Analyse

Champions League als Final-8-Turnier - ein Zukunftsmodell?

Analyse des «Corona-Modus» im Fussball-Europacup und was für und gegen eine feste Einführung spricht. Ein gewichtiges Argument dafür: Spannendere Spiele. Ein gewichtiges Argument dagegen: Finanzielle Einbussen.

Markus Brütsch
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Nun haben wir sie also doch noch gehabt, unsere EM. Wenn auch um die Hälfte verkürzt und nur auf Klubebene. Doch das Format hat die Leute begeistert und die Meinungen sind gemacht: Will heissen: Der pandemiebedingte Ausnahmemodus in den Endphasen der Champions und Europa League soll zum Dauerbrenner werden. Je die acht besten Mannschaften treffen sich vor dem Saisonende an einem attraktiven Standort zu einem Finalturnier und ermitteln innerhalb von 12 Tagen im K.o.-System den Klub-Europameister. Umfragen auf Online-Portalen zeigen, dass sich 70 Prozent der Fussballfans wünschten, diesen Modus beizubehalten.


Ja, die letzten Wochen haben Spass gemacht. Man hatte sich in den vergangenen Monaten bei Fernsehübertragungen der einzelnen Ligen bereits daran gewöhnt, dass kein Publikum in den Stadien sitzt und reibt sich weiterhin verwundert die Augen, wie gut die Profis dennoch spielen. Zwar sieht es Jorge Valdano, der frühere Weltmeister und Trainer von Real Madrid und heutige Kommentator und Buchschreiber anders, wenn er sagt, auf diese Art sei der Fussball verstümmelt und Spieler seien Künstler, die ein Publikum bräuchten; aber man muss ja nicht zwingend die gleiche Meinung vertreten wie der Argentinier. Für viele Fussballfreunde waren die Europacup-Finalturniere ein höchst willkommener Ersatz für die wegen der Coronakrise auf nächstes Jahr verschobene EM.

Das entscheidende Tor: Kingsley Coman (Bayern verdeckt) bezwingt PSG-Goalie Keylor Navas mit dem Kopf. Die Champions League 2020 machte Spass.

Das entscheidende Tor: Kingsley Coman (Bayern verdeckt) bezwingt PSG-Goalie Keylor Navas mit dem Kopf. Die Champions League 2020 machte Spass.

Keystone

Listen wir mal auf, was für und was gegen das neue Format spricht. Die Argumente dafür: Es fällt in jedem Spiel eine Entscheidung. Wer sich vor den Fernseher setzt, weiss beim Zubettgehen, welche Mannschaft eine Runde weitergekommen ist. Sieger und Heimreiser zu sehen – was will man mehr? In einem Kräftemessen über 90 Minuten haben die Aussenseiter eine bessere Chance, den Favoriten rauszuwerfen, als in 180 Minuten. Im Hin- und Rückspiel-Modus hätte sich zum Beispiel Lyon gegen Manchester City kaum durchgesetzt. Eine einzelne Partie bedeutet tendenziell mehr Spannung, die Spiele haben eher das Potenzial, ein Thriller zu werden. Es wird weniger taktiert, und gerät eine Mannschaft in Rückstand, muss sie schnell reagieren, soll ihr die Zeit nicht davonlaufen. Es gibt auch keine Rückspiele, in denen es um nichts mehr geht. Ottmar Hitzfeld sagt aus Sicht des Trainers, dass ihm Turniere dieser Art lieber gewesen wären, weil damit die Belastungen der Spieler geringer seien und die Reisen wegfielen.


Die Argumente gegen den neuen Modus: Den Fans in Liverpool, München, Madrid, Mailand und Paris entgehen attraktive Heimspiele gegen hochkarätige Gegner. Weniger betuchte Anhänger können sich eine Reise zum Finalturnier nicht leisten. Es gibt keine «Remontadas» mehr wie 2017, als der FC Barcelona nach einer 0:4-Niederlage in Paris den PSG zu Hause in einem atemberaubenden Match mit 6:1 aus der Königsklasse schmiss. Die NZZ schreibt: «Es würde fehlen, was den Europacup so einmalig macht. Die Angst vor dem Rückspiel oder der Aspekt der Revanche.» Und natürlich sprechen auch die Finanzen für das alte, bis 2024 gültige Format: Mehr Spiele bringen mehr Zuschauer-, Sponsoren- und TV-Einnahmen. Und: Wo zum Teufel soll in WM- und EM-Jahren ein solches Turnier im engen Terminkalender Platz haben?

Vor zwei Wochen hat Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge prophezeit, der neue Modus werde wie eine Bombe einschlagen. Aus Sicht des TV-Konsumenten ist ihm kaum zu widersprechen. Erstaunlich ist Aleksander Čeferins Kehrtwende. Der Uefa-Präsident hatte bis vor kurzem keine Zweifel offen gelassen, dass die Finalturniere 2020 einmalige Ereignisse bleiben würden. Nun aber haben ihn begeisterte Rückmeldungen zum Geschehen in Lissabon und Deutschland nachdenklich gestimmt. Die Uefa werde im Herbst über eine Europacupreform nachdenken, hat Ceferin gesagt. Sie wird wohl den Kompromiss eines Final-4-Turniers ins Auge fassen, vermutlich aber aus wirtschaftlichen Gründen alles beim Alten belassen.

Ein höchst willkommener Ersatz für die ausgefallene EM

Ja, die letzten Wochen haben Spass gemacht. Man hatte sich in den vergangenen Monaten bei Fernsehübertragungen der einzelnen Ligen daran gewöhnt, dass kein Publikum in den Stadien sitzt und reibt sich weiterhin verwundert die Augen, wie gut die Profis dennoch spielen. Zwar sieht es Jorge Valdano, der frühere Weltmeister und Trainer von Real Madrid und heutige Kommentator und Buchschreiber anders, wenn er sagt, auf diese Art sei der Fussball verstümmelt und Spieler seien Künstler, die ein Publikum bräuchten; aber man muss ja nicht zwingend die gleiche Meinung vertreten wie der Argentinier. Für viele Fussballfreunde waren die Europacup-Finalturniere ein höchst willkommener Ersatz für die wegen der Coronakrise auf nächstes Jahr verschobene EM.

Listen wir mal auf, was für und was gegen das neue Format spricht. Die Argumente dafür: Es fällt in jedem Spiel eine Entscheidung. Wer sich vor den Fernseher setzt, weiss beim Zubettgehen, welche Mannschaft eine Runde weitergekommen ist. Sieger und Heimreiser zu sehen – was will man mehr? In einem Kräftemessen über 90 Minuten haben die Aussenseiter eine bessere Chance, den Favoriten rauszuwerfen, als in 180 Minuten. Im Hin- und Rückspiel-Modus hätte sich zum Beispiel Lyon gegen Manchester City kaum durchgesetzt. Eine einzelne Partie bedeutet tendenziell mehr Spannung, die Spiele haben eher das Potenzial, ein Thriller zu werden. Es wird weniger taktiert, und gerät eine Mannschaft in Rückstand, muss sie schnell reagieren, soll ihr die Zeit nicht davonlaufen. Es gibt auch keine Rückspiele, in denen es um nichts mehr geht. Ottmar Hitzfeld sagt aus Sicht des Trainers, dass ihm Turniere dieser Art lieber gewesen wären, weil dadurch die Belastungen der Spieler geringer seien und die Reisen wegfielen.

Wo im dichten Terminkalender soll ein Finalturnier Platz haben?

Die Argumente gegen den neuen Modus: Den Fans in Liverpool, München, Madrid, Mailand und Paris entgehen attraktive Heimspiele gegen hochkarätige Gegner. Weniger betuchte Anhänger können sich eine Reise zum Finalturnier nicht leisten. Es gibt keine sogenannten Remontadas mehr wie 2017, als der FC Barcelona nach einer 0:4-Auswärtsniederlage in Paris im Rückspiel den PSG in einem atemberaubenden Match mit 6:1 aus der Königsklasse warf. Die NZZ schreibt: «Es würde fehlen, was den Europacup so einmalig macht. Die Angst vor dem Rückspiel oder der Aspekt der Revanche.» Und natürlich sprechen auch die Finanzen für das alte, bis 2024 gültige Format: Mehr Spiele bringen mehr Zuschauer-, Sponsoren- und Fernseheinnahmen. Und: Wo zum Teufel sollte in WM- und EM-Jahren ein solches Turnier im eh schon engen Terminkalender Platz haben?

Vor zwei Wochen hat Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge prophezeit, der neue Modus werde wie eine Bombe einschlagen. Aus Sicht des TV-Konsumenten ist ihm kaum zu widersprechen. Erstaunlich ist Aleksander Čeferins Kehrtwende. Der Uefa-Präsident hatte bis vor kurzem keine Zweifel offen gelassen, dass die Finalturniere 2020 einmalige Ereignisse bleiben würden. Nun aber haben ihn begeisterte Rückmeldungen zum Geschehen in Lissabon und Deutschland nachdenklich gestimmt. Die Uefa werde im Herbst über eine Europacupreform nachdenken, hat Ceferin gesagt. Sie wird wohl den Kompromiss eines Final-4-Turniers ins Auge fassen, vermutlich aber aus wirtschaftlichen Gründen alles beim Alten belassen.