Amerikaner und Chinesen wundern sich über die Schweiz: «Es gibt viele Coronafälle – aber nur sehr wenige Einschränkungen»

Die starke Zunahme der Neuinfektionen wird auch im Ausland registriert. Das chinesische Staatsfernsehen berichtet, und die «New York Times» schreibt dazu: «Die Zahlen in der Schweiz steigen sprunghaft an, doch statt die Massnahmen zu verschärfen, werden sie gelockert.»

Patrik Müller
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Dieses Foto von einem Eishockeymatch in Lausanne publizierte die «New York Times» als Illustration ihres Artikels über die «lockeren» Schweizer Massnahmen.

Dieses Foto von einem Eishockeymatch in Lausanne publizierte die «New York Times» als Illustration ihres Artikels über die «lockeren» Schweizer Massnahmen.

Lange Zeit zog der Sonderweg Schwedens die Aufmerksamkeit der internationalen Medien auf sich. Dort hat sich die Lage inzwischen etwas beruhigt. In den vergangenen Tagen sind nun in mehreren ausländischen Medien Berichte über die Schweiz erschienen.

Sogar das englischsprachige chinesische Staatsfernsehen griff die steigenden Infektionszahlen in der Schweiz auf. Der Sender CGTN, der berüchtigt ist für Propaganda im Dienste der Regierung, erwähnte, dass die Schweiz das Nachbarland Deutschland auf die Quarantäne-Liste gesetzt habe (was falsch ist, denn auf der Liste befinden sich «nur» die beiden Länder Berlin und Hamburg). Und fügte dann hinzu, dass aber innerhalb der Schweiz «sehr wenige Einschränkungen» gelten würden, und das trotz eines Anstiegs der Infektionszahlen. Die Bürger würden bloss an die Abstands- und Hygieneregeln erinnert. CGTN schreibt auf seiner Newssite:

«Die Schweiz will vermeiden, den Leuten zu sagen, dass sie wieder zuhause bleiben müssen.»

Ausführlich hat sich die «New York Times» der Coronasituation in der Schweiz angenommen. Wenige Tage, nachdem Grossveranstaltungen wieder erlaubt worden seien, «sind die Neuinfektionen erstmals seit März wieder über 1000 gestiegen», schreibt die Zeitung. Die Zahlen würden seither weiter nach oben klettern. In der Tat wurde am Freitag mit 1487 neuen Coronafällen der höchste Werte überhaupt vermeldet.

In Donald Trumps Amerika sind die Regeln strenger

Die US-Zeitung wundert sich, dass Hockey- und Fussballspiele wieder vor grossem Publikum stattfinden dürfen, ganz im Gegensatz zu Amerika. Im Land des als «Corona-Verharmloser» gescholtenen Donald Trump gelten in den meisten Bundesstaaten deutlich strengere Regeln als in der Schweiz.

Die «New York Times» zitiert die Berner Epidemiologin Nicola Low, die Mitglied der Covid-Taskforce des Bundes ist. Die Schweiz wiege sich in falscher Sicherheit, kritisiert sie, weil trotz höherer Infektionszahlen die Spitaleinweisungen und auch die Todesfälle vergleichsweise tief geblieben seien. «Bis diese Zahlen steigen, haben wir bereits die Kontrolle verloren», sagt Low, und weiter:

«Wir haben das Boot schon verpasst, um das Virus kontrollieren zu können.»
Die Epidemiologin Nicola Low von der Universität Bern.

Die Epidemiologin Nicola Low von der Universität Bern.

zvg

Interessant: In Schweizer Medien äussern sich Vertreter der Covid-Taskforce zurückhaltender beziehungsweise weniger pessimistisch, so etwa Marcel Salathé vergangene Woche in unserer Zeitung.

Wie reagiert Deutschland auf die hohen Schweizer Zahlen?

Auch in Deutschland sind die gestiegenen Schweizer Fallzahlen ein Thema. Die Gefahr nimmt zu, dass Deutschland die Schweiz zum Risikogebiet erklärt. Es gilt dafür ein Richtwert von 50 Neuansteckungen pro 100'000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen.

Zurzeit gelten einzig die Kantone Genf und Waadt als Risikogebiete. Gemäss den deutschen Behörden bedeutet das folgendes: «Für Einreisende in die Bundesrepublik Deutschland, die sich zu einem beliebigen Zeitpunkt innerhalb der letzten 14 Tage vor Einreise in einem Risikogebiet aufgehalten haben, kann gemäss den jeweiligen Quarantäneverordnungen der zuständigen Bundesländer, eine Pflicht zur Absonderung bestehen.»