Berns Ärger mit grossen Geschenken

Das Kunstmuseum Bern erhält 1500 Bilder aus dem Gurlitt-Nachlass. Politik und Museum tun sich jedoch schwer mit dem Erbe. Es ist nicht das erste Mal, dass in Bern ein grosses Geschenk für Ärger sorgt.

Reto Wissmann
Drucken
Teilen
Alexander Tschäppät Berner Stadtpräsident (SP) (Bild: ky)

Alexander Tschäppät Berner Stadtpräsident (SP) (Bild: ky)

BERN. Im Nachlass des Anfang Mai verstorbenen Cornelius Gurlitt sollen sich Gemälde und Zeichnungen von Monet, Renoir, Picasso, Kirchner und Chagall befinden. Jedes Museum würde sich die Finger danach lecken – könnte man meinen. Doch das Kunstmuseum Bern, das vom Sohn des deutschen Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt zum Alleinerben erkoren wurde, tut sich schwer mit dem Millionengeschenk.

Zweifelhafte Umstände

Kein Wunder: Cornelius Gurlitts Vater war einer der prominentesten Kunsthändler der Nazizeit. Der Verdacht liegt nahe, dass er sich zumindest einige Werke unter zweifelhaften Umständen angeeignet hat. Laut der deutschen Task Force Schwabinger Kunstfund, die sich seit der Entdeckung des Bilderschatzes vor zwei Jahren um die Sammlung kümmert, besteht bei 458 Werken der «Verdacht eines NS-verfolgungsbedingten Entzugs». Ein Vertrauter Gurlitts geht hingegen davon aus, dass lediglich acht Bilder von den Nazis als «entartete Kunst» aus Museen entfernt oder jüdischen Besitzern vor deren Deportation abgenommen worden sind. Geklärt ist bisher erst die Herkunft eines Bildes. Mitte Juni hatte die Task Force bestätigt, dass es sich bei der «Sitzenden Frau» von Henri Matisse um Raubkunst handelt. Es soll nun seinen rechtmässigen Besitzern zurückgegeben werden. Die jüdische Familie Rosenberg hatte jahrzehntelang um die Rückgabe gekämpft. Der Fall zeigt, wie aufwendig die Provenienzforschung und die rechtlichen Abklärungen sind. Die 1500 Bilder müssten zudem sachgerecht konserviert und teilweise restauriert werden, was ebenfalls viel Geld kostet. Das Kunstmuseum Bern kann diese Aufgabe kaum alleine stemmen.

Bund hat abgewinkt

Hilfe ist jedoch nicht in Sicht. Der Bund hat bereits abgewinkt. Für eine Unterstützung gebe es keine rechtliche Grundlage. Auch im Kanton Bern ist die Zurückhaltung gross. «Die Erbschaft darf nicht zu Lasten der Steuerzahler gehen», liess SVP-Fraktionschef Peter Brand vorsorglich verlauten. Nur der Berner Stadtpräsident und SP-Nationalrat Alexander Tschäppät will die Chance nutzen und gar ein internationales Museum für Raubkunst einrichten. Woher das Geld dafür kommen soll, ist allerdings unklar. Das Kunstmuseum Bern muss es sich also gut überlegen, ob sie das Erbe annehmen oder ausschlagen will. Bis im Dezember hat es Zeit, einen Entscheid zu fällen. Für die umfangreichen Abklärungen müsse voraussichtlich «die gesamte zur Verfügung stehende Frist von sechs Monaten ausgeschöpft werden», teilte das Museum Anfang Juli mit.

Juristische Unterstützung geholt

Ansonsten gibt man in Bern derzeit äusserst spärlich aktuelle Informationen preis. Immerhin weiss man seit kurzem, dass die renommierte Zürcher Anwaltskanzlei CMS von Erlach Poncet AG mit ihren Partnerkanzleien in München, Berlin und Wien zur juristischen Unterstützung beigezogen worden ist. Bekannt ist zudem, dass Vertreter des Kunstmuseums in München waren, um Kontakte zu den deutschen Behörden zu knüpfen. Bezüglich der Gründe, warum Gurlitt ausgerechnet das Kunstmuseum Bern als Erben eingesetzt hat, tappt man hingegen nach wie vor im Dunkeln. «Es bestanden zu keiner Zeit irgendwelche Beziehungen zwischen Gurlitt und dem Museum», heisst es von der Museumsleitung.

Das Erbe kam für das Kunstmuseum «aus heiterem Himmel». Personelle und finanzielle Kapazitäten, sich darum zu kümmern, hat es an sich keine. Das traditionsreiche Haus ist bereits mit eigenen Grossbaustellen beschäftigt. Seit den Achtzigerjahren plant es eine neue Abteilung Gegenwart, wo die Sammlung an Gegenwartskunst, die zu der bedeutendsten weltweit gehört, endlich adäquat ausgestellt werden könnte. Vor einigen Jahren stand das Projekt kurz vor dem Durchbruch. Der Mäzen und Milliardär Hansjörg Wyss versprach, 20 Millionen Franken zur Verfügung zu stellen. Er wurde jedoch von Stadt und Museum dermassen verärgert, dass er sich enttäuscht zurückzog. Jetzt steht eine abgespeckte Variante im Vordergrund. Laut Museumssprecherin Ruth Gilgen wurde das Baugesuch dafür Ende Juni eingereicht. Die Finanzierung ist jedoch noch nicht gesichert.

Das Kunstmuseum muss aber auch seine Strukturen umbauen. Seit Jahren fordert die Politik ein Zusammenrücken oder gar eine Fusion mit dem Zentrum Paul Klee. Unterdessen haben sich die beiden Häuser zumindest zu einer Teilfusion durchgerungen und das Kantonsparlament hat im Juni seinen Segen dazu gegeben.

Kulturpolitisches Mahnmal

Die Geschichte des Zentrums Paul Klee dürfte ein weiterer Grund sein, wieso man in Bern so zurückhaltend auf grosse Geschenke reagiert. Finanziert hat das 2005 eröffnete Museum der Pionier der orthopädischen Chirurgie und Kunstmäzen Maurice E. Müller mit über 100 Millionen Franken. Das grosszügige Geschenk wurde jedoch bald zum Sanierungsfall. Die öffentliche Hand musste immer wieder neue Gelder für Betrieb und Unterhalt sprechen. Für viele gilt das Zentrum daher heute als Mahnmal einer kurzsichtigen Kulturpolitik. Solche Fehler will man in Bern mit einer überstürzten Annahme des Gurlitt-Erbes nicht wiederholen.

Aktuelle Nachrichten