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Auf den Spuren der Familie Tinner

Wieder einmal sorgt die Familie Tinner für internationale Schlagzeilen. Als Friedrich Tinner 1981 seine Firma für Vakuumchemie-Technik gründete, dachte er nicht daran, dass er damit das Werdenberg zu einer Drehscheibe für illegale Atomgeschäfte machen würde.
Markus Rohner/Sax
Das konkursite Unternehmen der Familie Tinner in Sax. (Bild: Daniel Ammann)

Das konkursite Unternehmen der Familie Tinner in Sax. (Bild: Daniel Ammann)

Das Geschäftshaus am Eschagger 2 in Sax hat schon bessere Zeiten gesehen. Der Eingang ist schmuddelig und alles andere als einladend. Die geschlossenen Rollläden verhindern einen Blick ins Innere des Hauses. Auf dem Vorplatz wuchern Eschen und Brombeeren. Der Briefkasten überquillt mit nicht abgeholten Postsachen. Mit schwarzem Filzstift hat einer auf ein Blatt Papier geschrieben: «Bitte keine Werbung! Konkurs.»

Sax, ein 800-Seelen-Dorf in der Gemeinde Sennwald im sanktgallischen Werdenberg, war während Jahren der Geschäftssitz der Familie Tinner. Jener Familie, die im Zusammenhang mit Materiallieferungen für Atomprogramme in Irak, Pakistan oder Libyen seit 20 Jahren immer wieder für Negativschlagzeilen sorgt. Die in der letzten Woche von Bundespräsident Couchepin bestätigte «Aktion Reisswolf», bei der auch Akten vernichtet worden sein sollen, die vom Werdenberger Dorf den Weg zu dubiosen Atommächten gefunden haben, brachten die Tinners jetzt wieder weltweit in die Schlagzeilen.

Die Anfänge

«Wir sagen gar nichts», erklärt Hedwig Tinner am Telefon. Und ihren Gatten, den 72jährigen Friedrich Tinner, lässt die 67jährige nicht zu Wort kommen. Sie würden alles um «diesen Fall» auch nur aus den Zeitungen erfahren, und davon stimme ohnehin nur die Hälfte. Mit ihren Söhnen Urs und Marco ist schon gar nicht zu sprechen. Die sitzen seit Jahren in Untersuchungshaft.

Der Atom- und Politkrimi hat im Januar 1981 seinen Anfang genommen. Damals gründete Friedrich Tinner zusammen mit seiner Frau und einem Werdenberger Rechtsanwalt die Cetec AG. Die Gesellschaft bezweckte gemäss Statuten den «Handel mit Erzeugnissen des Industriebedarfes unter spezieller Berücksichtigung der Vakuumchemie-Technik.»

Zuvor war Tinner während vielen Jahren Verkaufsleiter bei der VAT Vakuumapparate-Technik in Haag, bis er Ende 1980 das Unternehmen überstürzt verliess. Insider behaupten, sein Abgang habe etwas mit umstrittenen Lieferungen nach Pakistan zu tun gehabt, welche die VAT kurz zuvor negativ ins Gespräch gebracht hatten. Von Einheimischen wird Tinner als «ehrgeiziger Selfmademan» geschildert, der gerne das grosse Wort führe. Anfang der 80er-Jahre präsidierte er die FDP des Bezirks Werdenberg und war Präsident der Dorfkorporation Haag.

Zu dritt in U-Haft

Zu Beginn der 90er-Jahre kamen Tinner und seine Firma erstmals negativ ins Gerede. Eine Cetec-Offerte ans irakische Energiedepartement von Saddam Hussein war aufgetaucht. Darin offeriert die Firma zehn Tonnen Aluminiumrohre, wie sie für Uran-Anreicherungsanlagen verwendet werden. In der Lokalpresse rechtfertigte sich Tinner später, dass es als Kleinunternehmen nicht immer leicht sei, das Richtige zu tun. «Um die Arbeitsplätze unserer Angestellten zu sichern, sind wir genötigt, neue Kundenkreise zu erschliessen. Nicht immer wird uns mitgeteilt, warum was verlangt wird und was gemacht werden muss, gibt es doch auch noch eine Konkurrenz», mimte Tinner den unschuldigen Patron. Um dann aber Besserung zu versprechen: «Wir versuchen aus unseren Erfahrungen zu lernen.»

Nichts als schöne Worte. Friedrich Tinner und seine Cetec, später wurde daraus die Phitec, geschäftete mit kriegführenden Staaten weiter. Bald einmal stiegen auch Tinners Söhne Urs und Marco ins Ventilgeschäft ein. 2005 sassen alle drei wegen des Verdachts auf illegale Lieferungen und Geldwäscherei gleichzeitig in Untersuchungshaft. In jenem Fall hat die Bundesanwaltschaft mindestens sieben Staaten um Rechtshilfe gebeten. Tinners Tochter und Phitec-Verwaltungsrätin verteidigte damals ihren Vater und ihre Brüder und sagte dem «Tages-Anzeiger», die Ventile seien für ein Wasser- und Windkraftwerk in der Nähe von Islamabad bestimmt. «Das hat nichts zu tun mit Atomkraft und Nukleartechnologie.»

Firmenkonkurs

Tinners kamen aus dem Schlamassel nicht mehr heraus. Die Söhne sind seit Jahren in den Fängen der Schweizer Bundesanwaltschaft. Sie dürften sich vor Gericht wegen mutmasslicher Verstösse gegen das Kriegs- und Güterkontrollgesetz verantworten müssen. Ob nach der bundesrätlichen Shredderaktion gegen Urs und weitere Familienmitglieder zusätzlich Anklage wegen Spionage erhoben wird, ist noch offen.

Am Firmensitz in Sax ist heute kein Leben mehr auszumachen. Die Phitec ging vor zwei Jahren Konkurs. Einzig die Traco Schweiz AG, die 2001 von Marco Tinner mit dem Zweck gegründet worden ist, «Handel mit Erzeugnissen des Industriebedarfs (…) unter spezieller Berücksichtigung neuer Technologien» zu betreiben, gibt ein schwaches Lebenszeichen von sich. In Chur nimmt ein Treuhänder das Telefon ab und erklärt in seiner Funktion als Revisor, dass die Traco AG «seit längerer Zeit» nicht mehr aktiv im Geschäft sei. Von diesem Reich des Bösen ist nicht mehr viel übrig geblieben.

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