Mobbing, Intrigen und eine Sex-Affäre: Aufstand in den Reihen der Unia

Das Arbeitsklima in der Gewerkschaft ist schlechter als in manchem Konzern, den sie anprangert. Mitarbeiter schalten sogar die Staatsanwaltschaft ein.

Andreas Maurer
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Unia-Präsidentin Vania Alleva mit ihren Genossen an einer Demonstration in Zürich. (Bild: Nick Soland/Keystone/10. November 2015)

Unia-Präsidentin Vania Alleva mit ihren Genossen an einer Demonstration in Zürich. (Bild: Nick Soland/Keystone/10. November 2015)

Am Schalter der Gewerkschaft Unia in Thun meldete sich am 12. März 2018 eine Frau. Sie stellte sich als Mitglied vor, sie war Verkäuferin in einem Coop-Pronto-Shop und verlangte nach einem Bekannten von ihr. Dieser war damals Gewerkschaftssekretär und hatte sich einen Namen gemacht als aufstrebender Politiker. Als das Personal ihr mitteilte, der Mann sei nicht anwesend, erzählte sie ihre Geschichte am Schalter. Sie sagte, sie erwarte eine Entschuldigung vom Gewerkschafter. Denn sie habe von ihm pornografische Bilder erhalten. Unerwünscht. Schon per Mail und Telefon habe sie ihn damit konfrontiert, aber keine Antwort erhalten. Deshalb stehe sie nun hier.

So wird der Vorfall später im Untersuchungsbericht des internen Rechtsdienstes zusammengefasst. Daraus geht auch hervor, dass Unia-Präsidentin Vania Alleva ihre Anwälte schon drei Tage zuvor auf den Fall angesetzt hatte. Denn ihr waren Chatprotokolle zwischen der Frau und dem Gewerkschaftssekretär zugespielt worden. Die interne Untersuchung ergab: Der Gewerkschafter hatte die Fotos tatsächlich verschickt. In der Befragung durch die Rechtsabteilung gestand er alles. Ja, er habe zwischen 2014 und 2017 vier- bis fünfmal solche Bilder verschickt. Er bestritt auch nicht, was auf den Handyschnappschüssen zu sehen war. Auf einem Foto dokumentierte er seinen Penis, auf einem anderen die Brüste seiner eigenen Frau.

In der Untersuchung erklärte er, wie es dazu gekommen war. Die Frau, die ihn beschuldigte, habe neben ihm gewohnt, sie sei bei ihm ein und aus gegangen, häufig auch halb nackt. Sie hätten nie Sex zusammen gehabt, aber offen darüber gesprochen und Witze gemacht. Er habe zum Beispiel vorgeschlagen, sie könnten einen «Dreier» machen: Geschlechtsverkehr zwischen dem Gewerkschaftsmitglied, dem Gewerkschaftssekretär plus dessen Frau. So sei es später zu den Fotos gekommen. Doch da hatte der Spass aufgehört.

Vorbild Unia

Der Unia-Kodex ist streng: Mitarbeiter werden auch für sexuelle Belästigungen in der Freizeit sanktioniert, wenn Auswirkungen auf die Arbeit bestehen. Präsidentin Alleva kam in der Untersuchung allerdings bald zur Einschätzung, dass da etwas «lusch» zu sein scheine, wie sie in einem internen Mail festhielt. Der Untersuchungsbericht endete mit folgendem Fazit: Es lägen «Hinweise für ein Fehlverhalten» des Gewerkschaftssekretärs vor, «die angesichts der Null-Toleranz-Politik der Unia gegenüber ­sexueller Belästigung eine Auflösung des Arbeitsverhältnisses unumgänglich machten». Doch die Anschuldigungen könnten auch «unbegründet beziehungsweise inszeniert» sein. Der Widerspruch wurde nicht aufgelöst.

Es geht in diesem Fall um mehr als um Fotos von Geschlechtsteilen. Es geht um einen Konflikt, der ein Fall für die Gewerkschaft wäre, wenn er sich ausserhalb von ihr ereignen würde. Es handelt sich um einen neuen Tiefpunkt in einer Reihe von internen Krisen seit der Gründung der grössten Gewerkschaft der Schweiz vor fünfzehn Jahren. Ueli Balmer, Präsident der Unia Berner Oberland, sagt:

«Eigentlich sollten wir ein Vorbild für Arbeitnehmerschutz sein. Aber ich muss meine Gewerkschaftskollegen dauernd vor ihrer eigenen Arbeitgeberin schützen.»

Sein Urteil ist vernichtend: «Die Unia ist schlechter als mancher Arbeitgeber, dem wir schlechte Arbeitsbedingungen ankreiden.»

Der Hintergrund des Konflikts: Es tobt ein Machtkampf zwischen den Gewerkschaftsbossen in Bern und einem Teil der Regionalleitung im Berner Oberland. Balmer steht auf der Seite jener, die den Aufstand gegen die nationale Führung proben. Seine Truppe wirft den Unia-Managern vor, sie würden die Gewerkschaft in eine straff geführte Organisation umkrempeln und ihre internen Gegner aus dem Weg räumen wollen. Die Unia-Führung selber erkennt kein grundsätzliches Problem. Kommunikationschef Serge Gnos sagt, der Konflikt im Berner Oberland sei für die Mitarbeitenden eine «grosse Belastung». Die Mitarbeiterbefragungen zeigten aber, dass Motivation und Zufriedenheit in den vergangenen fünf Jahren zugenommen hätten.

Feind, Todfeind, Parteifreund

Der Konflikt im Berner Oberland eskalierte nach einer Kampfwahl um die Geschäftsleitung. Es gab zwei Kandidaturen, eine hatte die Unterstützung der ­regionalen Basis, die andere jene der ­nationalen Zentrale. Als sich die Basis durchsetzte, intervenierte Präsidentin Alleva und hievte einen Mann ihres Vertrauens ins Amt. Der Streit eskalierte. Ein Riss durchzog die Gewerkschaft; die beiden verfeindeten Fraktionen gingen verbal aufeinander los. In der heissen Phase des Konflikts meldete sich die Frau wegen der Sexbilder am Schalter in Thun. Sie hatte Beziehungen zu beiden Seiten. Die mutmassliche sexuelle Belästigung lag zu diesem Zeitpunkt schon ein halbes Jahr zurück. So kam der Verdacht einer Abrechnung auf.

Die Sexaffäre war einer von mehreren Schauplätzen des Konflikts. Der Gewerkschaftssekretär, der seiner Nachbarin die anrüchigen Bilder geschickt hatte, deckte auch seine Arbeitskollegen mit unerwünschter Post ein. Er beschuldigte sie in einem Hassmail an über tausend Empfänger der Frauen- und Fremdenfeindlichkeit. Die angegriffenen Gewerkschafter sahen rot und holten die Polizei. Die Folge: Die Staatsanwaltschaft verurteilte den Mann per Strafbefehl zu einer Geldstrafe wegen übler Nachrede. Dieser rächte sich mit dem gleichen Mittel. In einer Strafanzeige warf er seinen Kontrahenten vor, die Schmutzkampagne gegen ihn orchestriert zu haben. Das Verfahren läuft, die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Die Rolle der Mobbing-Anwälte

Für den Gewerkschaftssekretär endete die Sexaffäre glimpflich. Fünfzehn Tage nachdem die Frau am Schalter aufgetaucht war, kündigte er selber. Die Unia dankte ihm dafür mit einem wohlwollenden Arbeitszeugnis. So schaffte er es, einen neuen Job zu finden. Die Frauen, mit denen er an seiner neuen Arbeitsstelle zu tun hat, kennen seine Vorgeschichte nicht.

Nicht nur die Staatsanwaltschaft und die Unia-Anwälte führen Verfahren. Mehrere Fälle delegierte die Gewerkschaft zudem an das auf Mobbing spezialisierte Anwaltsbüro «BeTrieb». Dieses kam in der Affäre um das Hassmail zum Schluss, die Vorwürfe liessen sich nicht erhärten. Die Staatsanwaltschaft urteilte im gleichen Fall strenger als das Anwaltsbüro und stellte einen Strafbefehl aus. Sogar gegen Präsidentin Alleva persönlich lief ein Verfahren wegen Mobbing. Ein unterlegener Kandidat warf ihr vor, sie habe ihn ungerecht behandelt. Die Protokolle dokumentierten ein vergiftetes Arbeitsklima, doch gemäss BeTrieb liessen sich die Anschuldigungen nicht erhärten.

Regio-Präsident Balmer glaubt, ein Muster in den BeTrieb-Verfahren zu erkennen: «Sie gehen fast immer zugunsten der nationalen Unia-Führung um Vania Alleva aus, fast nie zugunsten der Mitarbeiter.» BeTrieb-Geschäftsführerin Monika Hirzel dementiert: «Die Aussage trifft nicht zu, wie den Fallzahlen zu entnehmen ist.» Die Zahlen könne sie wegen des Berufsgeheimnisses jedoch nicht nennen. Eine zweifelhafte Rolle spielte BeTrieb im Fall von Violeta B., der entlassenen Reinigungschefin des Bundes. Das Bundesverwaltungsgericht äusserte «Zweifel an der Objektivität des Untersuchungsberichts». Dieses Urteil ist inzwischen rechtskräftig.

Professionelles Verhalten

Der Streit im Berner Oberland öffnet in der Gewerkschaft alte Wunden. Zum Thema wird wieder der Fall Roman Burger, der Leiter der Unia Zürich, der 2016 nach Vorwürfen von sexueller Belästigung zurücktrat. Auch er wurde zuerst von der nationalen Führung um Vania Alleva gedeckt. Auch bei ihm machte BeTrieb eine Untersuchung und kam zum Schluss, die Vorwürfe liessen sich nur teilweise erhärten. Ein Gewerkschafter, der im aktuellen Machtkampf zu den Verlierern zählt, sagt: «Der eigentliche Skandal war nicht Roman Burger und was er getan hat, sondern das linke Netzwerk, das ihn geschützt hat.» Kommunikationschef Gnos dementiert. Präsidentin Alleva habe das Vorgehen der Unia im Fall Burger damals an der Medienkonferenz «in aller Transparenz» geschildert. Ein Gutachten von Rechtsprofessor Thomas Geiser habe ihr zudem ein professionelles Vorgehen attestiert.

Zum nächsten Showdown kommt es möglicherweise bereits am Samstag. In Thun findet ab dem Nachmittag eine Delegiertenversammlung statt, an der die Entmachtung des aufmüpfigen Regio-Präsidenten Ueli Balmer auf der Traktandenliste steht. Dieser sagt, die Anträge für den Gewerkschaftstag kämen indirekt von der nationalen Zentrale, von Unia-Präsidentin Alleva persönlich. Er plant, die Versammlung mit seinen Verbündeten unter Protest zu verlassen, und danach eine Medienmitteilung zu verschicken. Im Entwurf spricht er von einem «Putsch gegen die Demokratie durch den Apparat der Unia».

Die internen Affären der Unia

Rücktritte, Mobbing, Streiks und Burnouts: Einige ehemalige Unia-Mitarbeiter sprechen von «Terror-Regime» und «sektenhaftem Controlling».

Unia hat so wenige Mitglieder wie noch nie

(mau) Die Unia wurde 2004 auf einen Schlag zur grössten Gewerkschaft des Landes. Sie entstand aus einem Zusammenschluss diverser Organisationen. Doch so viele Mitglieder wie in ihrem ersten Jahr hatte sie danach nie mehr. 2005 zählte sie 203'000 Mitglieder. Im letzten Jahr erreichte die Zahl ­einen historischen Tiefstand. Nur noch 193'000 Leute sind dabei. Sprich: In ihrer 15-jährigen Geschichte hat die Gewerkschaft so viele Mitglieder verloren, wie in einer kleinen Stadt leben würden.

Jahrelang pries sich die Unia als 200'000-Mitglieder-Gewerkschaft an. Doch dann, vor einem Jahr, warnte die Geschäftsleitung in einem internen Schreiben: «200'000er-Marke in Gefahr!» Damals realisierte die Führung, dass sie die Wachstumsziele nicht erreicht und gar noch schlechter abschneidet als im Vorjahr. Die nicht für die Öffentlichkeit bestimmte interne Analyse zeigte, dass nicht die Austritte das Problem seien. Der Gewerkschaft gelinge es nicht, genügend neue Mitglieder anzuwerben. Normalerweise kommuniziert die Unia ihre Mitgliederzahlen jeweils Anfang Jahr. Die schlechten News waren der Gewerkschaft diesmal aber keine Mitteilung wert. Dafür legt Kommunikationschef Serge Gnos die Zahlen auf Anfrage dieser Zeitung offen.

Gnos nennt mehrere Gründe für den Rückgang. Im Detailhandel und in der Maschinenindustrie, wo die Unia über viele Mitglieder verfüge, sei die Zahl der festangestellten Mitarbeitenden zurückgegangen. Eine zunehmende Zahl von Mitgliedern kehre zudem in ihre Herkunftsländer zurück. Der Rückgang habe zudem mit verschärften Compliance-Regeln der Gewerkschaft zu tun. So würden Mitglieder, die mehr als drei Jahre mit ihren Beitragszahlungen im Rückstand seien, unabhängig vom Stand des Inkassoverfahrens automatisch aus dem Mitgliederbestand entfernt. 

Die Geschichte hinter der Geschichte

(mau) In der Unia Berner Oberland brodelt es seit einem Jahr. Doch erst ein Medium berichtete bisher über die Konflikte. Die kleine «Jungfrau Zeitung» beschrieb den Machtkampf in mehreren Artikeln. Die Gewerkschafter wenden in ihrem internen Kampf ähnliche Methoden an wie in ihrem externen Arbeitskampf. Sie gründen Komitees, protestieren und drohen mit Streik. Lenkt der Gegner nicht ein, drohen sie, an die Medien zu gehen. Die Unia dokumentiert in einem Untersuchungsbericht ein Gespräch zweier verfeindeter Gewerkschafter. Der eine sagt: «Wir müssen nicht streiken. Wir können der ganzen Schweiz die Geschichte erzählen.»

Am grössten ist die Wirkung, wenn die Kritik an der linken Organisation in einem linken Medium publiziert wird – wie bei der Aufarbeitung im Fall Roman Burger durch die «Wochenzeitung». Diesmal setzten die Unzufriedenen der Unia ihre Hoffnung auf das Online-Magazin «Republik», wo sie auf offene Ohren stiessen. Das Medium erklärte die Recherche zum Prestigeprojekt. Ein Autorenteam arbeitete monatelang an einem über 40-seitigen Manuskript, das unserer Zeitung vorliegt. Der Titel: «Der Apparat», eine dreiteilige Serie über die Verwandlung der Gewerkschaft Unia in einen «rücksichtslosen Konzern». Geplant war eine grosse Inszenierung mit einem Trailer als Ankündigung und einem Comic als Illustration. 

Doch die «Republik» hat das Projekt gestoppt, weil Zweifel an den beschriebenen Fakten aufkamen. Chefredaktor Christof Moser sagt: «Wir bringen Recherchen dann, wenn alle Fakten verifiziert sind und sie unsere hohen Qualitätsansprüche erfüllen.» Enttäuscht über die «Republik», wendete sich ein Teil der Unzufriedenen nun an unsere Zeitung. Diese publiziert auf dieser Doppelseite nur, was sich mit Dokumenten belegen lässt. Die Recherche basiert auf einem internen Untersuchungsbericht der Unia, Befragungsprotokollen, Mailverkehr, Chatprotokollen, einem Kündigungsschreiben und Akten der Strafuntersuchungen. 

UNIA: Nach Grüsel-SMS: Burger geht - Unia zahlt

Die Gewerkschaft Unia und Roman Burger haben eine Einigung gefunden. Der ehemalige Chef der Sektion Zürich-Schaffhausen kündigt per Ende Januar. Die Unia übernimmt allfällige Kosten für eine Weiterbildung.