Attentat auf «Charlie Hebdo» löst in Schweiz grosse Bestürzung aus

Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga hat im Namen des Bundesrats das Attentat in Paris verurteilt. Der Bundesrat und sie selbst seien «tief erschüttert und betroffen» von diesem schrecklichen Anschlag, sagte sie am Mittwoch vor Medienvertretern in Bern.

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Simonetta Sommaruga drückt Frankreich ihr Beileid aus. (Bild: Keystone)

Simonetta Sommaruga drückt Frankreich ihr Beileid aus. (Bild: Keystone)

Es handle sich um einen Anschlag auf die Demokratie, die Menschenrechte und die Meinungsäusserungsfreiheit. «Wir müssen diese Freiheiten mit allen Mitteln verteidigen», sagte Sommaruga. Die Meinungsäusserungsfreiheit gehöre zu den Grundlagen einer Demokratie.

Beileid ausgesprochen
Auf die Frage, ob man über alles lachen dürfe, sagte Sommaruga, Satire müsse Platz haben. Bundesrätin Doris Leuthard twitterte zu diesem Thema allerdings: «Satire ist kein Freipass.» Aber keine Darstellung, keine Publikation legitimiere Gewalt. «Das ist aufs Schärfste zu verurteilen.»

In einem Beileidschreiben hat Bundespräsidentin Sommaruga dem französischen Staatspräsidenten kondoliert. Auch Aussenminister Didier Burkhalter hat seinem französischen Amtskollegen Laurent Fabius sein Beileid ausgedrückt. Der Bundesrat sprach im Namen der Schweizer Bevölkerung den Angehörigen der Opfer und der ganzen französischen Nation sein tiefes Beileid aus.

Auf die Frage, ob ein solcher Anschlag auch in der Schweiz denkbar wäre, sagte Sommaruga, keine Gesellschaft sei gegen ein solches Ereignis geschützt. Anzeichen für eine erhöhte Bedrohung in der Schweiz gebe es jedoch nicht.

Kein Hinweis auf direkte Bedrohung
Auch beim Nachrichtendienst des Bundes hiess es auf Anfrage, das Attentat ändere nichts an der Einschätzung der Lage. Man habe keine Hinweise auf eine direkte Bedrohung in der Schweiz, sagte Sprecherin Isabelle Graber. Die Sicherheitsbehörden beobachteten die Entwicklung der Lage nach dem Drama in Paris aber aufmerksam.

Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument weilt derzeit mit europäischen Verlegern in Frankfurt. Alle seien schockiert, sagte er gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Ein solches Attentat habe grosse Wirkung und Konsequenzen, es sei «wie ein Fanal», sagte Lebrument.

Herausforderungen für Medien
Nach diesem Angriff könne man sich nicht einfach zurücklehnen. Lebrument sieht neue Herausforderungen auf die Medien zukommen. Zum einen müsse man sich überlegen, ob die Sicherheit der Redaktionen gewährleistet sei. Zum andern werde es zunehmend schwierig für Medienschaffende, das Verhältnis zwischen einheimischer Bevölkerung und Zugewanderten mit muslimischem Hintergrund zu beschreiben.

Der Westschweizer Verlegerverband Médias Suisses zeigte sich auf Anfrage der sda konsterniert. Es sei ein «schwarzer Tag» für die Pressefreiheit, sagte Generalsekretär Daniel Hammer.

Der Journalistenverband Impressum gab sich in einer Mitteilung «zutiefst erschüttert». «Wir verurteilen den Angriff auf die Presse- und Meinungsäusserungsfreiheit aufs Schärfste», schreibt der Verband «und rufen die Behörden auf, die Verantwortlichen des Massakers und ihre Hintermänner ohne Rücksicht auf andere Interessen zur Verantwortung zu ziehen.»

Die Schweizer Sektion von Amnesty International bezeichnete den Angriff auf «Charlie Hebdo» in einer Mitteilung als «furchtbar und unentschuldbar».

Schockiert reagierte auch der Islamische Zentralrat. Er verstehe zwar den Missmut gegen die «gezielten Provokationen des Magazins. Dies rechtfertigt jedoch nicht die Anwendung von Gewalt», heisst es in einer Mitteilung.

Hommage für getötete Zeichner geplant
Tief betroffen zeigten sich Schweizer Karikaturisten.«Ich bin sehr traurig», sagte der langjährige Westschweizer Zeichner Raymond Burki. Er bezeichnete das Attentat als «unvorstellbares Drama». Der Karikaturist war 38 Jahre für die Westschweizer Zeitung «24 heures» tätig.

Mit dem Tod der bekannten Zeichner Cabu, Charb, Wolinksy und Tignous habe die Welt «grosse Federn» verloren, sagte Burki. Wegen einer Zeichnung getötet zu werden, sei unglaublich.

Den Anschlag überlebt hat die Karikaturistin Corinne Rey alias Coco, die neben «Charlie Hebdo» auch für die Westschweizer Satire-Zeitschrift «Vigousse» tätig ist. «Unsere Grundrechte sind bedroht», sagte Vigousse-Chefredaktor Thierry Barrigue. Wenn man schweige, habe man verloren.

Unter Schock stehen auch die Verantwortlichen des Karikaturen-Museums in Morges. Das Museum will den vier getöteten Zeichnern eine Hommage widmen. Es sei ein schwarzer Tag für die freie Meinungsäusserung, sagte am Mittwoch Konservatorin Charlotte Contesse.

Konsterniert zeigte sich Satiriker Viktor Giacobbo: «Viele Medienanfragen − und leider nein. Auch als Satiremacher kann man zur ganzen Scheisse nicht mehr als Entsetzen äussern», twitterte er. (sda)