Auch die Billigen sind zu teuer

Für Nachahmerpräparate muss ein Patient hierzulande fast doppelt so tief in die Tasche greifen wie im Ausland. Trotzdem besteht beträchtliches Einsparpotenzial, denn Generika fristen in der Schweiz bis jetzt ein Schattendasein.

Eveline Rutz
Drucken
Teilen
Generika haben in der Schweiz nur einen Marktanteil von geschätzten 15 Prozent. (Bild: ky/ Gaetan Bally)

Generika haben in der Schweiz nur einen Marktanteil von geschätzten 15 Prozent. (Bild: ky/ Gaetan Bally)

BERN. Wer sparen will, greift wann immer möglich zu Generika. Doch selbst diese Billigmedikamente sind in der Schweiz deutlich teurer als im Ausland. Ab Fabrik kosten sie 49 Prozent mehr, wie der gestern publizierte Auslandvergleich 2012 der Krankenversicherer und der Pharmaindustrie zeigt. Die Preisdifferenz ist damit gestiegen: 2011 wurden Schweizer Patienten noch um 43 Prozent stärker zur Kasse gebeten. Hinzu kommt die Marge, von der Ärzte und Apotheker profitieren. Bei den patentgeschützten Medikamenten beträgt der Preisunterschied 12 Prozent; 2011 lag er noch bei 17 Prozent. Originalpräparate, deren Patente abgelaufen sind, kosten zwei Prozent weniger.

«Nur die halbe Wahrheit»

«Wer nur Preise vergleicht und die Leistung nicht, sieht nur die halbe Wahrheit», sagte Peter Huber, Geschäftsführer von Intergenerika, gestern vor den Medien. Generika-Hersteller seien hierzulande verpflichtet, verschiedene Darreichungsformen, Serviceleistungen und umfassende Patienteninformationen anzubieten. In der Schweiz seien die Lebenshaltungskosten zudem um 44,2 Prozent höher als in den Referenzländern Deutschland, Dänemark, Österreich, Holland, Frankreich und Grossbritannien. «140 000 Menschen beziehen ihren Lohn direkt oder indirekt von der Pharmaindustrie», rechnete Thomas Cueni, Generalsekretär von Interpharma, vor. Sie würden in Franken bezahlt; der Wechselkurs habe die Standortkosten um rund 20 Prozent verteuert. Die Preisunterschiede liessen sich nicht mit höheren Lebenshaltungskosten erklären, widerspricht Preisüberwacher Stefan Meierhans. «Sie sind die Folge eines geschickten Lobbyings der Pharmabranche und einer höheren Wirtschaftskraft.»

Stiefmütterliches Dasein

Nachahmerpräparate spielen in der Schweiz noch eine kleine Rolle. Sie haben gemäss Schätzungen einen Marktanteil von 15 Prozent. In Deutschland (58 Prozent), Grossbritannien (60) und Holland (55) werden sie wesentlich häufiger eingesetzt. «In der Schweiz werden noch zu wenig Generika verkauft», findet Santésuisse-Direktor Christoph Meier. Um dies zu ändern, gelte es neue Wege zu finden. So müsse beispielsweise die Vorgabe, alle Darreichungsformen auf den Markt zu bringen, überdacht werden. Autoproduzenten werde auch nicht vorgeschrieben, alle Modelle anzubieten.

Auch der Konsumentenschutz sieht Handlungsbedarf. Er kritisiert zwar die Preisdifferenz zum Ausland, verspricht sich vom vermehrten Einsatz von Generika aber weitere Einsparungen. Peter Huber von Intergenerika beurteilt das Potenzial als beträchtlich: «Man könnte etwa 170 Millionen Franken pro Jahr sparen, wenn Originale, deren Patent abgelaufen ist, konsequent ersetzen würden.» Zurzeit fahren Apotheker und Ärzte am besten, wenn sie möglichst teure Medikamente verkaufen. Huber plädiert daher für ein neues System. Wer günstige Präparate verschreibe, müsse dafür belohnt werden, mit mindestens einer gleich hohe Marge wie bei teuren Medikamenten.

Deutsches Modell als Vorbild

Preisüberwacher Meierhans schlägt ein Modell vor, wie es Deutschland anwendet. Produzenten können die Preise bei patentabgelaufenen Medikamenten und zugehörigen Generika frei festlegen. Die Krankenkassen kommen pro Wirkstoff oder Wirkstoffgruppe aber nur für den Preis eines günstigen Präparats auf. Für die Patienten lohnt es sich daher, auf ein günstiges Medikament zu setzen. «Die Preisspirale dreht sich folglich nach unten.»