BERN: Milizoffiziere proben den Aufstand

Die Offiziersgesellschaften würden dem Verteidigungsdepartement und der Armeespitze aus der Hand fressen, monieren Kritiker. Ihre Antwort: Sie gründen einen alternativen Offiziersverein. Er soll Plattform für junge und kritische Offiziere sein.

Eva Novak
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In vielen Offiziersgesellschaften sei Kritik an der Armeespitze nicht erwünscht, sagen ehemalige Militärangehörige. (Bild: URS FLUEELER (KEYSTONE))

In vielen Offiziersgesellschaften sei Kritik an der Armeespitze nicht erwünscht, sagen ehemalige Militärangehörige. (Bild: URS FLUEELER (KEYSTONE))

Das Matterhorn im Morgenrot: Dieses urschweizerische Symbol des Aufbruchs prangt auf der Webseite eines neuen Vereins mit dem Titel «Milizoffiziere Schweiz – Unabhängig. Wach. Kritisch». Aufgeschaltet wurde die Seite an diesem Wochenende durch eine Gruppe von Offizieren, welche gemäss Eigendeklaration «die Kultur des befohlenen Denkverbotes in der Armee und in VBS-nahen Organisationen klar ablehnt». Sie wendet sich an junge Milizkader, denen sie eine Alternative zu den bestehenden Offiziersvereinigungen bieten will.

Zu Gehorsam verpflichtet

Diese seien zum «verlängerten Arm des Verteidigungsdepartements (VBS)» verkommen, moniert Mitinitiant Hanspeter Draeyer, der auf der Seite als Kontaktperson aufgeführt ist. Der Oberst im Generalstab a. D. und selbständige Unternehmensberater aus dem luzernischen Eich bezeichnet sich als «Vertreter einer Offiziersgeneration, in der kritisches Denken nicht nur erlaubt, sondern auch gefordert war – auf der Suche nach der bestmöglichen Lösung». Inzwischen sei dies weder erwünscht noch erlaubt, bedauert er. Das gelte nicht nur innerhalb der Armee, deren Chef André Blattmann Kritik nicht gelten lassen will und seine Untergebenen zu Kadavergehorsam verpflichtet. Sondern auch für die Offiziersgesellschaften. Diese würden zunehmend von Berufsoffizieren und VBS-Angestellten geleitet – und verhielten sich auch entsprechend.

Als Beispiel führt Draeyer die Gesellschaft der Generalstabsoffiziere (GGstOf) an, welcher er in einem Kommentar auf deren Internet-Blog «VBS-Hörigkeit» vorwarf. Er verlangte 2014, die GGstOf solle sich kritisch mit der Tatsache auseinandersetzen, dass die bevorstehende Armeereform trotz ihres Namens «Weiterentwicklung der Armee» (WEA) auf einer veralteten sicherheitspolitischen Analyse beruhe. «Als Antwort wurden meine kritischen Äusserungen nicht mehr publiziert – und mein Ausschluss aus der Gesellschaft diskutiert», berichtet er. Zugelassen hingegen wurde eine Diskussion über die Aussagen des Armeechefs zum angeblichen «Verräter», welcher Ungereimtheiten zum Bodluv-Projekt bekanntgemacht haben soll. Die Offenheit währte nur kurz. Kaum wurden Blattmanns verbale Entgleisungen in der Öffentlichkeit bekannt, verschwanden die kritischen Kommentare vom Netz. Man habe sich nicht als Plattform für politische Botschaften missbrauchen lassen wollen, begründet GGstOf-Kommunikationschef Peter Stephani. Andere sprechen von Zensur.

«Willfährige Vollstreckerin»

Ähnliche Probleme bekunden einige Mitglieder mit der Schweizerischen Offiziersgesellschaft (SOG), der Dachorganisation von 24 kantonalen Offiziersgesellschaften und 15 Fachoffiziersgesellschaften. Der Traditionsverein, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1833 zurückreichen, mischte sich früher laut und oft auch kritisch in die politische Diskussion ein. In letzter Zeit ist es still um ihn geworden. Kritiker sprechen von «Vasallentreue» und werfen der SOG vor, «willfährige Vollstreckerin» des Verteidigungsdepartements zu sein. Generalsekretär Daniel Slongo will dies nicht gelten lassen. Zur WEA habe sich die Offiziersgesellschaft immer sehr dezidiert geäussert, manchmal auch gegen die Position des VBS. Der Unterschied liege im Stil: «Wir sind nicht diejenigen, die laut in die Welt hinaus schreien, was alles schief läuft», sagt Slongo.

Oberst a. D. Heinrich L. Wirz sieht das anders. Der Doyen der Schweizer Militärpublizisten ist Mitglied zweier kantonaler Offiziersgesellschaften und einer Fachoffiziersgesellschaft und sagt, in keiner habe eine frühzeitige und fundierte Beurteilung der Materie stattgefunden. «Aus dem Zusammenprall der Meinungen ergibt sich das Licht der Erkenntnis»: Diesen Leitspruch hat die SOG laut Wirz missachtet und damit letztlich der Armee und auch sich selber geschadet. Von Anfang an habe sie sich «weitgehend im WEA-Kielwasser des VBS bewegt, aus was für Interessen auch immer». Dabei müsste die Gesellschaft primär die Milizoffiziere vertreten sowie ein unabhängiges Gegengewicht zur Militärverwaltung und ihren Berufsoffizieren bilden.

Ein solches möchten Draeyer und seine Gesinnungsgenossen nun anbieten. Ihr erklärtes Ziel ist, jungen Offizieren eine Plattform zu bieten, auf der sich diese kritisch äussern können und sollen, ohne das Ende ihrer militärischen Karriere fürchten zu müssen. Denn der neue Verein hat nicht die Absicht, eine Liste seiner Mitglieder zu publizieren.