETH Zürich. Der Thurgauer stellte fest, dass sich an ETH-Veranstaltungen nie ein Thurgauer Unternehmen präsentierte. 2001 gründete Fischer mit einem Mitstudenten die Together AG und organisierte zunächst in Ostschweizer Kantonen «Sprungbrett»-Events, um talentierte Köpfe mit interessanten Unternehmen zusammenzuführen. Unterdessen nehmen 17 Kantone diese Dienstleistung in Anspruch.

Lehr- und Wanderjahre sind gut, aber zurückkommen wäre noch besser

Beat Jörg beklagt sich nicht über die hohe Akademikerabwanderung aus Uri. «Für den Kanton ist es wertvoll, wenn die Uniabsolventen zunächst auswärts Erfahrungen sammeln», sagt der Regierungsrat. Für Uri wäre es aber wichtig, ergänzt er, «wenn ein grosser Teil der Uniabsolventen nach ihren Lehr- und Wanderjahren wieder nach Uri zurückkehren, um dort ihr kreatives Potenzial zu entfalten».

Jörgs Wunsch erhört hat Andrea Müller Reid. Sie wuchs in Bürglen und Altdorf auf, schloss im Jahr 2002 in Basel ihr Medizinstudium ab und wirkte zunächst während eines Jahres als Assistenzärztin Chirurgie im Kantonsspital Uri. Danach verdiente sie in vier Kantonen ihre Sporen als Frauenärztin ab. 2010 eröffnete sie in Schattdorf eine eigene Praxis, seit drei Jahren ist Müller Reid Chefärztin Gynäkologie und Geburtshilfe im Kantonsspital Uri. Müller Reid wohnt in Altdorf und schätzt die Lebensqualität. Nach ihren Wanderjahren sagt die 44-jährige Mutter einer bald 5 Jahre alten Tochter: «Ich würde nirgends anderswo leben wollen.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.