Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Beunruhigender Knick in der Kurve: Sieben Thesen zum Jugendgewaltanstieg

Jugendgewalt entwickelt sich wellenförmig. Dass es früher besser gewesen sein soll, trifft für manche Jahre zwar tatsächlich zu, für andere aber nicht. Da die entsprechende Statistik selber gerade erst 19-jährig wurde, erfasst sie nur eine einzige, grosse Welle. Sie wirft die Frage auf: Stehen wir am Anfang der nächsten Welle?
Andreas Maurer

Die Daten beziehen sich auf die Jugendstrafurteile, welche die Kantone dem Bundesamt für Statistik melden. Erfasst wird, wie viele Minderjährige in einem Jahr verurteilt werden. Die Jugendgewalt ist ein Teilbereich der Jugendkriminalität und besteht aus den sogenannten Delikten gegen Leib und Leben. Im Vergleich zur polizeilichen Kriminalitätsstatistik ist die Strafurteilsstatistik präziser, da sie nicht auf Beschuldigungen, sondern auf nachgewiesenen Taten basiert.

In den Jahren von 2000 bis 2010 haben sich die Verurteilungen von Jugendlichen wegen Gewaltdelikten mehr als verdoppelt: von 800 auf 2000. Die Zeit war geprägt von einer Ausweitung des Nachtlebens. Nachtbusse und -züge wurden eingeführt. Der Ausgang endete nicht mehr um Mitternacht, sondern beginnt seither manchmal erst in der einstigen «Polizeistunde». Die Clubs und die Dönerbuden verlängerten ihre Öffnungszeiten. Die Partywelt schaffte den Betriebsschluss ab.

Auch am Tag breitete sich die Partyzone aus. Im Zug der «Mediterranisierung» verlagerte sich das Leben nach draussen, auf Plätze und in Pärke. Wo mehr Leben ist, finden auch mehr Delikte statt. In Kombination mit steigendem Alkohol- und Cannabiskonsum entstanden häufiger Rangeleien, Prügeleien, Messerstechereien.

Nach 2010: Einbruch der Zahl der Taten

Nach 2010 kippte der Trend. In nur fünf Jahren brach die Zahl der Jugendgewalttaten zusammen und fiel zurück auf das Niveau des Jahrs 2000. Ausschlaggebend waren drei Gründe. Erstens verlagerte sich das Leben wieder nach drinnen. Dank Smartphones musste man sich nicht mehr auf Parkbänken oder Dorfplätzen treffen, um zu kommunizieren. Die Kinderzimmer wurden digital vernetzt. Gleichzeitig ging der Gewalt- und Drogenkonsum zurück. Die Jugend vor den Bildschirmen wurde braver. Zweitens hatten Sozialarbeiter und Polizisten auf die Gewalteskalation im ersten Jahrzehnt reagiert. Jugendgewalt wurde härter bekämpft, was zuletzt den Anstieg der Urteile beschleunigte, dann aber Wirkung zeigte und zu einer Beruhigung führte.

Hinzu kommt drittens ein statistischer Effekt. 2011 wurde die Jugendstrafprozessordnung eingeführt, die mehr Möglichkeiten für einen Abschluss von Verfahren ohne Eintrag im Strafregister bot. Das erklärt den aussergewöhnlichen Knick der Kurve im Jahr 2011. Die Präventionsfachleute konnten sich zurücklehnen. Das Wunder der freundlichen Jugend war vollbracht. Nachlässigkeit bei der Prävention könnte ein Grund dafür sein, dass die Zahlen nach 2015 zwei Jahre in Folge wieder anstiegen. Die Zunahme ist minim.

Nach 2015: Zahlen steigen wieder – drei Gruppen fallen auf

Doch nicht die Zahl der zusätzlichen Delikte sorgt für Beunruhigung. Es ist die Tatsache, dass die Zahlen überhaupt wieder ansteigen. Denn der Blick in die Zeit vor 1999, für die weniger präzise Zahlen vorliegen, zeigt, dass sich die Jugendkriminalität seit dem Zweiten Weltkrieg in einem stetigen Auf und Ab befindet. Ist eine Welle abgeklungen, brandet in der Regel die nächste auf. Um eine Ahnung von der neusten Entwicklung zu erhalten, lohnt es sich, ganz nah an die Kurve heranzuzoomen.

Neue Daten des Bundesamts für Statistik schlüsseln die delinquierenden Jugendlichen nach Alter, Geschlecht und Nationalität auf. Eine Auswertung ergibt, dass drei Kategorien für die jüngste Gewaltzunahme verantwortlich sind: Schweizer, unter 15-Jährige und Mädchen. Der Vergleich zwischen Jugendlichen mit Schweizer und ausländischem Pass zeigt die grösste Veränderung der vergangenen Jahre. Die Kurve kreuzte sich im Jahr 2007. Vorher waren mehr ausländische Jugendliche gewalttätig, heute sind die Schweizer in der Überzahl. Bei den unter 15-Jährigen und den weiblichen Jugendlichen verläuft die Entwicklung parallel zueinander. Speziell ist vor allem, dass diese beiden Kategorien die starken Wellenbewegungen der männlichen Jugendlichen und der über 15-Jährigen nicht mitmachten. Sie blieben auf tiefem Niveau konstant und fielen zuletzt mit etwas mehr Gewalt auf.

7 Thesen zum Gewaltanstieg

Dirk Baier leitet das Institut für Delinquenz und Kriminalprävention der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Er sagt, der Anstieg der Jugendgewalt sei nicht derart stark, dass Alarmismus angebracht wäre. Die Veränderungen sollten aber Anlass geben, verschlechternde Bedingungen des Jugendalltags in den Blick zu nehmen. Dazu formuliert er sieben Thesen:

  • Schule: Denkbar ist, dass sich die Zukunftsaussichten von Jugendlichen wieder verschlechtern. Die Jahre bis 2015 waren geprägt davon, dass der Anteil vorzeitiger Schulabbrecher zurückging, ebenso wie die Jugendarbeitslosigkeit. Möglicherweise gibt es in diesen Bereichen wieder negative Trends.
  • Alkohol: Kürzlich hat eine Studie gezeigt, dass das Rauschtrinken unter Jugendlichen zunimmt. Alkoholkonsum ist ein Auslöser für Gewaltverhalten.
  • Prävention: Denkbar ist, dass die Präventionsanstrengungen nachgelassen haben. Die letzten Jahre waren stark geprägt davon, islamistische Radikalisierung zu verhindern; darunter könnten die «klassischen» Themen der Gewalt-/Alkohol-/Drogenprävention gelitten haben.
  • Migration: Auch wenn es empirisch nicht stimmt, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund grundsätzlich eine höhere Gewaltbereitschaft aufweisen, so ist eine ausbleibende Integration ein Faktor, der Gewaltverhalten bedingen kann. Dies ist für einige Migrantengruppen beispielsweise aus dem ehemaligen Jugoslawien oder der Türkei festzustellen.
  • Polarisierung: Möglicherweise nehmen die gesellschaftlichen Polarisierungen zu, zwischen Arm und Reich sowie zwischen wohlhabenden und sozial schwächeren Stadtteilen. Dort könnte ein Milieu entstehen, das Gewalt und Kriminalität kultiviert. Unter Jugendlichen könnte es dadurch wieder verstärkt zu Cliquen- und Gangbildungen kommen.
  • Männlichkeit: Zu erwähnen ist zudem, überspitzt ausgedrückt, eine Krise der Männlichkeit. Derzeit wird in diesem Zusammenhang auch von der «toxischen Männlichkeit» gesprochen. Denkbar ist, dass gerade junge Männer nach einer klaren Orientierung und Identität suchen und hierbei wieder auf traditionelle Männerrollen zurückgreifen. Diese Männlichkeitsnormen weisen ein Risiko für Gewaltverhalten auf. Es gibt mehrere Studien aus Deutschland, die zeigen, dass die Zustimmung zu Männlichkeitsnormen steigt; parallel dazu steigt das Mitführen von Messern, das primär ein männliches Phänomen ist und damit auch als Ausdruck einer verstärkten Symbolisierung von Männlichkeit zu verstehen ist.
  • Medien: Aggressionen im Internet und in den sozialen Medien nehmen zu. Möglicherweise gibt es einen Spill-over-Effekt: Gewalt im Netz könnte vermehrt zu Gewalt in der Realwelt führen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.