Bald drohen wieder höhere Aufschläge

Die Krankenkassenprämien steigen im Schnitt 2013 nur um 1,5 Prozent. Doch in den Folgejahren könnten die Prämienschübe wegen der Politik wieder stark zunehmen.

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Gesundheitsminister Alain Berset: «Eine Erhöhung ist es allemal.» (Bild: ky/Peter Klaunzer)

Gesundheitsminister Alain Berset: «Eine Erhöhung ist es allemal.» (Bild: ky/Peter Klaunzer)

Gesundheitsminister Alain Berset musste gestern vor den Medien zum erstenmal den jährlichen Prämienanstieg der Krankenkassen bekanntgeben. Dabei konnte er mit guten Nachrichten aufwarten: 2013 steigen die Prämien für Erwachsene im Schnitt nur um 1,5 Prozent. Für Kinder sinken sie um 1,4 Prozent. Gemäss Berset werden die meisten Versicherten gar nur 1,2 Prozent mehr zahlen, weil sie Modelle mit höherer Franchise oder Hausarzt gewählt haben. Der moderate Anstieg ist zum einen auf die Gesundheitskosten zurückzuführen, die mit 2,8 Prozent weniger stark als im Schnitt der letzten zehn Jahre wachsen – unter anderem dank Sparmassnahmen. Zudem verwies Berset auf die Korrektur von zu hohen Prämien für das laufende Jahr und neue Vorschriften für die Kassen bei den Reserven.

Trotz des geringen Anstiegs zeigte Berset keine Freude: «Eine Erhöhung ist es allemal.» Und seine Partei doppelte nach: Die Aufschläge seien mit Vorsicht zu geniessen, teilte die SP mit. Die Statistik blende etwa regionale Unterschiede aus.

Grosse Unterschiede bleiben

Tatsächlich gibt es unter den Versicherern und Kantonen grosse Unterschiede: So steigen die Prämien in Neuenburg und Bern nur um 0,5 respektive 0,6 Prozent, während es in der Ostschweiz zu höheren Aufschlägen kommt (siehe Text unten). Bloss: Die Prämien bleiben hier aber immer noch klar unter dem Schweizer Schnitt, während die Berner weiter sehr hohe Prämien verkraften müssen. Zudem trifft es junge Erwachsene mit einem Anstieg von im Schnitt 2,9 Prozent erneut härter. Gemäss dem Bund müssen die Kassen einen hohen Anteil dieser Prämiengelder in den Risikoausgleich zahlen, der etwa Unterschiede in der Altersstruktur der Versicherten der Kassen ausgleicht. Deshalb kürzen Kassen die Rabatte für diese Altersgruppe.

Kinder sollen nicht mehr zahlen

Fraglich ist, ob die Prämien auch in den Folgejahren nur moderat steigen. Es gibt mehrere Faktoren, die eher wieder auf höhere Prämienschübe deuten:

• Im April beschloss der Bundesrat wegen der Euroschwäche die Preise von kassenpflichtigen Medikamenten zu senken. Seither gilt ein tieferer Wechselkurs. Das soll ab 2013 240 Millionen Franken an Einsparungen bringen. Dagegen läuft die Pharmalobby Sturm. Mit Erfolg: Gestern stimmte der Nationalrat deutlich einem Vorstoss zu, der eine einvernehmliche Lösung verlangt. Berset will indes nicht auf den Beschluss zurückkommen, wie es aus seinem Departement heisst. Er arbeitet dafür an einem Masterplan für den Forschungs- und Pharmastandort Schweiz. Die Beruhigungspille wirkt offenkundig: Der Cheflobbyist der Pharmaindustrie, Thomas Cueni, gab sich in der «Basler Zeitung» unlängst zurückhaltend.

• Die neue Spitalfinanzierung ist mit grossen Unsicherheiten verbunden. Manche Kantone behindern die Umsetzung. Viele Spitaltarife sind provisorisch. Zudem führt Reform im Gesundheitswesen am Anfang meist zu Mehrkosten.

• 2011 ist der Zulassungsstop für Ärzte ausgelaufen. Laut dem Kassenverband Santésuisse haben seither 1400 neue Ärzte eine Praxis eröffnet oder wollen dies in den kommenden Monaten tun, darunter viele teure Spezialisten. Jede neue Praxis verursacht auch neue Kosten für die Versicherten. Berset und das Parlament wollen zwar dagegen vorgehen, doch der Teufel steckt im Detail. Kommt hinzu, dass die Kosten im ambulanten Bereich so oder so am stärksten steigen.

• 2011 beschloss das Parlament auf Wunsch der CVP und SP, dass Kinder von den Prämien befreit werden sollen. Fraglich ist, wie dies bezahlt werden soll. Zurzeit arbeitet eine Subkommission an der Umsetzung. Erwachsenen Versicherten drohen erhebliche Mehrkosten.

Streit um geprellte Prämienzahler

Aufatmen sollen dafür bald die Versicherten in jenen Kantonen, die in den letzten Jahren zu hohe Prämien bezahlt haben. In der Ostschweiz betrifft dies den Thurgau, wo es um 70 Millionen geht. Der Bundesrat wollte dies teilweise mit einem Prämienzuschlag zulasten jener Kantone korrigieren, die profitiert haben. Die Vorlage stösst im Parlament aber auf Widerstand. Nun hat die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren einen Vorschlag erarbeitet, der unserer Zeitung vorliegt. Demnach sollen die Kassen wenn möglich die zu hohen Prämieneinnahmen aus ihren Reserven zurückerstatten. Auch dies dürfte letztlich wieder zu höheren Prämien führen.

Tobias Gafafer, Bern