ARTENSCHUTZ: Der Mann, auf den die Tierwelt hofft

Heute ist World Wildlife Day. Ein Schweizer kämpft an vorderster Front für vom Aussterben bedrohte Tiere. Der Berner Mathias Lörtscher ist der höchste Tierartenschützer der Welt.

Dominic Wirth
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Mathias Lörtscher vor Tierschmuggel-Fundstücken aus der Asservatenkammer des Bundes. (Bild: Urs Lindt/Freshfocus (Bern, 10. Februar 2017))

Mathias Lörtscher vor Tierschmuggel-Fundstücken aus der Asservatenkammer des Bundes. (Bild: Urs Lindt/Freshfocus (Bern, 10. Februar 2017))

Dominic Wirth

Nashörner in Afrika, Schuppentiere in Asien, Rochen in den Weltmeeren: Es gibt viele Orte, an denen bedrohte Tiere leben, auf der ganzen Welt sind sie verstreut. Doch es gibt auch einen Ort, der sie alle verbindet, weil von dort aus der Kampf um ihren Fortbestand koordiniert wird: ein kleines Büro im Berner Aussenquartier Liebefeld. Dort sitzt Mathias Lörtscher, ein Mann mit freundlichem Gesicht, vor einer Wand voller Tierbilder.

Seit ein paar Monaten ist der Berner, der beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) arbeitet, der Präsident des Tierkomitees von CITES. Das Artenschutzabkommen regelt den internationalen Handel mit Tieren und Pflanzen. 183 Vertragsstaaten machen bei CITES mit. Lörtscher muss schauen, dass sie das nicht nur sagen, sondern auch wirklich tun. Und falls es nötig ist, muss er sich einschalten. «Es geht darum, nachhaltigen Handel zu ermöglichen, den illegalen aber zu bekämpfen», sagt er.

Der höchste Tierartenschützer

Wenn man so will, ist Lörtscher derzeit der höchste Tierartenschützer der Welt; ein Hoffnungsträger der Nashörner und Schuppentiere und Rochen. Als er im letzten Herbst für die grosse CITES-Konferenz nach Johannesburg flog, wusste er noch nicht, ob es so weit kommt. Lörtscher, der sagt, dass ihn die Faszination für die Artenvielfalt antreibe, wollte zwar Präsident werden, das schon. Doch da war eben auch die Konkurrentin aus den USA, keine grosse Diplomatin zwar, aber eine erfahrene Frau. «Die Wahl wurde zum Nervenkitzel», erinnert sich Lörtscher. Doch am Ende war er es, der gewählt wurde, und wenn man seiner ruhigen Stimme zuhört, sein sanftes Lächeln sieht, dann ist das keine Überraschung. Lörtscher geht zwar das Präsidiale ein wenig ab, wenn man darunter etwas Lautes, Dominantes versteht. Aber man kann ihn sich gut vorstellen als Mann, der zu allen schaut, und genau das hat er sich für seine Zeit an der Spitze auch vorgenommen: «Ich will, dass alle zu Wort kommen, und ich versuche, Konsenslösungen zu finden», sagt er.

Im naturhistorischen Museum von Bern stapeln sich derzeit Stosszähne aus Elfenbein, an einer Stange hängen exotische Pelze, und gleich nebenan bedecken bunte Federn eine ganze Wand. Die Stücke, die normalerweise in der Asservatenkammer des BLV weggesperrt sind, sollen zeigen, was Tierschmuggler schon alles in die Schweiz schaffen wollten. Der Fachbereich Artenschutz von Lörtscher hat die Ausstellung mitgestaltet. Jetzt steht der 54-Jährige vor einer Holzkiste voller Elfenbein und erklärt, weshalb jedes dieser Fundstücke von Schweizer Zöllnern eigentlich für eine Niederlage steht. Denn CITES will den Handel mit Tieren nicht stoppen, sondern überwachen. «Wir schreiten nur ein, wenn es nicht mehr nachhaltig ist», sagt Lörtscher. Dann erst landen Tierarten im Anhang 1 von CITES. Der kommt einer Art roter Liste gleich, die jeden Handel verbietet. Zuletzt, als sich die CITES-Delegierten in Johannesburg trafen, setzten sie etwa Schuppentiere und den Berberaffen auf diese Liste.

Für Mathias Lörtscher steht die rote Liste nicht etwa für ein Allheilmittel zur Rettung bedrohter Arten, sondern für den letzten Ausweg. «Ein absolutes Verbot ist nicht immer der beste Weg», sagt er, und das ist der Punkt, der den Arten- vom Tierschützer unterscheidet: Während letztere in der Regel gegen jede Art des Handels kämpfen, ist der begrenzte und überwachte Handel für Artenschützer ein Weg, um Tierarten vor dem Aussterben zu bewahren. Lörtscher macht ein Beispiel: «Die Trophäenjagd, wie sie etwa in Teilen Afrikas angeboten wird, ist auf den ersten Blick natürlich abstossend. Aber auf den zweiten gibt sie der lokalen Bevölkerung auch den Anreiz, die Tierbestände zu erhalten, weil sie in Form von Tourismus auch davon profitieren.»

Im letzten Herbst, als der nervenaufreibende Tag in Johannesburg zu Ende ging und Mathias Lörtscher der höchste Artenschützer der Welt war, gab er zuerst einmal eine Runde aus. Dann reiste er drei Wochen durch Südafrika. Er beobachtete wilde Tiere in den weiten Savannen, fotografierte Elefanten und Löwen, Nashörner und Antilopen; wenn er davon erzählt, gerät er auch ein paar Monate später noch ins Schwärmen. Doch er sah in jenen Tagen auch, wie sehr die Trockenheit an den Naturparadiesen des Landes zehrt. Das bereitet Lörtscher Sorgen, weil dadurch das Gleichgewicht der Natur ins Wanken gerät. Und damit auch die Vielfalt, die ihn so begeistert – und mit der für ihn eigentlich alles anfing.

Lörtscher ist ein Kind vom Land, aufgewachsen in Busswil im Berner Seeland. Das Haus seiner Eltern stand am Rand dieses Nests bei Lyss, in der Nähe gab es einen Bauernhof, doch als Lörtscher ein junger Bursche war, interessierten ihn die Tiere noch nicht so sehr. Lieber wollte er Holzschnitzer werden. Die Tierwelt entdeckte Lörtscher erst, als er in der Kanti eine Arbeit über Flusskrebse schreiben musste. Weil ihn die Vielfalt der Lebensformen fasziniert und ihre Überlebensstrategien, studierte er später an der Uni Bern Zoologie. Kämpfte sich durch das Grundstudium, Mathematik, Physik. Stapfte später monatelang durch Wiesen voller Schmetterlinge, schrieb eine Dissertation, lehrte und forschte weiter – musste die Universität aber verlassen, als er sich mehr um seine Kinder kümmern und nur noch Teilzeit arbeiten wollte. Er machte ein paar Jahre etwas ganz anderes, arbeitete beim Markenschutz, doch in seinem Hinterkopf blieb immer: die Biologie. Als das BLV 2004 einen Leiter für den Fachbereich Artenschutz suchte, schloss sich für Lörtscher der Kreis.

Die Ursprungsländer sollen in den Fokus

Dass er nun und noch bis 2019 dem CITES-Tierkomitee vorsteht, ist für den 54-Jährigen die Krönung seiner Laufbahn. «CITES ist eine Erfolgsgeschichte, aber wir haben noch viel zu tun», sagt er, der jetzt Meetings leitet, Arbeitsgruppen einsetzt – und vor grossen Aufgaben steht: etwa der, dass Handelssperren gegen Länder, die sich nicht an das Abkommen halten, künftig rascher ausgesprochen werden können. Am wichtigsten aber ist ihm etwas anderes: «Ich will jene Länder, in denen die bedrohten Tierarten leben, in den Fokus rücken. Sie sind für den Schutz der Arten zentral, und doch kommen sie zu selten zu Wort. Das will ich ändern.» Mit diesem Ziel ist Lörtscher ganz sich selbst – und auch ganz Vertreter der Schweiz, die als Depositarstaat seit jeher die Wächterin über das CITES-Abkommen ist. Das Original der Konvention liegt nicht weit von Lörtschers Arbeitsplatz: beim Aussendepartement in der Berner Innenstadt.