Ostergespräch

Bischof Gmür: «Priestermangel kein Grund, über das Zölibat nachzudenken»

Der neue Bischof Felix Gmür spricht im Interview mit der az über den Glauben, das Zölibat und seinen Vorgänger Kurt Koch.

Christian Dorer und Theodor Eckert
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Sie wurden Mitte Januar zum Bischof geweiht: Sind Sie im neuen Amt angekommen?

Bischof Felix Gmür: Ja, ich arbeite und habe bereits sehr viele Leute getroffen, ich war schon in den meisten Kantonen meines Bistums.

Und in welchem Zustand haben Sie es vorgefunden?

Gmür: Über den Zustand kann ich nicht viel sagen, aber ich stelle fest, dass viele gute Leute im Bistum Basel arbeiten.

Sie sind weltweit der einzige Bischof, der nicht direkt vom Papst ernannt wird, sondern bei dem ein weltliches Gremium mitreden darf. Finden Sie das sinnvoll?

Gmür: Ich bin Schweizer, daher bin ich es gewohnt, dass bei einer Wahl verschiedene Gremien entscheiden. Und ja: Ich erachte es in diesem Fall als sinnvoll. Der Staat hat aber die Tendenz, die Kirche zu kontrollieren. Damit kann ich leben.

Sie gelten als progressiv. Der Papst hätte Sie wohl nicht von sich aus zum Bischof ernannt.

Gmür: Das weiss ich nicht, ich bin kein Prophet, da müssten Sie den Papst selber fragen.

Wie hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie Bischof sind?

Gmür: Nicht verändert hat sich die Tatsache, dass ich viel arbeite und wenig Freizeit habe. Neu trage ich eine grössere Verantwortung. Und ich stelle fest, dass die Leute manchmal nicht wissen, wie sie mich ansprechen sollen.

Wie sollen sie es tun?

Gmür: Mit «Herr Bischof», das ist so üblich und geht in Ordnung.

Gehen Ihre Mitarbeiter seit Ihrer Wahl anders mit Ihnen um?

Gmür: Sie kommen mit anderen Fragen zu mir. Der menschliche Umgang jedoch hat sich nicht verändert.

Und wie reagieren Leute auf Sie, die Sie nicht kennen?

Gmür: Sie sehen mich in erster Linie als Bischof. Und dann erst als Mensch. Vielleicht ist das aber auch eine Unterstellung. Negative Erfahrungen habe ich bis jetzt keine gemacht.

Wie sieht der Arbeitstag eines Bischofs aus?

Gmür: Kein Tag gleicht dem anderen. Es gibt eine tägliche Messe, anschliessend bin ich unterwegs: An Besprechungen fahre ich mit dem Auto oder Zug, da kann ich lesen und arbeiten.

Sie haben keinen Chauffeur?

Gmür: Wir haben einen Chauffeur für alle. Derjenige, der am weitesten fahren oder sich vorbereiten muss, kann den Dienst beanspruchen. Das war schon immer so. Mein Arbeitstag dauert in der Regel von sechs Uhr morgens bis elf Uhr abends. Mal länger, mal kürzer.

Und wann nehmen Sie sich Ihre Freizeit?

Gmür: Einmal pro Woche nehme ich frei. Als Priester ist es üblich, dass man einen Tag frei hat. Dann arbeite ich auch wirklich nicht, fahre zum Beispiel Ski und suche so den Ausgleich zur Arbeit.

Sie haben die Fasnacht besucht. Gibt es Regeln für einen Bischof, was sich ziemt und was nicht?

Gmür: Nein, das gibt es nicht. Ich war dieses Jahr in Luzern als Ehrengast eingeladen. Normalerweise gehe ich als Akteur an die Fasnacht und nicht als Zuschauer.

Haben Sie Papst Benedikt schon mal getroffen?

Gmür: Ja, aber nicht als Bischof. Ich traf ihn zweimal als Sekretär der Bischofskonferenz und einmal bei einer Audienz mit den Schweizergardisten. Beim Treffen mit den Schweizer Bischöfen sprach er eine halbe Stunde lang frei – aber wie gedruckt. Das war sehr beeindruckend.

Hat der Bischof von Basel bei einem dringenden Anliegen Zugang zum Papst?

Gmür: Wenn ich eine Audienz wollte, würde ich mich an den Nuntius wenden.

Sie führen im Bistum – Seelsorger und Lehrpersonen eingerechnet – über 1000 Mitarbeiter, sind also quasi auch Manager. Woher können Sie das?

Gmür: Mein Anliegen ist es, alle zu kennen, die einen direkten Auftrag, eine Mission haben, also über 50 Prozent bei der Kirche arbeiten. Deshalb versuche ich, möglichst alle zu treffen und Versammlungen zu besuchen. Eine eigentliche Führungsausbildung habe ich nicht absolviert, man muss in die Aufgabe hineinwachsen. Ich werde aber in Rom einen Kurs für neue Bischöfe besuchen. Ich kümmere mich ja auch um Budget- und Personalfragen. Diese Tätigkeiten habe ich bereits in der Bischofskonferenz ausgeübt. Daher kenne ich das.

Sie erhalten viele Briefe von Ihren Gläubigen. Was ist das dringendste Anliegen?

Gmür: Zurzeit erhalte ich vor allem Glückwünsche – noch... (lacht). Nun, die einen finden, dass die Kirche so bleiben soll, wie sie ist. Die anderen fordern Veränderungen. Allen ist aber wichtig, dass die Authentizität unserer Kirche, des Christentums bewahrt wird.

Weil die Menschen andere Religionen fürchten?

Gmür: Nein, ich erhalte nur sehr wenige Briefe, die sich gegen den Islam richten oder die Überfremdung fürchten. Es wird eher verlangt, dass wir zu unserer eigenen Kirche Sorge tragen. Was auch mein Anliegen ist. Wenn man den Glauben lebt, trägt man auch Sorge zur Kirche. Das kann aber nicht der Bischof für die Menschen übernehmen. Er kann zum Glauben ermuntern, leben muss jeder für sich. Der Bischof ist zwar eine Identifikationsfigur, aber letztlich bin ich nur ein Transportmittel.

Als Bischof müssen Sie nun bereits den ersten handfesten Konflikt bewältigen: Der Pfarrer von Kappel hatte eine Affäre mit einer Sekretärin. Darauf haben Sie ihn zur Demission aufgefordert, die Kirchgemeinde wehrt sich. Kommt es zu einem zweiten Fall Röschenz?

Gmür: Die beiden Fälle sind überhaupt nicht vergleichbar. Zum Pfarrer von Kappel: Es wird immer gesagt, dass in dieser Beziehung zwei Menschen involviert sind. Das ist korrekt. Zum einen der Pfarrer, zum anderen eine Frau. Für die Frau bin ich nicht verantwortlich, wohl aber für den Pfarrer. Ich als Bischof erteile ihm eine Mission und muss somit ihn und nicht die Frau zur Rechenschaft ziehen...

...was Sie gemacht haben.

Gmür: In diesem Fall gibt es in erster Linie einen Arbeitskonflikt. Der Vorgesetzte hatte mit einer Untergebenen ein intimes Verhältnis. Das geht in keiner Institution, schon gar nicht in einer öffentlichen. Jeder Politiker müsste in einem solchen Fall zurücktreten, abgesehen von Clinton (lacht). Als Seelsorger hat ein Pfarrer zudem eine höhere Verantwortung.

Es ist ein Problem des Zölibats.

Gmür: Nein, eben gerade nicht. Als Seelsorger und Chef ist ein intimes Verhältnis zu einer Angestellten auch ohne Zölibat ein Tabu.

Befürchten Sie nun einen Aufstand der Kirchgemeinde?

Gmür: Der Pfarrer hatte hervorragende seelsorgerische Qualitäten, das ist unbestritten. Ich beschloss, dem Pfarrer eine Aus- und Bedenkzeit von zwei Wochen zu geben. Danach wird die Kirchgemeinde eingeschaltet, um zu entscheiden, wie es weitergeht. Der Pfarrer und die betroffene Frau wohnen beide im selben Dorf. Daher sind viele Menschen emotional involviert und können zurzeit nicht objektiv entscheiden.

Dieser Fall war öffentlich, Sie mussten handeln. Wie aber würden Sie reagieren, wenn Sie von einer Beziehung eines Pfarrers zu einer Frau erfahren, das Verhältnis nicht öffentlich ist und sich niemand daran stört?

Gmür: Ich habe nicht gehandelt, weil der Fall öffentlich wurde – mein Entscheid stand schon vorher fest. Es geht um die Sachlage eines Falles und nicht um dessen Medienpräsenz. Wegschauen kommt auf keinen Fall infrage.

Herr Bischof, wie verbringen Sie die Ostertage?

Gmür: Ich leitete in der Nacht auf Sonntag die Osternachtsfeier in der Jesuitenkirche in Solothurn. Das ist die wichtigste Messe des ganzen Jahres. Am Ostersonntag werde ich in Risch am Zugersee die Messe halten, der örtliche Pfarrer erlitt einen Herzinfarkt und ich springe für ihn ein.

Ausser an Ostern und an Weihnachten bleiben viele Kirchen leer, die Kirchenaustritte häufen sich. Was unternehmen Sie dagegen?

Gmür: In erster Linie müssen die Kirchenvertreter glaubwürdig sein. Die Kirchgänger müssen die Messe als eine Bereicherung empfinden. Sie darf nicht unverständlich sein, und sie darf nicht zu lange dauern. Die Messe muss also professionell und authentisch rüberkommen. Wir müssen die Menschen abholen in der heutigen Welt der Bilder, in der wir leben. Nach einem Besuch in der Kirche sollen die Menschen gestärkt nach Hause gehen. Ob das gelingt, liegt an jedem einzelnen Pfarrer. Sie haben grosse Freiheiten in der Gestaltung der Gottesdienste, damit ist auch eine grosse Verantwortung verbunden.

Offenbar sehen viele Menschen die Messe nicht mehr als Bereicherung an. Was ist schiefgelaufen?

Gmür: Es herrscht die Meinung vor, dass man immer mit allem, was die Kirche sagt, einverstanden sein muss. Die Frustrationstoleranz ist tief: Wenn jemand einen schlechten Gottesdienst erlebt, geht er nie mehr in die Kirche. Die Skepsis gegenüber Institutionen ist generell gewachsen, das spüren auch die Lehrer und die Politiker. Dazu kommt: Im täglichen Leben verlieren christliche Tugenden, wie zum Beispiel das Tischgebet, zunehmend an Bedeutung.

Wie treten Sie dem entgegen?

Gmür: Wir müssen die Ernsthaftigkeit des Glaubens wieder in den Mittelpunkt rücken. Es gibt die Tendenz des Kuschelgottes: Der macht alles gut, man muss nur ein bisschen beten und glauben, und alle Probleme sind gelöst. Ich will nicht einen strafenden Gott predigen, jedoch das Bewusstsein fördern, dass die Kirche den Menschen eine Hilfe ist. Sie sollen ihre Probleme oder ihre Lebenslage mithilfe der Kirche verarbeiten und bewältigen können.

Wie wollen Sie junge Menschen davon überzeugen?

Gmür: Sicher nicht mit irgendwelchen Tricks. Auch hier: mit authentischem Leben. Wir haben viele junge Eltern, die sich in der Kirche engagieren. Ich bin ein Optimist und sage deshalb: Freuen wir uns lieber über die, die da sind, statt uns über die zu beklagen, die fehlen. In der Geschichte der Kirche ging es schon immer auf und ab, ich sehe die gegenwärtige Entwicklung relativ gelassen. Das kann schnell wieder kehren. Was mir Sorgen bereitet: In manchen Familien wird der Glaube nicht mehr weitergegeben, weder zu Hause noch in der Schule. Was bedeutet das für die künftigen Generationen? Vielleicht ist aber auch das der Wille Gottes.

Viele Katholiken haben schlicht Mühe mit der Position von Rom.

Gmür: Ja, die Menschen sind verunsichert. Rom muss aber auch oft als Sündenbock herhalten. Denn viele Entscheide des Vatikans beeinflussen die Gläubigen in ihrem Alltag in keiner Art und Weise. Zudem nehmen viele nur selektiv wahr, was aus Rom kommt. Wenn der Papst Solidarität mit Japan und Libyen verlangt und sagt, dass die Katastrophen keine Strafe Gottes seien, jubelt niemand. Die einzelnen Pfarreien geniessen grosse Freiheiten.

Viele Menschen glauben an Gott und treten trotzdem aus der Kirche aus. Kann man seinen Glauben leben ohne die Kirche?

Gmür: Man kann sicher ein guter Mensch sein ohne die Kirche. Aber Christ sein geht aus meiner Sicht nur in einer Gemeinschaft. Man kann nicht für sich alleine Christ sein, das ist ein Widerspruch in sich. Denn das Christentum ist eine Gemeinschaft, die auf dem Zusammenleben beruht. Das Christentum denkt ähnlich wie die afrikanischen oder orientalischen Gesellschaften in Gemeinschaften. Wenn eine Frau in einem Dorf am Sterben ist, darf das dem Metzger nicht egal sein. Nicht weil er dann an eine Person kein Fleisch mehr verkaufen kann, sondern weil die Frau Teil des Dorfes, der Gemeinschaft ist.

Wie stark haben die Missbrauchsfälle der Kirche geschadet?

Gmür: Der Imageschaden ist sehr schlimm, und das äussert sich auch in Kirchenaustritten. Deshalb versuche ich, wie auch schon Bischof Koch, volle Transparenz zu schaffen.

Der eigentliche Skandal besteht darin, dass die Kirche versucht hatte, Missbrauchsfälle zu vertuschen.

Gmür: Absolut. Im Bistum Basel hatten wir in letzter Zeit zum Glück keine derartigen Fälle. Für mich gilt klar die Nulltoleranz, und das wissen auch alle.

Offenheit und Transparenz scheinen wichtig zu sein für Sie.

Gmür: Das ist so. Sonst können Gerüchte entstehen. Auch unbequeme Themen, wie der Fall Kappel, müssen transparent gehandhabt werden. Die Dreifaltigkeit ist ein Kommunikationsbegriff: Im Johannesevangelium kommunizieren der Vater, der Sohn und der Heilige Geist ständig. Die Kommunikation gehört zum Christentum.

Sie sind mit 44 Jahren ein junger Bischof, ein progressiver Christ. Ist es möglich, dass Sie sich im Laufe Ihrer Amtszeit verändern werden und konservativer werden?

Gmür: Ich hoffe sehr, dass ich mich verändere und entwickle. Es ist keinem Menschen zu wünschen, dass er immer gleich bleibt. Selber wünsche ich mir einen Wandel im Sinne einer Vertiefung des Glaubens und unserer Botschaft. Früher missionierte man, heute hat man einen Auftrag.

Ihr Vorgänger, Bischof Kurt Koch, wandelte sich vom progressiven zum konservativen Bischof.

Gmür: Das war kein Wandel vom Progressiven zum Konservativen, sondern eher eine Veränderung in der Wahrnehmung, weil sich seine Verantwortung verändert hatte. Als Professor bestand seine Aufgabe darin, möglichst viele Vorschläge für die Weiterentwicklung der Kirche zu machen. Als Bischof musste er die verschiedenen Vorschläge abwägen: welche sind umsetzbar und welche nicht. So sah er plötzlich seine eigenen Vorschläge aus einer anderen Perspektive. Der Vorgang ist zu vergleichen mit einem Mann, der Vater wird. Da verändert sich die Optik auch. Männer, die keine Kinder haben, machen oft tolle Vorschläge, wie die Kinder zu erziehen sind. Und merken erst, wie unrealistisch ihre Ideen waren, wenn sie selber Vater geworden sind.

Das könnte Ihnen ja auch passieren: dass Sie merken, dass Ihre früheren Ideen unrealistisch sind.

Gmür: Das ist möglich, ja.

Eine bemerkenswerte Aussage von Ihnen ist folgende: Sie sagten, dass es aus Ihrer Sicht kein Zölibat brauche, um zum Priester berufen zu sein.

Gmür: Ich finde das Zölibat etwas Gutes und Wunderbares, wenn man es glaubwürdig leben kann. Es weist darauf hin, an was wir glauben: Gott alleine genügt, um glücklich zu sein und ein erfülltes Leben zu haben. Ich erachte das als wichtig, auch für mich persönlich. Aber wichtig heisst nicht nötig. Muss ein Mensch, der zum Priester berufen ist, auch zwingend zum Zölibat berufen sein? Deshalb könnte man darüber diskutieren, ob das notwendigerweise dazugehört. Die höchsten Autoritäten der Kirche betonten mehrmals, dass die beiden Berufungen zusammengehören. Das muss man respektieren.

Ist es möglich, dass sich diese Position ändern könnte?

Gmür: Es ist durchaus möglich, dass die Kirche die Frage nochmals vertiefen wird. Allerdings dreht sich bei dieser Frage heute immer alles um Sex. Das ist aber nur ein Bestandteil. Eine Beziehung ist viel mehr: Es geht auch um die Entscheidung zwischen der Beziehung zu einer Frau oder der zölibatären Beziehung zu Gott.

Könnten Sie persönlich Ihr Amt ohne Zölibat nicht so ausführen, wie Sie es jetzt machen?

Gmür: Das weiss ich nicht. Mein Leben wäre ganz anders verlaufen. Anstatt mich zu fragen, wie es wäre, nicht zölibatär zu leben, mache ich lieber das gut, wofür ich mich entschlossen habe.

Wie viele Priester kommen zu Ihnen, die Mühe haben, zölibatär zu leben?

Gmür: Bis jetzt ist noch keiner gekommen.

Würde eine Aufhebung des Zölibats dem Priestermangel entscheidend entgegenwirken?

Gmür: Ich warne vor der Idee, dass wir ohne Zölibat mit Priestern überschwemmt würden. Die reformierte Kirche hat ja ohne Zölibat dasselbe Problem. Der Priestermangel darf nicht der Grund sein, über das Zölibat nachzudenken. Wenn, dann muss der Glaube der Auslöser der Diskussion sein, also die Fragen: Was bedeutet es, für einen Dienst in der Kirche berufen zu sein? Die praktischen Überlegungen dürfen nicht die Hauptrolle spielen.