BABYKLAPPE: «Ich rede mit den Findelkindern»

Die Hebamme Sonja Erny arbeitet im Spital Einsiedeln. Dort wurde vor fünfzehn Jahren das erste Babyfenster eingerichtet. Seither sind in der Schweiz weitere sieben solche Einrichtungen entstanden. Sonja Erny erzählt aus ihrem Alltag.

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Sonja Erny, Hebamme und Leiterin des Gebärsaals, mit einem Neugeborenen im Spital Einsiedeln. (Bild: Corinne Glanzmann/LZ)

Sonja Erny, Hebamme und Leiterin des Gebärsaals, mit einem Neugeborenen im Spital Einsiedeln. (Bild: Corinne Glanzmann/LZ)

Brigitte Schmid-Gugler

brigitte.schmid@tagblatt.ch

 

Ein nasskalter Tag Anfang Dezember. In den Schaufenstern glitzert der Weihnachtsschmuck; Krippenfiguren und Kerzen, wohin das Auge reicht. Die christliche Welt steht mittendrin in den Vorbereitungen zum grossen Fest der Geburt Christi.

Sonja Erny wird in der Mitternachtsmesse im Stiftschor vom Kloster Einsiedeln singen. Vom Suchen der Eltern nach einer Unterkunft wird die Rede sein, vom Stern, von den Hirten, der Engelschar und vom Kindlein im Stall. «Ja», antwortet sie auf die Frage nach ihrem Glauben, «ich bin durchaus ein gläubiger Mensch, wohl behütet in einer katholischen Familie im Dorf aufgewachsen. Sommers am Sihlsee, winters skifahrend an den Hügeln rund um Einsiedeln.» Eine wunderbare und unbeschwerte Kindheit und Jugend habe sie dort erlebt. Gläubig sei sie allerdings im Sinne ihrer Mündigkeit und ihrer eigenen Wahrnehmung und nicht im Sinne einer Doktrin. «Glauben bedeutet für mich viel mehr als die katholische Kirche. Mit vielem kann ich mich nicht identifizieren.»

Nach der Matura begann die heute 43-Jährige ein Medizinstudium, merkte aber schnell, dass ihr der praktische Umgang mit Menschen fehlte. «Heute kann ich sagen, dass ich den schönsten aller Berufe gewählt habe.»

Kinder sollten nicht Schuldgefühle entwickeln

Sonja Erny lächelt über die ihr erzählte Anekdote einer Freundin, die behaupte, die wahre Geschichte über Maria und Josef liege aufgeschrieben tief in den Gewölben der vatikanischen Archive. Und weil diese Wahrheit so erschütternd sei, dürfe sie nie ans Licht kommen. Josef sei nämlich Marias Onkel gewesen und sie zum Zeitpunkt der Zeugung noch ein Kind. Selbstverständlich habe sie zu dieser als auch zu anderen Auslegungen sowohl der Weihnachtsgeschichte als auch zu gewissen Stellen in Texten der Liturgie eine Meinung – «als Mutter, Hebamme und Frau. Doch das bleibt meine Privatsache und gehört nicht in die Öffentlichkeit».

Sie werde mit ihrem Mann und den zwei schulpflichtigen Kindern Weihnachten feiern. Diese wüssten von ihrer Mutter sehr wohl, was sich nicht weit von ihrem Haus entfernt vielleicht gerade in den Stunden der Heiligen Nacht abspielen wird. Im Rahmen der einzuhaltenden Schweigepflicht spreche sie mit ihren Kindern auch über das Babyfenster. Sie wünsche sich, dass die beiden angesichts des Leids in der Welt das Positive sehen können und ihr Handeln und Denken nicht von Schuldgefühlen diktieren lassen müssen. Doch auch ihre persönliche Traurigkeit wolle sie zulassen. Im Wissen darum, dass die Mutter vermutlich ganz für sich allein die Geburt durchstehen, das Neugeborene einwickeln und gleich wegbringen musste, um keinen Verdacht zu wecken. Versteckt vor der eigenen Familie, den Eltern, aber vielleicht auch erzwungenermassen versteckt vor der Welt, wenn das unerwünschte Kind «Schande» über die Familie bringen würde.

Kaum noch Empörung über die Einrichtung von Babyfenstern

Niemand kenne die Hintergründe der abgegebenen «Findelkinder», doch man könne sich unschwer vorstellen, dass jeweils eine schwerwiegende Tragödie, Schmerz, Kummer und Angst der Entscheidung vorausgegangen seien, ein neugeborenes Kind wegzugeben: «Neun Monate Schwangerschaft, getragen von der Entscheidung, das Kind zu behalten und nicht abzutreiben. Neun Monate vielleicht des Bangens und vielleicht auch der Hoffnung, es werde sich noch alles zum Guten wenden.» Dass eine Mutter einen Brief hinterlasse für ihr Kind, komme nicht häufig vor.

Seit der Eröffnung des Babyfensters in Einsiedeln im Jahr 2001 wurden dreizehn Neugeborene – acht Buben, fünf Mädchen – dort abgegeben. Im vergangenen Sommer das Letzte in diesem Jahr. Am helllichten Tag. Was vor fünfzehn Jahren schweizweit für Aufregung gesorgt hatte und von verschiedenen Seiten heftig abgelehnt worden war, war bei der Inbetriebnahme eines neuen Fensters – zuletzt vor einem Jahr in Sitten – kaum mehr als eine Randnotiz in den Medien wert. Einher mit den weiteren Babyfenstern in der Schweiz ging die Einsicht der Behörden, bessere Hilfe und Begleitung von schwangeren Frauen in einer Notlage anbieten zu müssen. Nur sehr selten gebe es von anonymen Briefe Schreibenden Vorwürfe, sagt Sonja Erny, doch am Wohl dieser Kinder, am Akt der Barmherzigkeit gemessen, seien diese verschmerzbar.

Unwirtlich der Vorplatz des Spitals, das momentan eine grosse Baustelle ist. Auch das Babyfenster musste seinen ursprünglichen Platz in einer geschützten Ecke räumen. Nun ist es bis zum Ende des Umbaus als Provisorium in einem Container untergebracht. Sonja Erny scheut weder Kälte noch Regen, um der Besucherin den Vorgang ausführlich zu demonstrieren. Von aussen sind durch das Fenster mit der unmissverständlichen Überschrift ein Bettchen mit einer Decke und ein Nuggi zu sehen. Mehr ist da nicht. «Wenn das Fenster geöffnet und ein Kind hineingelegt wird, wird bei uns auf der Geburtenabteilung mit zeitlicher Verzögerung ein Alarm ausgelöst. Im Bettchen des Neugeborenen schaltet automatisch eine Wärmedecke ein. Um einen Diebstahl – also einen Kindsraub auszuschliessen, kann das Fenster, sobald es die Mutter geschlossen hat, nicht mehr von aussen geöffnet werden.» Eine der diensthabenden Hebammen eile hin­unter, trete durch eine Türe in den Container, schalte den Alarm aus, nehme das Neugeborene und bringe es auf die Abteilung. «Dort beginnen umgehend die Untersuchungen. Da wir die Eltern nicht kennen, müssen wir das Neugeborene auf ansteckende oder lebensbedrohende Krankheiten und auf Drogenmissbrauch der Mutter untersuchen. Manche Kinder müssen noch richtig abgenabelt werden. Gleichzeitig werden die Vormundschaftsbehörden informiert und ein Vormund bestimmt.»

Nach ungefähr zehn Tagen kommt das Kind in die Obhut der Kesp und von dort als Adoptivkind in eine Familie. ­Niemand im Spital erfährt, wer seine künftigen Eltern sind und wie sein endgültiger Name lautet. Der leiblichen Mutter werde eine Frist eingeräumt, während der sie ihren Entscheid rückgängig machen und ihr Kind zurück­holen könne.

So sachlich Sonja Erny die Abläufe um das Babyfenster schildern kann, so emotional reagiert sie auf die Frage, wie es ihr gehe, wenn sie ein abgegebenes Kind selber heraufhole: Die gestandene Hebamme, die bereits Hunderten von Kindern auf die Welt geholfen hat, muss eine Pause machen. Sie hat Tränen in den Augen. «Wir Frauen tragen diese Augenblicke im Team gemeinsam aus, reden darüber, geben dem Baby für die Zeit des Aufenthalts bei uns einen Namen. Wenn es mich trifft, das Kind heraufzuholen, rede ich mit ihm, beruhige, tröste es und sage ihm, dass alles gut werden wird. Dass ihm seine Mutter das Leben geschenkt hat. Ihm eine Chance gibt. Um das Kindlein können wir uns kümmern. Doch die Mutter... es wäre schön, mit dem Mami des Babys reden zu können und zu erfahren, ob sie für sich selber entschieden hat oder unter Druck gestanden ist.»

Barmherzigkeit ist Grossherzigkeit im aktiven Handeln

Wenige Tage vor dem Treffen mit Sonja Erny wurde im Einsiedler Anzeiger sowie weltweit in vielen Medien über das zu Ende gegangene Heilige Jahr der Barmherzigkeit berichtet. Die Heilige Pforte, welche Katholiken zum Ablass ihrer Sünden – darunter fällt auch die Abtreibung – durchschreiten mussten, wurde vor der Klosterkirche geschlossen. In Einsiedeln legten die Patres Martin Werlen und Patrick Weisser eine Kordel um die symbolische Pforte; Abt Urban verknüpfte sie. In einer Schweizer Tageszeitung wurde das Jahr der Barmherzigkeit als «Heiliger Flop» bezeichnet, da es dem Vatikan weniger Pilger als erhofft bescherte und somit der kommerzielle Nutzen des Ablasses im Keller gelandet sei.

Sonja Erny, deren Porträt den Abschluss bildet einer zwölfteiligen Gesprächsserie zum Thema Barmherzigkeit im St. Galler Tagblatt, möchte den Begriff Barmherzigkeit mit Grossherzigkeit in einem aktiven Handeln übersetzt wissen. Wenn jetzt Weihnachten vor der Türe stehe, dann habe dieses Fest für sie mit Menschen zu tun, «die anderen etwas Gutes tun, ohne eine Gegenleistung zu erwarten – aus aufrichtigem Mitgefühl. Etwas Gutes auch im Sinne von Toleranz der Vorstellung gegenüber, dass vielleicht auch Maria ihr Kindlein ganz allein auf die Welt gebracht hat.»