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«Bei uns wird kein Tier gequält»

Bis ins Jahr 2009 führte der Neurobiologe Hansjörg Scherberger an der Zürcher Universität Versuche mit Rhesusaffen durch. Dann kamen Verbote, und er wechselte ans Deutsche Primatenzentrum.
Brigitte Schmid-Gugler
Der Neurobiologe und Grundlagenforscher Hansjörg Scherberger an seinem Arbeitsort am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen. (Bild: Brigitte Schmid-Gugler)

Der Neurobiologe und Grundlagenforscher Hansjörg Scherberger an seinem Arbeitsort am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen. (Bild: Brigitte Schmid-Gugler)

Vor dem eigenen inneren Auge spielt sich ein kleiner Thriller inklusive Storyboard ab: Der Neurobiologe Hansjörg Scherberger beschliesst, mitsamt seinen Versuchstieren zu fliehen. Er mietet einen kleinen Lieferwagen, fährt beim Eindunkeln damit vors Gehege, schliesst dieses auf, behändigt sich der vier Tiere, schiebt die Käfige in den Laderaum und braust davon – Richtung Göttingen, Richtung Deutsches Primatenzentrum.

Später wird Hansjörg Scherberger amüsiert lachen ob der abenteuerlich anmutenden Skizzierung seines Weggangs aus der Schweiz und erzählen, dass die Tiere tatsächlich mit einem Lieferwagen von Zürich nach Göttingen gebracht worden seien. Aber dies nicht bei Nacht und Nebel und schon gar nicht von ihm persönlich. Doch bevor er dies schildert, wird er von Frau Schneeweiss hinter dem Empfangstresen am Primatenzentrum über die Ankunft der angemeldeten Besucherin informiert.

Elektroden im Hirn

Von ihm erhält man sogleich Anschauungsunterricht im Forschungstrakt. Moe, eines der Versuchstiere, sitzt in einem Primatenstuhl. Eine Forscherin liest daneben an einem Bildschirm die Signale, welche das Äffchen mit seinen Handbewegungen überträgt, dazwischen immer wieder an einem Wasserschlauch nippt oder sich ein Bananenstücklein schnappt und immer wieder herzhaft gähnt. Das Tier sei darauf trainiert, auf gewisse Impulse zu reagieren, flüstert Scherberger, um Moe nicht zu stören bei seiner Arbeit.

Ja, er benützt das Wort Arbeit – die Affen würden diese Arbeit gerne tun. Sie bedeute Abwechslung zum Alltag in den Gehegen. 1300 Zuchttiere beherbergt das Deutsche Primatenzentrum; aus dem Fenster sieht man hinüber zum weitläufigen Gehege am Westflügel des Gebäudekomplexes. Vorzugsweise würden Männchen für die Experimente eingesetzt, da Weibchen meist für die Aufzucht benötigt werden, erklärt der Wissenschafter. In einem anderen Labor erklärt er anhand eines Prototyps das Objekt seiner Grundlagenforschung: Die Neuroprothese soll dereinst querschnittgelähmten Menschen helfen, über Bewegungsbefehle im Hirn eigene Funktionen mit der Hand auszuführen. Für diese Experimente müssen den Affen Elektroden ins Hirn gepflanzt werden.

Und daran scheiden sich die Geister. «Wenn einem ein Loch in den Schädel gebohrt wird, ist das selbstverständlich schmerzhaft, aber das geschieht unter Vollnarkose und ist vergleichbar mit der Operation bei Menschen, die an Parkinson leiden und die Schüttelbewegung mit Medikamenten nicht mehr kontrollieren können. Ihnen werden Elektroden in tiefe Hirnbereiche geschoben.» Genau wie den Menschen, würden den Tieren während des Heilungsprozesses Schmerzmittel verabreicht.

Nein, diese Tierversuche hätten mit Unbarmherzigkeit nichts zu tun, entgegnet Hansjörg Scherberger dezidiert auf die Einwände der Gegnerschaft von Tierversuchen. «Unbarmherzig wäre es, diese Forschung nicht zu betreiben. Denn das würde bedeuten, den Menschen den Fortschritt zu verweigern.» Am Anfang von zahlreichen weiteren lebenserhaltenden Errungenschaften für Menschen – und für Tiere – seien Tierversuche gestanden.

Wissenschafter unter Polizeischutz

«Die Diskussionen werden häufig emotional und irrational geführt. Oft ausgelöst von schockierenden Bildern, die völlig aus dem Zusammenhang gerissen worden sind», bedauert der Grundlagenforscher. Doch einen «Hardcore-Tierschützer» könne man nicht ändern, auch wenn man etwa an einer Kundgebung direkt das Gespräch suche. «Von militanten Tierschützern bekommt man – nebst anonymen Drohbriefen und Telefonanrufen – auch kaum Ratschläge, was man verbessern könnte. Es geht ausschliesslich darum, einen von der Überflüssigkeit des eigenen Tuns zu überzeugen.» Er kenne Fälle, in denen Wissenschafter und deren Familien unter Polizeischutz gestellt werden mussten. Doch sich zu verstecken, sei der falsche Weg.

«Unser oberstes Ziel ist es, die Bevölkerung darüber zu informieren, was wir tun. Das machen wir hier am Primatenzentrum mit sehr viel Öffentlichkeitsarbeit.» Bei wissenschaftlichen Experimenten dominiere immer noch die Meinung, hinter hohen Mauern würden Tiere instrumentalisiert und ihrer Würde beraubt. «Das ist hier nicht der Fall! Wir geben unseren Tieren Namen, behandeln sie wie Haustiere. Und wir können nur mit ihnen arbeiten, wenn es ihnen gut geht.» Natürlich wisse man zu Beginn eines Experiments nicht, ob es künftig etwas nützen werde. Wenn eine Garantie abgegeben werden könnte, müsste man die Forschung nicht machen, sagt Scherberger. Wenn man aber betrachte, wie die Medizin sich in den letzten zweihundert Jahren entwickelt habe – «nehmen wir nur Penicillin oder Anästhesie» – könne man nicht behaupten, Tierversuche hätten nichts gebracht. «In vielen Bereichen gab es nichts gegen eine schwere Infektion oder starke Schmerzen.»

Scherberger weist auf die Primatenforschung in China hin, die derzeit sehr im Vormarsch sei, weil man sich grosse Fortschritte in der Biomedizin verspreche. Dort würden die Tierschutz-Reglementierungen sicherlich deutlich niedrigere Standards aufweisen als in Europa.

«Ich möchte die Welt verbessern»

Die Interventionen des Tierschutzes beziehungsweise jene der Tierschutzkommission des Kantons Zürich hatten letztlich dazu geführt, dass der an der Uni Zürich als Oberassistent tätig Gewesene seine Tätigkeit vor sieben Jahren aufgab und dem Ruf nach Göttingen folgte. Allerdings, räumt Scherberger ein, wäre er wohl auch ohne den damaligen Entscheid des Bundesgerichts, welches ein Verbot der Weiterführung zweier Versuche von zwei seiner Kollegen bestätigt hatte, dem Ruf nach Göttingen gefolgt. «Für mich war entscheidend, dass ich meine Forschung weiter betreiben konnte. Hier verfüge ich über eine optimale Infrastruktur.»

Und: Sich den Begriff «Barmherzigkeit» ans Revers heften, wolle wahrscheinlich jeder. Doch letzten Endes gehe es darum, welchem Plan man im Leben folge. «Ja, ich habe einen Plan», bestätigt der Vater von zwei Kindern auf die Frage nach seinem eigenen Lebensplan. «Ich studierte, weil dort der Bezug zum Helfen da war, Humanmedizin und parallel dazu Mathematik. Ich wollte die Welt verbessern, etwas bewegen. Ich wünsche mir das immer noch.»

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