Amerikaner wundern sich über Vaterschaftsurlaub, Deutsche feiern SVP-Schmach – das schreiben ausländische Medien

Die Volksabstimmungen haben Wellen bis in die «New York Times» geschlagen. Die Gewichtungen und Deutungen sind bisweilen erstaunlich. Ein Überblick.

Patrik Müller und Peter Walthard
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Als wichtigste Abstimmungen wurden in der Schweiz jene über die Begrenzungsinitiative und die Kampfjets bezeichnet. In manchen ausländischen Medien hat aber die Einführung eines Vaterschaftsurlaubs am meisten interessiert. Die «New York Times», die bereits eine ausführliche Vorschau gebracht hatte, titelt:

Schlagzeile in der «New York Times».

Schlagzeile in der «New York Times».

Bei der Gewichtung dürfte der alte Reflex gespielt haben, die Schweiz für einen skurrilen Sonderfall zu halten. Sie sei das letzte Land in Westeuropa gewesen, die noch keinen Vaterschaftsurlaub gekannt habe, wundert sich die «New York Times», und das Volks-Ja sei nun «trotz starker konservativer Opposition» zustande gekommen. Die führende US-Zeitung lässt es sich nicht nehmen, darauf hinzuweisen, dass die Schweiz als eines der reichsten Länder der Welt in Gleichstellungsfragen oft hinterher hinke: «Frauen bekamen das Stimmrecht hier erst 1971, und Ehegattinnen brauchten bis 1988 die Zustimmung ihres Mannes, wenn sie ausserhalb des eigenen Heimes arbeiten wollten.»

Für die Londoner «Financial Times», ein Leitmedium in der Wirtschaftswelt, ist die Begrenzungsinitiative das Thema des Tages:

Die SVP-Politiker Thomas Matter (links) und der Marco Chiesa, neuer Parteichef, schaffen es prominent in die« Financial Times».

Die SVP-Politiker Thomas Matter (links) und der Marco Chiesa, neuer Parteichef, schaffen es prominent in die« Financial Times».

Die SVP-Initiative wird in der europafreundlichen Zeitung, die den Brexit in Grossbritannien bekämpft hatte, als «nationalistische» und «populistische» Vorlage bezeichnet. Der Brexit sei denn auch ein Grund dafür, dass sich die Verhandlungen der Schweiz mit der EU beim Rahmenabkommen schwierig gestalten würden. Die «Financial Times» liegt mit ihrer Deutung des Volks-Neins auf einer ähnlichen Linie wie die meisten Schweizer Zeitungen: Die SVP habe einen höheren Ja-Anteil erreicht, als es ihrem Wähleranteil entspreche, und die Probleme mit der EU-Seiten seien noch lange nicht gelöst. Die «Financial Times» bezeichnet die SVP wie viele andere angelsächsische Medien regelmässig als «rightwing populist Party».

In Deutschland interessiert ebenfalls vor allem die Begrenzungsinitiative. Die reichweitenstarke «Bild»-Zeitung titelt auf ihrem Portal:

Schlagzeile auf bild.de

Schlagzeile auf bild.de

Die Zeitung freut sich darüber, dass die «Wähler» GEGEN (in Versalien) den Vorschlag der rechtskonservativen SVP gestimmt hätten und folgert: «Der mögliche Bruch mit der Europäischen Union ist erstmal vom Tisch.»

Die Nachrichtenagentur DPA, von der die meisten deutschen Medien ihre Berichterstattung übernehmen, vergleicht die SVP-Initiative mit dem Brexit und spricht von einem «Schwexit-Szenario», das nun abgewendet worden sei. Und dies, so vermerkt die DPA, obwohl die Bevölkerungszahl seit 1990 um fast ein Viertel angestiegen sei.

Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» nennt das Resultat ein «Volksvotum gegen Abschottung» und führt dieses unter anderem auf die Corona-Pandemie zurück, die den Schweizern gezeigt habe was es heisse, «im eigenen Land eingeschlossen» zu sein. Nun müsse die Schweiz den Rahmenvertrag mit der EU unterzeichnen, schreibt die FAZ – kein linkes, sondern ein wirtschaftsnahes bürgerliches Medium. Und weiter:

«Diese Chance sollten die Eidgenossen nutzen, statt über vermeintliche Souveränitätsverluste zu lamentieren.»

Die linksliberale «Süddeutsche Zeitung» verweist auf die Zuwanderungsinitiative von 2014, die von der Politik «nicht wirklich umgesetzt» worden sei. Die jetzige SVP-Initiative sei deshalb «eine Art berechtigtes Nachhaken» gewesen. Die Schweizer seien aber realistisch geblieben. Das Verhältnis zur EU sei für sie «keine Liebesgeschichte, aber eine Zweckgemeinschaft, von der die Schweiz enorm profitiert.»