Amerika spielt verrückt
Kein Richter und kein Ermittler wird Trump zum Verschwinden bringen – das können einzig und allein die Wähler

Wer glaubt, nach der Razzia von Florida werde die Justiz das «Problem Trump» lösen, könnte sie sich gewaltig irren. Ein Kommentar.

Patrik Müller
Patrik Müller
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Karikatur: Silvan Wegmann

Der amerikanische Bestseller-Autor Michael Wolff galt lange Zeit als begnadeter Trump-Deuter. Mit seinem Buch «Fire and Fury» («Feuer und Zorn») verdiente er Millionen, es war 2018 angeblich das meistverkaufte Buch der Welt.

In jenem Jahr machte ich mich auf nach New York, um Wolff in seiner Wohnung im hippen Stadtteil Greenwich Village zu interviewen. Rückblickend lesen sich seine Aussagen wie eine Aneinanderreihung von Fehlprognosen. Wolff rechnete schon nach zwei Jahren Präsidentschaft damit, dass Trumps Partei die Zwischenwahlen verlieren würde («ein möglicherweise tödliches Ereignis»). Spätestens die Russland-Affäre werde ihn erledigen: Erst die Ermittlungen von Robert Mueller, dann das Amtsenthebungsverfahren.

Bestseller-Autor und Trump-Deuter Michael Wolff 2018, als ihn die «Schweiz am Wochenende» zuhause zum Interview traf.

Bestseller-Autor und Trump-Deuter Michael Wolff 2018, als ihn die «Schweiz am Wochenende» zuhause zum Interview traf.

Bild: pmü

Wolff ist nicht der einzige, der sich in Trump geirrt hat, und die Irrtümer beschränkten sich auch nicht auf seine Präsidentschaft (2017 bis 2021). Zwar ist man vorsichtiger geworden mit Vorhersagen, aber für die meisten Beobachter war klar, dass nach dem Sturm aufs Kapitol vom 6. Januar 2021, bei dem es Tote gab, Trump derart diskreditiert sein würde, dass sein Einfluss in der Republikanischen Partei mehr und mehr schwinden würde.

Spätestens seit dieser Woche wissen wir: Dem ist nicht so. Liz Cheney, einst dritthöchste Republikanerin, verlor in Wyoming gegen eine Trump-Kandidatin und fliegt aus dem Parlament. Cheney, die inhaltlich weitgehend auf Trump-Linie politisiert, hatte sich gegen seine Lüge vom Wahlbetrug gestellt.

Fiel bei der republikanischen Basis hochkant durch: Liz Cheney räumt ihre Niederlage ein. Sie verlor gegen eine Trump-Kandidatin.

Fiel bei der republikanischen Basis hochkant durch: Liz Cheney räumt ihre Niederlage ein. Sie verlor gegen eine Trump-Kandidatin.

Jae C. Hong / AP

Der Ex-Präsident prahlte darauf, von ehemals zehn hochrangigen Republikanern, die gegen ihn gewesen waren, seien nur noch zwei im Amt. Die Säuberung der Partei schreitet voran.

Dem Narzissten Trump gefällt das, doch für die Republikanische Partei ist die Verengung auf den Trumpismus gefährlich. Trump hatte in keiner Phase die Mehrheit der Amerikaner hinter sich. Eine reine Trump-Partei kann das konservative Wählerpotenzial nicht ausschöpfen. Den Demokraten bietet sich so die Chance, ihre Reichweite zu erhöhen.

Der Weg über das Stimmvolk ist der bessere als jener über die Justiz. Robert Mueller konnte Trump nicht stoppen, und dass die Ermittlungen nach der Razzia in Florida sein Ende besiegeln, dürfte sich ebenfalls als Irrtum erweisen. Andernfalls würde er sich zum Märtyrer stilisieren.

In der selbsternannten ältesten Demokratie der Welt können nur die Wählerinnen und Wähler über Trump richten.