Aufruf zum Standhalten

Unter dem Titel «Ein <Armee-Rapport> auf dem Rütli» druckte das St. Galler Tagblatt am 29. Juli auf der Frontseite wie andere Zeitungen auch kommentarlos die zusammenfassende Mitteilung des Armeestabs über den Rapport des Generals auf dem Rütli ab.

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Unter dem Titel «Ein <Armee-Rapport> auf dem Rütli» druckte das St. Galler Tagblatt am 29. Juli auf der Frontseite wie andere Zeitungen auch kommentarlos die zusammenfassende Mitteilung des Armeestabs über den Rapport des Generals auf dem Rütli ab.

Bereits einen Tag später aber, im Abendblatt des 30. Juli, ist an derselben prominenten Stelle der «Rütlibrief an einen Schweizer Soldaten» zu finden. Verfasst hat ihn angeblich «ein Schweizer Offizier», tatsächlich wohl ein Mitglied der Redaktion.

In direkter Ansprache («Mein lieber Kamerad!») kommentiert dieser «Brief» den Rütlirapport Guisans: «Warum hat der General ausgerechnet das Rütli für die Versammlung vorgesehen und nicht einen zentraler gelegenen, bequemer erreichbaren Punkt?» Der General habe eben gewusst, dass ausser seiner Rede dort «noch andere Dinge zu unserem Herzen reden: die Landschaft, der Ort, die Erde».

General Guisan hätte «keinen besseren Ort finden können zu dieser ausserordentlichen Tagsatzung», so der Schreiber weiter. «Auf dem Rütli waren vom General bis zu Bataillons- und Abteilungskommandanten alle oberen Heerführer versammelt. Kein einziger fehlte.» Noch nie seien «die Führer unserer Armee so zusammengetreten». Aber es habe sein müssen, «der Ernst der Stunde verlangte und rechtfertigte es».

Nach dem Rapport sei man voller Vertrauen wieder zu Tal gestiegen: «Vertrauen in das Schicksal unseres Landes. Vertrauen in die Lebenskraft unseres Schweizerblutes. Vertrauen in unsere Verteidigung. Vertrauen in unsere Führer. Vertrauen in die gütige Vorsehung.» Wenn aber «das Schlimme» über die Schweiz hereinbreche, «soll das Schicksal uns einig und parat treffen, schweizerisch bis ins Knochenmark, schweizerisch bis in den hintersten Seelenwinkel».

Der Text schliesst mit einem Aufruf zum «Standhalten»: «Standhalten als einiges, geschlossenes, ruhiges Schweizervolk. Ein einziger Block ohne Riss. Ein einziger unbändiger Wille zur Verteidigung des Landes, so unermesslich mächtig, wenn das Volk als Hüter des Gotthards aufsteht. Nie soll auf dem Gotthard eine andere Flagge wehen als die Schweizerfahne: das strahlend weisse Kreuz auf blutigrotem Grund.» (cla.)