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Reaktor-Schrott: Auf ewig brandgefährlich

Das Kernkraftwerk Mühleberg wird zum letzten Mal nachgerüstet. Ende 2019 geht der Reaktor definitiv vom Netz.
Samuel Schumacher
Ein Mitarbeiter des 46-jährigen Kernkraftwerks Mühleberg ist mit der Wartung der Steuerstabantriebe beschäftigt. (Bild: Peter Klaunzer/Keystone (Mühleberg, 29. August 2018))

Ein Mitarbeiter des 46-jährigen Kernkraftwerks Mühleberg ist mit der Wartung der Steuerstabantriebe beschäftigt. (Bild: Peter Klaunzer/Keystone (Mühleberg, 29. August 2018))

Im Reaktorgebäude riecht es nach Dill, ausgerechnet. Dabei sind Lebensmittel im atomaren Herzen des Kernkraftwerks Mühleberg strengstens verboten. Das 46 Meter hohe Gebäude im Berner Mittelland gehört zu den bestbewachten Bauten der Schweiz. Wer hier hinein will, muss sich einer peniblen Sicherheits­prüfung unterziehen, diverse Schleusen passieren, sich bis auf die Unterwäsche ausziehen und einen speziellen weissen Anzug überstreifen. Draussen patrouillieren Hunde auf dem Gelände. Meterhohe Stacheldrahtzäune umziehen das Kernkraftwerk. Und der Fotograf, der die letzte Journalisten-Tour durch Mühleberg mit seiner Kamera festhalten will, wird auf Schritt und Tritt von einer Kraftwerkmitarbeiterin verfolgt. Sie will sicherstellen, dass er ja keine heiklen Schilder oder Maschinenteile fotografiert.

Dieser Tage mischt sich ein vielsprachiges Stimmengewirr in das Brummen der Mühleberg-Generatoren. 350 Profis aus aller Welt helfen bei der allerletzten Revision des Kernkraftwerks. Anfang September wird der temporär abgeschaltete Reaktor ein letztes Mal hochgefahren. Im Dezember 2019 ist dann definitiv Schluss. Dann wird Mühleberg als erstes der fünf Schweizer Kernkraftwerke vom Netz genommen. Für immer. Das Revisionsfest, das die 350 Angestellten heute Abend feiern, ist das letzte seiner Art in Mühleberg.

Rückbau wird 550 Millionen Franken kosten

Eine bedrückte Stimmung liegt über dem grauen Koloss in den Wäldern ausserhalb der Hauptstadt Bern. Seit 1972 summt das Kernkraftwerk vor sich hin und hat im Schnitt rund fünf Prozent des gesamten Strombedarfs der Schweiz produziert. Im Oktober 2013 aber kam das Todesurteil für den Kernreaktor: Die Betreiberin, das Berner Energieunternehmen BKW Energie AG, entschied, Mühleberg bis Ende 2019 abzuschalten. Zu gross wären die nötigen Investitionen für den längerfristigen Betrieb gewesen, zu gross die Unsicherheiten wegen der tiefen Strompreise, zu gross der politische Druck. Denn spätestens seit der Bundesrat nach der atomaren Katastrophe in Fukushima 2011 entschieden hat, bis 2034 aus der Atomenergie auszusteigen, ist klar, dass die Kernreaktoren hierzulande keine Zukunft mehr haben.

Doch mit dem Lichterlöschen am 20. Dezember 2019 ist das Kapitel ­Mühleberg längst nicht abgeschlossen. Anders als ein Oldtimer, der nach 47 Jahren im Betrieb einfach verschrottet und eingestampft werden kann, bleiben die atomaren Übrigbleibsel des nuklearen Industriewerks aus den 70er-Jahren lange über den Dezember 2019 hinaus hochgefährlich. 16000 Liter radioaktive Abfälle produziert das Kernkraftwerk jedes Jahr. Dazu kommen in den kommenden Jahren Tausende Tonnen radioaktiver Maschinenbestandteile und insgesamt 240 mit Uran angereicherte Brennstäbe. Der Rückbau des Kraftwerks dürfte rund 550 Millionen Franken kosten. Genau wie die Entsorgung wird auch er alleine vom Betreiberunternehmen finanziert.

Schrott landet im Zwischenlager

Der radioaktive Schrott wird im Zwischenlager im aargauischen Würenlingen landen – so wie der gesamte radioaktive Abfall, der in der Schweiz produziert wird. Dort werden die Brennstäbe usw. in riesigen Stahlbehältern gelagert, bis die Schweiz dereinst ein eigenes geologisches Tiefenlager haben wird, das die gefährlichen Hinterlassenschaften des atomaren Zeitalters auf immer verschluckt. Nach dem heutigen Zeitplan sollten die hoch radioaktiven Abfälle bis im Jahr 2060 in ein Tiefenlager verschoben werden können.

Die Frage nach eben jenem «End­lager» gibt im Kanton Aargau derzeit wieder zu reden. Grund dafür ist ein politischer Vorstoss der CVP. Die Partei will vom Regierungsrat unter anderem wissen, was mit den atomaren Abfällen geschieht, falls die Suche nach einem Endlagerstandort scheitern sollte. «Würde die Standortsuche scheitern, würden die Abfälle weiterhin in Zwischenlagern gelagert», antwortet der Regierungsrat. Das Zwischenlager Würenlingen habe genügend Kapazität, um die in Zukunft anfallenden Abfälle aus allen Schweizer Kernkraftwerken einzulagern.

CVP-Politiker Andreas Meier, der die Interpellation eingereicht hatte, kritisiert, man hätte die Frage nach der Zukunft des Zwischenlagers schon viel früher stellen müssen. Insbesondere die Forderung nach einer Entschädigung für die Region, die das Risiko der Langzeitlagerung auf sich nähme, sei dringend. Meier, ein nebenamtliches Mitglied im Verwaltungsrat von Aargau Tourismus, befürchtet unter anderem einen Imageschaden für die Region.

Bis 2049 ist die Zwischenlagerung der atomaren Abfälle in Würenlingen vertraglich festgelegt. Die vier Gemeinden Würenlingen, Böttstein, Döttingen und Villigen erhalten dafür jährlich insgesamt 1,9 Millionen Franken.

Grillplatz statt Kernreaktor

Wo das Tiefenlager gebaut wird, ist weiterhin offen. Zuständig für die Suche nach einem geeigneten Standort ist die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra). Zwischen 1982 und 1999 hat die Genossenschaft bereits an acht Standorten in der Nordschweiz gebohrt. Vergangene ­Woche hat die Nagra vom Bund grünes Licht für drei weitere Sondierbohrungen erhalten. Sie untersucht den Boden unter Bülach, Trüllikon und Marthalen. Bis 2022 gibt die Nagra bekannt, für welche Standorte sie sogenannte Rahmenbewilligungsgesuche für den Bau eines Tiefenlagers ausarbeiten will.

In Mühleberg feiern die Mitarbeiter erst einmal heute Abend die Revision, trotz der «Endzeitstimmung», die in den Worten eines Angestellten zuweilen auf dem Gelände zu spüren sei. 2034 soll der Rückbau des Atomkraftwerkes abgeschlossen sein. Bis dahin behalten alle 350 Mitarbeiter ihre Stelle, auch wenn das Jobprofil in der Rückbauphase bei ­einigen angepasst werden muss. Danach kann das Areal umgenutzt werden. Zum Beispiel als Grillplatz, meint ein Mitarbeiter. In den nächsten 15 Monaten aber brennen hier noch einmal wesentlich ungeniessbarere Dinge als Cervelats und Veggie-Burger.

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