Angeblich eingereicht, aber nicht eingetroffen: Die mysteriöse Millionen-Klage der Fifa gegen Sepp Blatter

Vor zwei Wochen will die Fifa eine Klage gegen Sepp Blatter eingereicht habe. Komisch nur: Dieser sagt, bei ihm sei nichts eingegangen.

Henry Habegger
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Klagt die Fifa, oder klagt sie nun doch nicht? Sepp Blatter, hier auf einem Archivbild, mit Michel Platini, hat keine Klage-Post erhalten.

Klagt die Fifa, oder klagt sie nun doch nicht? Sepp Blatter, hier auf einem Archivbild, mit Michel Platini, hat keine Klage-Post erhalten.

Patrick B. Kraemer, KEYSTONE

Am 16. Dezember 2019 teilte der in Zürich domizilierte Weltfussballverband mit: «Die Fifa hat heute bei den zuständigen Schweizer Gerichten Klage gegen sowohl den ehemaligen Fifa-Präsidenten Joseph Blatter als auch den ehemaligen Fifa-Vizepräsidenten Michel Platini eingereicht, um die CHF 2 Millionen zurückzufordern, die im Februar 2011 ungerechtfertigt an Michel Platini gezahlt worden waren.» Zwei Wochen ist das nun her.

Recherchen zeigen zwar, dass gegen Platini tatsächlich eine Zivilklage eingegangen ist. Er hat eine Kopie der Klage erhalten, die bei einem Gericht in Lausanne deponiert wurde. Aber von der Klage gegen Sepp Blatter (83) fehlt bis heute jede Spur. Der angeblich Beklagte hält jedenfalls fest: «Bisher ist nichts eingetroffen.» Weder er selbst noch seine Anwälte wüssten etwas von einer Klage der Fifa. Für Blatter ist die Situation ungemütlich, weil er nicht weiss, woran er ist.

Fifa schweigt -Funktionäre sind in den Ferien

Wo ist die Klage gegen Blatter - existiert sie überhaupt? Von der Fifa reagierte seit Freitag niemand auf eine Anfrage zur Sache: Die Fussball-Funktionäre sind in den Ferien.

Hintergrund des Streits ist die umstrittene Zahlung in der Höhe von 2 Millionen Franken, die der ehemalige Uefa-Präsident Platini im Jahr 2011 erhalten hatte. Laut Platini und Blatter handelte es sich um die Nachzahlung eines Honorars aus den Jahren 1998 bis 2002. Platini war damals als Berater von Blatter tätig.

Als die Zahlung 2015 Schlagzeilen machte, sperrte die Fifa-Ethikkommission Blatter und Platini für acht Jahre. Blatters Sperre wurde später auf sechs Jahre reduziert. Jene von Platini auf vier Jahre, sie lief im letzten Oktober ab. Blatter stellt sich auf den Standpunkt, die zuständigen Fifa-Gremien inklusive der Fifa-Kongress seien über die Zahlung im Bild gewesen, sie sei vor Jahren ordentlich bewilligt worden.

Infantino hat Platini im Visier

Auch das Umfeld von Platini ist der Ansicht, dass die Klage in erster Linie auf den Franzosen zielt. Platini macht seit Ablauf seiner Sperre keinen Hehl daraus, dass er Infantino vom Fifa-Thron stossen will. 2015 schien die Bahn für Platini an die Fifa-Spitze frei zu sein. Doch da erfuhr die Truppe von Bundesanwalt Michael Lauber über unbekannte Kanäle von den 2 Millionen.

Manche vermuten, dass Infantino hinter dem Manöver steckte. An Platinis Stelle wurde er Fifa-Boss. Schon seit 2015 ermittelt Lauber wegen den 2 Millionen gegen Blatter. Platini ist Auskunftsperson im Verfahren, kann jederzeit auch Beschuldigter werden.

Platini reichte Strafanzeige gegen Fifa

Infantino fürchte Platinis Rückkehr wie der Teufel das Weihwasser, sagen Insider. So sehr, dass die Fifa eine «Lex Platini» plane: Demnach soll, wer einmal gesperrt war, nie mehr ein Fifa-Amt bekleiden dürfen. Platini gibt sich nicht geschlagen. Er hat dieses Jahr in Frankreich eine Strafanzeige eingereicht, die letztlich auf Infantino zielt. Der Franzose wirft der Fifa vor, ihn 2015 im Zusammenhang mit den 2 Millionen wider besseres Wissen bei der Bundesanwaltschaft angeschwärzt zu haben.

Die Pariser Justiz liess die Klage zu und ersucht nun die Schweiz, Infantino und Co. zu befragen. Brisant sind in diesen Wirren die nicht protokollierten Treffen von Bundesanwalt Lauber mit Infantino. Im Umfeld von Platini und Blatter glaubt man, dass es in den Treffen auch um das Verfahren um die 2 Millionen ging, an dem Infantino persönlich interessiert sei. Je länger dieses dauert, desto besser für ihn: Platini ist damit kaltgestellt.

Lauber sitzt auf weiterer Strafanzeige gegen Infantino

In Zeitlupe arbeitet die Bundesanwaltschaft auch in anderem Zusammenhang. Im Mai reichte Theo Zwanziger, ehemaliger Präsident des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) bei Lauber Strafanzeige gegen Infantino ein. Weil Infantino seinen Kumpel, den Walliser Staatsanwalt Rinaldo Arnold, auf Kosten der Fifa mit Geschenken im Wert von etwa 20000 Franken beglückte. Die Bundesanwaltschaft «prüft» diese Klage nun bereits seit etwa einem halben Jahr.