BISTUMSWIRREN: Langer Schatten ins Licht

Es geht drunter und drüber am Churer Hof. Mittendrin steht Bischof Vitus Huonder. Sein Wirken wird weit über seine Amtszeit hinausreichen.

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Die dunklen Wolken hängen schon länger am Himmel über dem Churer Hof. Doch nun, mit dem Beginn der Passionszeit, dräuen sie noch schwerer. «Es kracht im Gebälk wie seit Jahrzehnten nicht mehr», schrieb die «Südostschweiz» letzte Woche. Und bezog sich dabei auf die Wirren um den Churer Bischof Vitus Huonder, der dem Papst nach Ostern seinen Rücktritt anzubieten hat. So will es das Kirchenrecht, das vorsieht, dass ein Bischof mit Erreichen des 75. Altersjahrs seinen Sitz zur Verfügung stellt.

Nun ist es nicht so, dass dem Kirchenmann im Bistum Chur ausschliesslich Tränen nachgeweint würden. Viele sehnen den Tag herbei, an dem Huonder den Bischofsornat ablegt. Der ehemalige Disen­tiser Klosterschüler, der vor knapp zehn Jahren zum Bischof geweiht wurde, hat zuverlässig an schwindendem Rückhalt und Polarisierung gearbeitet. Seine Äusserungen zur Homosexualität, seine Einlassungen zu den Empfängern von Sterbehilfe und seine etwas aus der Zeit gefallene Gender-Kritik haben ihn so bekannt wie umstritten gemacht.

Das wird Huonder, der in jungen Jahren im Obwaldnerischen einst als Vikar vom Acker vertrieben wurde, möglicherweise gefallen haben – auch wenn er dies selbstredend kaum zugeben würde. Es war und ist bei aller Strenge der katholischen Soziallehre immer auch etwas Uneindeutiges im Doktor der Theologie. Jedenfalls etwas, das Raum für Interpretation lässt. Wie ein Hohn muss in den Ohren der Huonder-Kritiker deshalb der Wahlspruch des Churer Bischofs klingen: «Alles in Christus erneuern». Auch dieser Satz birgt unterschiedliche Lesarten. Ist Jesus nun das Objekt der Erneuerung oder die Erneuerung selber?

In abgewandelter Form stellt sich die Frage auch bei der Nachfolgeregelung für den Bischof: Geht es um diese selber oder doch eher um eine im Sinn von Huonder? Es überrascht nicht, dass schon die Suche nach dem Weg für einen Nachfolger alles andere als gradlinig verläuft. Soll es ein apostolischer Administrator sein, der den Churer Hof in die Ruhe führt, wie es sich progressive Kräfte wünschen? Oder kommt am Ende doch Generalvikar Martin Grichting, hierarchisch ebenso wie ideologisch der zweite Mann hinter Huonder, als neuer Bischof zum Zug?

Einer, der das Churer Innen­leben bestens kennt, ist Bistumssprecher Giuseppe Gracia. Selber selten um eine Meinung verlegen, hat er nach Ansicht seiner Kritiker unbotmässig in die Nachfolgeregelung eingegriffen. Dies, indem er sich als Informant von Medien in den Kindsmissbrauchs-Skandal bei den Kapuzinern einmischte und dabei den Generalminister des Ordens, Mauro Jöhri, diskreditierte. So lautet die unbewiesene Kritik der Gracia-Gegner. Wobei die Kapuziner ihrerseits mit dem Vorschieben der Kirchenpolitik von eigenen Verfehlungen ablenkten. Das Bistum führt derzeit ein Schauspiel von welttheaterlichem Format auf.

Dessen Ende ist noch nicht geschrieben. Schliesslich ist das Ende der Passionszeit fern. Und Bischof Huonder bleibt Zeit, sich über eine passende Osterbotschaft Gedanken zu machen. Als Vorbild könnte er sich die Worte von Papst Franziskus vom 5. April 2015 nehmen. Das urbi et orbi lautete damals: «Die Liebe hat den Hass überwunden, das Leben hat den Tod besiegt, das Licht hat die Finsternis vertrieben!»

Balz Bruder