BILDUNG: Deutliches Signal aus Zürich

An den Zürcher Primarschulen wird der Pflichtstoff nicht reduziert: Es werden auch künftig zwei Fremdsprachen unterrichtet. Das hat das Stimmvolk beschlossen – es ist ein Entscheid, der nationale Ausstrahlung hat.

Eveline Rutz
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Die Primarschüler im Kanton Zürich büffeln auch weiterhin Englisch und Französisch. (Bild: Gaëtan Bally/KEY (Zürich, 12. März 2015))

Die Primarschüler im Kanton Zürich büffeln auch weiterhin Englisch und Französisch. (Bild: Gaëtan Bally/KEY (Zürich, 12. März 2015))

Eveline Rutz

Auf dem Stundenplan der Primarschüler im Kanton Zürich stehen auch weiterhin zwei Fremdsprachen. Ab der zweiten Klasse lernen sie Englisch, ab der fünften Französisch. 60,8 Prozent des Stimmvolkes haben die Initiative «Mehr Qualität – eine Fremdsprache an der Primarschule» gestern abgelehnt. Die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner wertete das Resultat als «Bekenntnis zur Vielsprachigkeit unseres Landes». Fremdsprachenkenntnisse zählten zu den Schlüsselkompetenzen, die es ermöglichten, sich beruflich und privat erfolgreich zu bewegen, so Steiner. Sie seien in der Schweiz von besonderer Bedeutung. «Die Stimmberechtigten haben unser Fremdsprachenkonzept bereits zum dritten Mal bestätigt», sagte die CVP-Politikerin.

Im Jahr 2006 hatten die Zürcher eine Initiative gegen das Frühfranzösisch abgelehnt, 2008 dem Gesetz über das Harmos-Konkordat zugestimmt. Zu Letzterem hätten sie sich nun erneut bekannt, sagte Steiner, welche die Konferenz der kantonalen Bildungsdirektoren (EDK) präsidiert. «Dies dürfte auf andere Kantone eine Signalwirkung haben.» Die Lehrerschaft, aus deren Reihen die Initiative stammt, ist entsprechend enttäuscht. «Offenbar ist unsere Botschaft, dass wir für zwei Fremdsprachen sind, aber anders gestaffelt, nicht gehört worden», sagt Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerverbands (ZLV). Den Stimmberechtigten sei die Situation im Schulzimmer zu wenig bewusst geworden, und einige hätten wohl befürchtet, dass das beliebtere Englisch auf die Oberstufe verschoben werde. Bildungsdirektorin Steiner hatte im Vorfeld des Urnengangs angekündigt, dass sie dies tun würde – aus staatspolitischen Überlegungen. Tatsächlich wäre es nach einer Annahme der Initiative wohl zu einem jahrelangen politischen Seilziehen gekommen.

Mehrheit der Parteien war gegen Initiative

«Ich bin erleichtert, dass uns eine grosse Reform erspart bleibt», sagte Steiner gestern. Bei einem Ja hätten unter anderem die Lehrmittel und die Ausbildung der Lehrpersonen angepasst werden müssen. Sie nehme die Anliegen und Bedenken der Lehrerschaft ernst, so die Regierungs­rätin weiter. Mit zusätzlichen Fremdsprachenlektionen werde der Lehrplan 21 Entlastung bringen. Auch sei bereits ein neues Lehrmittel ausgearbeitet worden. Die Lehrer halten an ihren Forderungen nach besseren Rahmenbedingungen fest. Der ZLV verlangt etwa, dass vermehrt in Halbklassen unterrichtet wird und Austauschprogramme mit der Westschweiz geprüft werden. Er möchte zudem, dass evaluiert wird, weshalb der Lernerfolg bei den Fremdsprachen bescheiden ist. «Der Unmut in der Praxis ist gross», sagt Sekundarlehrer und GLP-Kantonsrat Christoph Ziegler. Der Abstimmungskampf habe eine wichtige Diskussion angestossen, die Befürworter hätten einen Achtungserfolg erzielt. Sie hatten nicht nur den Kantons- und den Regierungsrat, sondern auch die Mehrheit der Parteien gegen sich. Einzig SVP, EVP und EDU hatten die Ja-Parole beschlossen, die GLP hatte keine Empfehlung abgegeben. «Wir werden unsere Forderungen weiter anmelden», so Ziegler. Im Vordergrund stünden pädagogische Aspekte, nicht politische.

Tatsächlich hätte ein Zürcher Ja auf nationaler Ebene Fragen aufgeworfen. Es hätte dem Harmos-Konkordat und dem interkantonalen Sprachenkompromiss widersprochen. Je nachdem hätte sich der Bundesrat dazu veranlasst gesehen, einzugreifen. Der Berner SP-Nationalrat Matthias Aebischer, Mitglied der Bildungskommission (WBK), ist froh, dass Zürich nicht ausschert. «Der Kanton steht zum Sprachenkompromiss, den er unter Ernst Buschor einst selbst provoziert hat», sagt er. Er habe sich klar für Französisch auf der Primarstufe ausgesprochen. Aus nationaler Sicht sei dies zentral. WBK-Präsident Felix Müri (SVP/LU) betont, dass die Kantone eine gewisse Flexibilität bräuchten. Genf und Zug gewichteten Englisch zum Beispiel stärker als weniger international ausgerichtete Kantone. Der Bund dürfe da nicht zu viele Vorgaben machen, sagt Müri. Entscheidend sei, dass die Schüler aller Kantone nach dem 9. Schuljahr eine Fremd- und eine andere Landessprache auf demselben Niveau beherrschten.

In Zürich ist die Sprachenfrage vorerst vom Tisch. Auf nationaler Ebene wird die Debatte jedoch weitergehen. Im Thurgau hat sich das Kantonsparlament kürzlich dafür ausgesprochen, das Französisch auf die Oberstufe zu verschieben. Der Schlussentscheid steht am 14. Juni an. In Luzern gelangt am 24. September die Volksinitiative «Eine Fremdsprache auf der Primarstufe» zur Abstimmung.