BAHN: Mit Verspätungen leben

Die Pünktlichkeit beim Zugsverkehr am Gotthard hat sich seit Inbetriebnahme des Basistunnels laut SBB deutlich verbessert. Doch es bleibt Handlungsbedarf.

Gerhard Lob, Goldau
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Der Zugsverkehr über den Gotthard ins Tessin und nach Italien war lange ein Sorgenkind der SBB – und auch mit der Inbetriebnahme des Basistunnels ist er nicht gleich zum Musterknaben mutiert. Doch gemäss einer Bilanz, welche die SBB und die italienische Bahninfrastrukturbetreiberin RFI gestern in Goldau präsentierten, ist eine deutliche Besserung eingetreten.

Die Pünktlichkeit konnte von 81 auf 87,5 Prozent gesteigert werden, die Anschlusspünktlichkeit in Arth-Goldau von 94,4 auf 97,4 Prozent. Allerdings zeigt dies, dass mehr als 12 Prozent der Züge noch immer verspätet unterwegs sind. Gerade im internationalen Verkehr ist die Situation nicht befriedigend. «Viele EC-Züge kommen aus Mailand bereits verspätet in der Schweiz an», sagt Toni Häne, Leiter Verkehr SBB Personenverkehr. Trotz einer Zeitreserve von acht Minuten, die in den Fahrplan eingebaut wurde, können häufig die Fahrzeiten nicht eingehalten werden. Und bei den EC gibt es in Zürich nur eine knappe Wendezeit von 10 Minuten. «Wenn der Zug verspätet ankommt, überträgt es sich auf die Rückfahrt», so Häne. Dieses Phänomen ist nicht marginal. Die Statistik zeigt, dass mehr Verspätungen in Nord-Süd-Richtung auftreten als in Süd-Nord-Richtung.

«Rollmaterial ist sehr knapp»

Ein Problem bleibt die Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit der ETR610-Triebzüge, welche im Verkehr mit Italien eingesetzt werden. Immer mal wieder fallen sie aus oder müssen wegen technischer Störungen vorzeitig gewendet werden. «Das Rollmaterial ist sehr knapp», sagt Armin Weber, Leiter internationaler Personenverkehr bei den SBB. Schliesslich gibt es entlang der Gotthard-Strecke immer noch eine Reihe von Baustellen, welche den Betrieb einschränken.

Zurzeit verkehren acht Zugspaare täglich zwischen Mailand und Zürich. Trotz der zu bewältigenden Probleme arbeiten die SBB daran, dereinst im Italienverkehr einen Stundentakt anbieten zu können, mit einer Fahrzeit unter drei Stunden. «Allerdings wird dies erst möglich sein, wenn der Ceneri-Basistunnel in Betrieb ist und die geplanten Arbeiten am Ostufer des Zugersees beendet sind», so Häne. Das heisst: Nicht vor Dezember 2020.

Um die Pünktlichkeit im Italienverkehr zu verbessern, stehen die SBB in enger Zusammenarbeit mit Trenitalia und der Netzbetreiberin RFI. Dabei geht es um die Frage, die Trassen für die internationalen Züge im Knoten Mailand zu garantieren. Momentan hat der Regionalverkehr Vorrang – zu Lasten des internationalen Fernverkehrs. Die Kundenorganisation Pro Bahn Schweiz, die sich kritisch zum Gotthard-Verkehr geäussert hat, anerkennt die Anstrengungen der SBB. «Aber es bleibt aus Kundensicht eine Unsicherheit im Kopf, diese ständige Frage, ob eine Verbindung wirklich klappt», sagt Karin Blättler, Präsidentin von Pro Bahn Schweiz.

Gerhard Lob, Goldau