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«Bhüet di Gott, min Liebe»: Erinnerungen an Pfarrer Ernst Sieber

Im Alter von 91 Jahren ist Ernst Sieber gestorben. Erinnerungen an eine Begegnung mit dem legendären Zürcher Pfarrer, der sich zeitlebens um Obdachlose, Randständige und Drogensüchtige kümmerte.
Pascal Ritter
Pfarrer Ernst Sieber auf dem reformierten Friedhof in Horgen. Im Hintergrund seine Bronzefiguren. (Bild: Pascal Bloch/Keystone (23. Februar 2017))

Pfarrer Ernst Sieber auf dem reformierten Friedhof in Horgen. Im Hintergrund seine Bronzefiguren. (Bild: Pascal Bloch/Keystone (23. Februar 2017))

Pfarrer Ernst Sieber segnete auf dem Parkplatz noch Menschen, die ihm zufällig begegneten. ­Darum kam er etwas verspätet in den «Löwen» in Uitikon. In diesem Dorf am Uetliberg, wo Sieber einst als evangelisch-reformierter Pfarrer wirkte, ist er am vergangenen Pfingstsamstag im ­Alter von 91 Jahren friedlich eingeschlafen.

Wir waren an jenem Wintertag 2016 zum Weihnachtsinterview verabredet. Niemand konnte die Weihnachtsbotschaft auch nur annähernd so glaubhaft ­wiedergeben wie der ehemalige Knecht aus Horgen. Doch im «Löwen» war kein Tisch mehr frei, also mussten wir improvisieren. Sieber schlug eine Beiz in Stallikon vor, ein paar Dörfer weiter. Weil ich mit dem Velo zum Interview gekommen war, stieg Sieber in sein Elektrowägeli, das mit Sonnenblumen aus Plastik dekoriert war, und fuhr voraus. Auf dieses Gefährt hatte er umsteigen müssen, nachdem er seinen roten Renault im Jahr 2012 gegen eine Strassenlaterne gesetzt hatte.

Ernst Sieber war bekannt dafür, sich nicht immer an das Strassenverkehrsgesetz zu halten, wenn er «im Auftrag Gottes» unterwegs war. Befürchten musste er wenig. Welcher Polizist brachte es übers Herz, diesem Pfarrer eine Busse zu geben? ­Einmal habe sich ein Polizist bei Sieber bedankt, erzählte er später. Der Pfarrer hatte sich um den Bruder des Beamten gekümmert, als der Mann in die Zürcher Drogenszene geraten war. Sieber gründete in den 1980ern und 1990ern Anlauf- und Notschlafstellen sowie ein Hospiz für Aidskranke.

Mal folgsam, mal aufsässig

Die Suche nach einem Beizentisch für das Interview erwies sich als gar nicht so einfach. Sieber bekundete Mühe, das angepeilte Lokal zu finden, und so steuerte er zunächst auf einen Möbelladen zu. Bevor er nach dem Weg fragen konnte, ereiferte sich die Verkäuferin über das direkt vor dem Laden parkierte Elektrowägeli. «Isch guet, mir ­tüend folge», antwortete Sieber und lachte.

In seiner Antwort schwang mit, dass er auch anders könne als gehorchen. Tatsächlich konnte Sieber unbequem sein. An Demonstrationen der Zürcher ­Jugendbewegung der 1980er-Jahre tauchte er mit seinem Esel auf. Und als er von 1990 bis 1995 für die Evangelische Volkspartei (EVP) im Nationalrat sass, streckte er einmal eine selbst gebastelte Schweizer Fahne mit Guckloch in den Saal. Damit appellierte er für die Öffnung des Landes.

Von seinem Vorstoss, ein Selbsthilfedorf für ausstiegswillige Drogensüchtige zu gründen, schwärmte er, als wir endlich ­einen Ort für unser Interview ­gefunden hatten. Die Beiz neben dem Möbelgeschäft war zwar auch nicht jene, die Sieber im Sinn gehabt hatte, der Empfang war aber umso herzlicher. Die Wirtin mit Wurzeln auf dem Balkan kannte den Pfarrer mit weissem Haar und Bart genauso wie die ältere Schweizerin, die vom Nebentisch seinen Worten lauschte. Die Wirtin brachte unaufgefordert Gebäck, die Rechnung ging später aufs Haus.

Bodenständig und salonfähig

Ernst Sieber vermutete, dass seine Bekanntheit mit der nahe gelegenen «Puureheimet Brotchorb» zusammenhänge. Auf diesem Bauernhof finden dank Sieber seit 1981 Menschen Zuflucht, die wegen Sucht oder psychischer Leiden Probleme haben. Doch für einmal lag Sieber falsch. Die Menschen kannten ihn aus dem Fernsehen. Pfarrer Sieber und Markus Gilli von Tele Züri gehörten für viele zu Weihnachten wie Christkind und Esel.

Sieber war kein Mann der ­hohen Kanzel. Das hatte auch mit seiner theologischen Auffassung zu tun. Er könne nicht in Ruhe Weihnachten feiern, solange auch nur ein einziger Mensch hungere oder friere, sagte er. Indem er immer die Verlierer und Randständigen ins Rampenlicht rückte, kritisierte er implizit ­Kirche und Kapitalismus. Weil er aber darauf verzichtete, mit dem Finger auf die Gewinner oder auf Verantwortliche zu zeigen, blieb seine Botschaft salonfähig. Sieber vertrat die Botschaft des Evangeliums in einer Form, die auch Atheisten einleuchtete: ­purer Humanismus ohne Autoritarismus oder Geringschätzung von Frauen oder Homosexuellen, was zu häufig auch zur Kirche ­gehörte.

Pfarrer Ernst Siebers Engagement begann im Winter 1963. Als die Seen gefroren, richtete er in einem ausgedienten Zürcher Bunker Schlafstellen für Obdachlose ein. Aus den Heimen, Anlaufstellen und dem legendären «Pfuusbus», die er in den darauf folgenden Jahrzehnten gründete, sind die Sozialwerke Pfarrer Sieber geworden, die seine Arbeit nach seinem Tod weiterführen. Sieber, der mit allen per Du war, verabschiedete sich nach dem Interview mit den Worten «Bhüet di Gott, min Liebe» und brauste mit seinem roten Wägeli davon.

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