Auf der Suche nach dem Augenmass

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Jürg Tobler
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Der Sache aus dem Weg gehen statt auf den Grund – das können wir alle. Aber wir können es nicht so geschmeidig wie die Franzosen. Die machen aus allem ein bisschen Eleganz, selbst aus Ignoranz. Nun sind freilich nicht mehr alle darauf erpicht, ihr hastig Gedachtes sprachlich herauszuputzen. Da zeigt sich die Selbstgewissheit oft gänzlich formlos, Arroganz ohne Brillanz.

Es hat sich einiges getan im Land der Politesse. In Frankreich gehörte sie einst zum Alltag wie die perlenden Bulles zum Champagner. Herausragende philosophische Lehrer wie ein Henri Bergson unterrichteten ihre Eleven noch in der Nationaltugend der Höflichkeit. Auf die Idee kommt heute kein Professor.

Das eine haben die Franzosen und Französinnen sich jedoch bis zum heutigen Tag nicht nehmen lassen: das Bewusstsein kultureller Vorzüglichkeit. Wie immer sie sich äussern, sie sprechen immer zugleich für die zivilisierte Welt. Denn es gibt nur die eine Zivilisation, die französische. Die Franzosen, die Schweizer, die Deutschen ...! Charakterisierungen, die so ansetzen, bringen gewöhnlich nur Zerrbilder hervor, beleben Legenden und Mythen – auch wenn sie diesen widerreden. Eigentümlicherweise gehorchen die meisten Auslassungen über das Volk der Franzosen einem heimlichen Diktat: einem Klang-Diktat sozusagen. Sie sprechen (in fremder Sprache) französisch, wedeln um den Kern herum, klimpern mit dem Kleingeld des Geistes, Wortspiel, Aperçu, «petite phrase» ...

Darin ist unsere Kapitulation bereits angelegt. Wir hantieren mit ihrem Werkzeug, nicht halb so geschickt, versteht sich. Wir Nachbarn bleiben also in gewisser Weise unterlegen, obwohl uns die Grandeur nicht mehr so sehr blendet und uns das Bonmot vom «Franzosen als dem schlechtgelaunten Italiener» zunehmend einleuchtet. Die politische Grämlichkeit mitsamt der hochfliegenden Nörgelei besonders produktiver Philosophen unterdrückte unsere Hoffnung noch nicht, dass Frankreich wirtschaftlich und politisch wieder auf die Beine komme.., wenn mit der verbreiteten Reizbarkeit nicht eine nahezu allgemeine Kompromiss-Unwilligkeit einherginge. Und immerzu dieses frivole Spiel mit dem revolutionären Feuer. Die Entflammung von Autoreifen vor den Fabriktoren und die Blockierung von allen möglichen Zu- und Ausfahrten sind als triviale Rebellionen allseits respektiert.

Die Klage über eine heillose Gespaltenheit des Volkes ist uns seit vielen Jahrzehnten im Ohr. Die Blöcke sind neuerdings mehrschichtig: der liberalen Grossfamilie gegenüber eine linke Reaktion, die sich mit der faschistischen Rechten zur denkbar unheiligsten Kampfeinheit verbindet und das französische Wort von den sich berührenden Extremen wahrmacht.

Die Erinnerung an die Investitur von Emmanuel Macron lebt noch als Glanzstück der republikanischen Liturgie fort. Und auch als Erwartung? Da tritt ein unverbrauchtes Temperament mit dem grandiosen Versuch auf den Plan, Gegensätze zu versöhnen und den Consensus ins französische Vokabular einzufügen. Und Etablierte der Rechten wie Linken machen sich atemlos ans Werk, die Gefolgsleute des jungen Talents zu exkommunizieren und die Chance zu vertun.

Wer Alain Peyrefittes Werk der frühen 70er-Jahre wieder zur Hand nimmt («Le mal français»), kann nur an einen anderen grossen Titel über eine andere Zeit erinnert sein: «Im Westen nichts Neues». Ich wünsche mir aufs Lebhafteste, mich in dieser Annahme zu täuschen.

Jürg Tobler

Ehemaliger Chefredaktor in Luzern und St. Gallen

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