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Schuldig wegen Förderung rechtswidriger Einreise: Wie eine 72-Jährige trotz Verurteilung für Flüchtlinge kämpft

Seit Jahrzehnten setzt sie sich für Flüchtlinge ein. Ein Gericht hat die Baslerin verurteilt, weil sie einen in Not geratenen Afghanen in die Schweiz zurückbringen wollte. Was treibt die 72-jährige Frau an? Eine Spurensuche.
Kari Kälin
Schuldig wegen Förderung rechtswidriger Einreise: Anni Lanz vor dem Bezirksgericht in Brig. Bild: Dominic Steinmann/Keystone (Brig, 6. Dezember 2018)

Schuldig wegen Förderung rechtswidriger Einreise: Anni Lanz vor dem Bezirksgericht in Brig. Bild: Dominic Steinmann/Keystone (Brig, 6. Dezember 2018)

Es ist ein spezielles Geschenk. Eine Mutter aus Eritrea und ihr fünfjähriger Sohn besuchen Anni Lanz am Weihnachtstag. Der Bub fragt: «Willst du meine Grossmutter werden?» Natürlich will Lanz. «Solch einen Antrag kann man nicht ablehnen», sagt die 72-jährige Witwe, die selber keine Kinder hat, als sie zum Gespräch mit unserer Zeitung in einem Café in Basel erscheint.

Lanz, aufgewachsen in Basel, setzt sich seit Jahrzehnten ein für Flüchtlinge. So konsequent, dass sie persönliche Unannehmlichkeiten in Kauf nimmt. Anfang Dezember geriet die ausgebildete Zeichnungslehrerin und Soziologin ins mediale Rampenlicht. Lanz musste sich vor dem Bezirksgericht Brig für die Förderung der rechtswidrigen Einreise verantworten. Dieser Straftatbestand richtet sich primär gegen Schlepper, die ­Migranten für ihre Schleuserdienste Unsummen abknöpfen.

Lanz, eine Schmugglerin? Sie selber sieht sich als Fluchthelferin. Und hegte keinerlei Bereicherungsabsichten, als sie am 24. Februar dieses Jahres versuchte, Tom* aus einer Notlage zu befreien. Die Schweiz trat nicht auf dessen Asylgesuch ein, weil gemäss der Dublin-Verordnung der EU Italien für den Afghanen verantwortlich ist. Die Dublin-Regeln besagen, dass jener Staat für ein Asylgesuch zuständig ist, in das ein Schutzsuchender zuerst einreist. Die Schweiz macht beim System seit 2008 mit.

Tom versuchte mehrmals, sich das Leben zu nehmen. Dennoch schob ihn die Schweiz nach Italien ab. Dort wurde er in einem Aufnahmezentrum abgewiesen. Lanz fand Tom unterkühlt am Bahnhof in Domodossola. Am Grenzübergang in Gondo im Kanton Wallis wurden Lanz, Tom und dessen Schwager, der das Auto steuerte, angehalten. Tom wurde nach Italien zurückgeschickt. Lanz kassierte einen Strafbefehl, gegen den sie rekurrierte. Beim Prozess anerkannte der Richter zwar ihre humanitären Motive, sprach sie aber schuldig und verhängte eine Busse von 800 Franken plus Verfahrenskosten von 1400 Franken.

Vater verweigerte in Nazideutschland den Hitlergruss

Wie kommt man dazu, im Pensionsalter bei Eiseskälte nach einem abgewiesenen Asylbewerber in Italien zu suchen? Lanz interessierte sich schon zu ihrer Zeit als Gymnasiastin für das Schicksal von Flüchtlingen. In der Schule las sie ein Buch, das von einem Fluchthelfer während des Zweiten Weltkrieges handelte. Die Geschichte beeindruckte Lanz. Ihre Eltern betonten zu Hause am Tischgespräch immer wieder, die Schweiz dürfe nie wieder an Leib und Leben gefährdete Flüchtlinge abweisen. Lanz’ Vater studierte während der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland. Er wurde verprügelt, weil er den Hitlergruss verweigerte. Lanz lernte: Man muss standhaft bleiben, sich nicht jeder Strömung anpassen.

Nach der Matura absolvierte Lanz an der Kunstgewerbeschule Basel eine Ausbildung zur Zeichnungslehrerin. Sie heiratete jung, und ihr Mann ermunterte sie zu einem Soziologiestudium. Lanz engagierte sich in den 1970er-Jahren in der Frauenbewegung. Alle Menschen haben das Recht auf freie Entfaltung, lautete ein Credo. Der Austausch mit Gesinnungsgenossinnen war für Lanz eine Befreiung, denn sie wusste: Ein Leben als Hausfrau, welche die Wohnung auf Hochglanz trimmt, Kinder grosszieht und der Arbeitswelt fernbleibt, würde ihr nicht behagen. Lanz liess sich nicht ins damals gängige Rollenbild pressen. Ihr Mann unterstützte sie in ihrer Haltung.

Zunächst gründete Lanz nach erfolgreichem Studienabschluss das Genossenschaftsrestaurant Hirscheneck in Basel mit. «Ich habe in meiner 16-jährigen Wirtezeit stets Gewinn erzielt, obwohl oder vielleicht gerade weil wir sehr günstige Menus anboten», erinnert sich Lanz.

Dann, in den 1980er-Jahren, rückte das Thema Asyl mit Wucht auf die politische Agenda. Tamilen flüchteten vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka, Kurden und viele Menschen aus Zaire (heute Demokratische Republik Kongo) suchten hierzulande Schutz. Die Schweiz begann, abgelehnte Asylbewerber auszuschaffen. Es entstand eine Asylbewegung, die Ausschaffungskandidaten unterstützte. Allein der Berner Arzt Peter Zuber und seine Ehefrau Heidi organisierten 1984 ein Versteck für 300 Tamilen. Sie schrieben der damaligen Asylministerin Elisabeth Kopp einen Brief, die Betroffenen würden erst wieder auftauchen, wenn ihre Asylanträge noch einmal geprüft würden. Der Druck wirkte. Die Tamilen erhielten ein Bleiberecht. Das Ehepaar Zuber, das in den 1980er- und 1990er-Jahren Betreuung für Zehntausende Asylsuchende organisierte, führte öffentliche Veranstaltungen durch, die auch Anni Lanz besuchte. So engagiert sie sich fortan für Asylsuchende mit dem Motto, das sie von der Frauenbewegung verinnerlicht hatte: Alle Menschen haben das Recht auf freie Entfaltung. Und alle haben ihre Würde, unabhängig vom Aufenthaltsstatus.

Asylsuchende in der eigenen Wohnung beherbergt

Lanz nahm – damals war das noch legal – zahlreiche Menschen in ihrer Wohnung auf, denen die Abschiebung drohte oder die sich sonst auf der Strasse hätten durchschlagen müssen. «Ich muss nicht die ganze Welt bereisen. Die ganze Welt war bei mir», schmunzelt Lanz. Für ihren Mann war es nicht immer ganz einfach, wenn abends wieder völlig andere Leute am Tisch sassen und manchmal wochenlang blieben. Lanz bot den «ganz unterschiedlichen Menschen» nicht nur Obdach, sondern auch juristischen Support, etwa beim Verfassen von Beschwerden. Mit türkischen und kurdischen Frauen führte sie ein Beratungsbüro für Migrantinnen.

Lanz setzte sich auch auf politischer Ebene für die Besserstellung von Asylsuchenden ein. Als ihren grössten Erfolg bezeichnet sie die Aufnahme von frauenspezifischen Fluchtgründen ins Asylgesetz. Lanz erinnert sich, wie sie 1995 an der UNO-Weltfrauenkonferenz in Peking zusammen mit Bundesrätin Ruth Dreifuss für dieses Anliegen kämpfte. Zwischen 1996 bis 2003 wirkte Lanz als politische Sekretärin bei der migrationspolitischen Organisation «Solidarité sans frontières». 2004 verlieh ihr die Universität Basel den Ehrendoktortitel für ihr Engagement für Flüchtlinge.

Zu Besuch im Ausschaffungsgefängnis

Noch heute, mit 72 Jahren, besucht Lanz wöchentlich zweimal abgewiesene Asylbewerber im Ausschaffungsgefängnis Basel. Nach wie vor schreibt sie Rekurse gegen Wegweisungsentscheide, zuletzt während Weihnachten für einen afghanischen Flüchtling, den die Behörden nach Kabul zurückschicken wollen. Viele Ausschaffungskandidaten seien verzweifelt, hegten Suizidgedanken, andere würden sich mit der Situation arrangieren. «Aber alle verstehen nicht, dass sie im Gefängnis sitzen, bloss weil sie keine gültigen Aufenthaltspapiere haben», sagt Lanz, die beim Solidaritätsnetz Region Basel mitmacht. Dieses unterstützt die wegzuweisenden Migranten unter anderem mit einer kleinen finanziellen Starthilfe – dank Spendengeldern – für die Zeit nach der Rückkehr in die Heimat. Oder es überweiset das wenige Geld, das die Ausschaffungshäftlinge im Gefängnis verdienen, deren Familien.

Während des Gesprächs mit unserer Zeitung gratuliert ein Gast Lanz spontan für ihren unermüdlichen Einsatz. Nach dem Prozess in Brig erhielt sie rund 60 Briefe und zahlreiche E-Mails mit Zuspruch für ihre Aktion. Das beflügelt Lanz. Doch gleichzeitig sagt sie. «Was ich gemacht habe, einem Menschen in Not zu helfen, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit.»

Mit Toms Fall an die Öffentlichkeit gegangen ist Lanz, um die Wegweisungspolitik des Staatssekretariats für Migration anzuprangern, die sie als rücksichtslos erachtet. «Die Schweiz muss ihre Verantwortung wahrnehmen und darf kranke und verletzliche Personen nicht einfach abschieben», sagt Lanz. Unser Land könne sich das leisten. Sie fordert, dass sie bei Dublin-Fällen viel öfter selbst ein Asylverfahren eröffnet (siehe Kasten). Die Dublin-Verordnung sieht eine entsprechende Möglichkeit vor. Ihre Kritik an der Asylpraxis trägt Lanz ohne Verbitterung vor. Die zierliche Pensionärin strahlt Zuversicht aus, obwohl sie sich die ganze Zeit um Menschen ohne Perspektiven kümmert. Sie wünscht sich mehr Zivilcourage, kann aber verstehen, dass nicht alle die Kapazität haben, sich dem Schicksal von Migranten anzunehmen. «Ich habe keine Kinder und daher Zeit für mein Engagement.»

Wo sich Tom heute aufhält, weiss Lanz nicht. Der Kontakt zu ihm und seinen Angehörigen ist abgebrochen. Diese sind enttäuscht, dass Lanz den Afghanen nicht in die Schweiz zurückholen konnte. Undank als Lohn? Lanz kann damit umgehen. Manchmal seien Flüchtlinge und ihr Umfeld enttäuscht, wenn man ihnen nicht so helfen könne, wie sie sich das vorstellen. «Ich verüble ihnen diese Reaktion nicht. Ich zwinge meine Unterstützung niemandem auf», sagt Lanz.

Gegen das Urteil des Bezirksgerichts Brig hat sie Rekurs eingelegt. Sie habe die Menschenrechte und Artikel 12 in der Bundesverfassung, das Recht auf Hilfe in Notlagen, stärker gewichtet als das Ausländergesetz: «Ich bin mir keiner Schuld bewusst.» Sie findet es einen «unglaublichen Eingriff in die Privatsphäre, dass der Staat den Leuten vorschreibt, wen sie beherbergen dürfen und wen nicht». Lanz hofft, dass ihr eritreisches Enkelkind noch erleben wird, dass die Schweiz keine verletzlichen Schutzsuchenden mehr abschiebt und die herbeieilenden Helfenden nicht mehr bestraft.

Hinweis

*Name geändert

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