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«Annemarie, zieh's wieder aus!»

Schwester Josefa ist eine Barmherzige Schwester vom Heiligen Kreuz. Im Jahr 1965, gerade 20 Jahre alt geworden, trat sie ins Kloster Hegne am Bodensee ein. Heute ist sie auch Unternehmerin.
Brigitte Schmid-Gugler
Die Barmherzige Schwester Josefa empfindet das Klosterleben nicht als Verzicht, sondern als gültige Alternative zu einer weltlichen Lebensform. (Bild: Brigitte Schmid-Gugler)

Die Barmherzige Schwester Josefa empfindet das Klosterleben nicht als Verzicht, sondern als gültige Alternative zu einer weltlichen Lebensform. (Bild: Brigitte Schmid-Gugler)

Ihren Vater hat Schwester Josefa nicht gekannt. Als ihre Mutter im Jahr 1944 die Hiobsbotschaft erreichte, ihr Mann, als Soldat im Krieg, werde als vermisst gemeldet, war sie schwanger. Wenig später, Anfang 1945, kamen die Zwillinge Gertrud und Annemarie zur Welt. Sie sei in einem sehr behüteten Haus aufgewachsen, es habe ihnen an nichts gefehlt. Die Mutter mit fast übermenschlichen Kräften ausgestattet. Annemarie Harter, heute Schwester Josefa, wurde Zahnarzthelferin; ihre Zwillingsschwester Gertrud Drogistin. «Ich überlegte mir noch eine Weiterbildung an einer pädagogischen Institution, spürte aber gleichzeitig, dass alles, was ich täte, ein Vorwand wäre, dem Drängen auszuweichen. Ich merkte einfach, dass es kein Spleen war und dass ich nicht aus lauter Mutlosigkeit der Spur ausweichen wollte.»

Viele gehen, wenige kommen

Natürlich habe sie auch eine Heirat in Erwägung gezogen, Chancen hätte es durchaus gegeben, erzählt die quirlige 71-Jährige. Und man glaubt es ihr, deren äusserst lebendigen Augen von einem ungetrübten Glanz sind, sofort. Doch ein anderes Gefühl sei eben doch stärker gewesen. Jenes Gefühl, das sie schon im Alter von 17 Jahren gespürt habe, «es war ein ganz starker Impuls, eine Art Unruhe, ein Locken, gleichzeitig ein Erschrecken darüber». Da es für junge Novizinnen noch keine spezielle Eintrittstracht gab, musste Annemarie Harter ihr erstes Kleid selber mitbringen. «Eine Tante nähte mir einen langen schwarzen Rock, den ich dann zu Hause vor dem Spiegel anprobierte. Meine Mutter kam herein und sagte: <Annemarie, zieh's wieder aus>!» Sie sei bis heute verblüfft, dass sie ihrer Familie ihre Entscheidung, ins Kloster zu gehen, zugemutet habe, denn für die Angehörigen zähle nur der Verlust.

Neben der Ehelosigkeit gelobt eine Barmherzige Schwester Gehorsam und Armut. «Gehorsam» – ich habe Mühe mit dem Wort, würde eher von Verbindlichkeit, von Verfügbarkeit sprechen.» Oft werde sie gefragt, ob man denn als Klosterfrau überhaupt noch irgendwelche Freiheiten habe. «Ich antworte dann jeweils: Zum Nichtdürfen wäre mir mein Leben zu schade.» Somit sei auch gleich das dritte Versprechen eingebettet, nämlich die Freiheit, nicht alles haben zu müssen. «Arm lebe ich nicht, aber ich bin zufrieden mit dem, was ich habe», sagt Schwester Josefa.

In all den Jahren ihres klösterlichen Lebens habe sie weit mehr Frauen das Kloster wieder verlassen sehen, als es Neueintritte gegeben habe. Diese «existenzielle Grunderschütterung» sei an ihr vorbeigegangen – auch in den acht Jahren der Klärung, die ihr gegeben waren, sich zu entscheiden, ob sie die Gelübde ablegen wollte.

Schwester Josefa blieb. Sie konnte als Novizin in Freiburg das Abitur nachholen, wurde Lehrerin, hängte ein Studium in Deutsch und Geschichte in Karlsruhe an und blieb, zurück im Kloster, ihr ganzes Berufsleben lang als Lehrerin im Marianum, dem zum Kloster gehörenden Zentrum für Bildung und Erziehung. Im Unterricht habe sie Jugendliche ermuntert, ihre eigenen Talente und Stärken zu entdecken und sie im Sinne einer gegenseitigen Hilfeleistung und nicht in einer Rivalität zu entfalten. «Das gleiche gilt für mein Leben mit meinen Mitschwestern: Ich freue mich, in einer Gemeinschaft mit Menschen zu leben, deren Mitglieder andere Dinge können als ich, die andere Kompetenzen haben als ich. Ich glaube, dahin muss es gehen – sowohl im Kloster als auch im weltlichen Leben: Barmherzigkeit braucht Konkretisierung, Offenheit, Mut, Angstfreiheit, Vorurteilslosigkeit. Sie erfordert die Fähigkeit, anderen zu begegnen, präsent zu sein.»

«Ich gehe ein Stück mit dir»

Schon vor zehn Jahren hätten sie in der Gemeinschaft im Zusammenhang mit der Eröffnung des Elisabeth-Jahres darüber nachgedacht, wie man diesen «grossen Begriff» der Barmherzigkeit so zurückbuchstabieren könnte, dass die sieben leiblichen und sieben geistigen Werke in einen gelebten Alltag eingebunden werden könnten. Sie halte sich gerne an die damals im Bistum Erfurt ausformulierten und vom Bischof postulierten «sieben Angebote»: «Du gehörst dazu / Ich höre dir zu / Ich rede gut über dich / Ich gehe ein Stück mit dir / Ich teile mit dir / Ich besuche dich / Ich bete für dich.»

Es gehe um ein Gespür dafür, wann der Begriff ins Beliebige, Verwässerte kippe. Und sie hält auch gleich eine Anekdote parat: Neulich hätten Familien mit zwei Campern in der Klostereinfahrt parkiert mit dem Vorhaben, dort zu bleiben. Sie habe die Leute darauf hingewiesen, dass dies kein Platz für Camper sei und sie auf den nahen Campingplatz unten am See verwiesen. Der sei voll, hätten sie entgegnet, und, auf ihr Insistieren, den Platz freizugeben, gefragt, was denn das Verhalten der Ordensfrau mit Barmherzigkeit zu tun habe.

Lieber aufbrechen als untergehen

Das Kloster Hegne hat in den vergangenen Jahren umwälzende Veränderungen erfahren. Schwester Josefa, Mitglied der Ordensleitung, erklärt es so: «Es blieben uns zwei Möglichkeiten. Entweder das Schicksal des Untergangs abwarten oder in die Offensive gehen.» Die meisten der heute dort lebenden 200 Schwestern sind über siebzig, die jüngste vierzig Jahre alt, Neueintritte gibt es kaum. In den 1990er-Jahren setzte eine mutige Ordensleitung den Grundstein für eine neue betriebswirtschaftliche Ausrichtung. Seither wuchs die Institution kontinuierlich. Die Schule wurde vergrössert und ausgebaut. Ein Alters- und Pflegeheim kam dazu.

Vor zehn Jahren wurde ein heute überregional sehr beliebtes und hoch frequentiertes 3-Sterne-Hotel mit Restaurant und Café eröffnet. Das Kloster bietet ein breitgefächertes spirituelles Bildungsangebot, kulturelle Veranstaltungen und innerhalb des Hotels regelmässige Kunstausstellungen. 292 externe Angestellte bewirtschaften die verschiedenen Sektoren. Die Schwestern arbeiten in sämtlichen Bereichen mit.

Schwester Josefa übernahm 1995 die Öffentlichkeitsarbeit. Innerhalb der Klostergemeinschaft habe die Entscheidung, das sozial-caritative Motto der Barmherzigen Schwestern auszuweiten auf ein kommerzielles Gleis, auch zu Spannungen geführt. «Es war ein schwieriger Prozess, der viel Vermittlungsarbeit brauchte. Ein Hotel zu besitzen, war für uns Franziskanerinnen anfänglich fast undenkbar.» Und es ist Zeit für die Geschäftsfrau, sich zu verabschieden – die Ordensfrau muss in die Vesper.

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