Ambitioniertes Ziel der Wirtschaft

Nach der Annahme der Zuwanderungs-Initiative der SVP ist das inländische Arbeitskräftepotenzial in aller Munde. Dieses auszuschöpfen ist allerdings nicht einfach, wie Beispiele aus der Praxis zeigen.

Lukas Leuzinger
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Ältere Arbeitnehmende sind nun auch in den Fokus der Wirtschaftsverbände gerückt. Diese wollen die Unternehmen in die Pflicht nehmen. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Ältere Arbeitnehmende sind nun auch in den Fokus der Wirtschaftsverbände gerückt. Diese wollen die Unternehmen in die Pflicht nehmen. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

BERN. Marlène Honegger, die Leiterin Direktion Personelles beim Migros-Genossenschafts-Bund, stellte gestern in Bern ein Modell vor, wie ihr Unternehmen das Potenzial älterer Arbeitnehmer nutzt. Die sogenannte «Bogenkarriere» soll den Mitarbeitern einen individuell abgestimmten Übergang ins Rentenalter ermöglichen, beispielsweise indem sie ihr Pensum reduzieren oder Führungsfunktionen abgeben, statt sich frühzeitig pensionieren zu lassen. So sollen die Angestellten länger im Unternehmen gehalten werden und ihr Know-how erhalten bleiben. Bisher haben sich allerdings erst 13 Mitarbeiter für die «Bogenkarriere» entschieden. Bei einem Unternehmen mit 2500 Angestellten sei dies nicht besonders viel, räumte Honegger ein. «Wir befinden uns noch in der Startphase.»

Projekt noch wenig konkret

In der Startphase befindet sich auch der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV) mit seinen Bemühungen, das Potenzial älterer Arbeitnehmer besser zu nutzen. Zwar sagte Verbandspräsident Valentin Vogt, die Arbeitgeber hätten sich schon seit längerem mit dem Thema befasst. Das Projekt «Zukunft Arbeitsmarkt Schweiz», welches der SAV gestern zusammen mit dem Wirtschaftsdachverband Economiesuisse vor den Medien in Bern präsentierte, ist allerdings noch nicht sehr konkret. Zuerst wolle man «quasi das Mühlrad einmal in Bewegung setzen». Nun werde man das Thema auf regionaler Ebene diskutieren. Schliesslich wolle man sich konkrete Ziele setzen. Als Beispiel nannte Vogt das effektive Rentenalter. Dieses habe sich in den vergangenen zehn Jahren um rund ein Jahr auf 62,6 Jahre bei Frauen beziehungsweise 64,1 Jahre bei Männern erhöht. Und nach dem Willen der Wirtschaftsverbände soll es weiter steigen.

Dass sich die Arbeitgeber so darum bemühen, die älteren Arbeitnehmer im Arbeitsprozess zu halten, kontrastiert mit der Wahrnehmung vieler Vertreter dieser Gruppe, die sich zunehmend aus dem Arbeitsmarkt gedrängt fühlen.

Der ehemalige Preisüberwacher und alt SP-Nationalrat Rudolf Strahm schlug jüngst Alarm angesichts des «stillen Dramas» bei den Arbeitnehmern über 50 Jahren, die zunehmend durch ausländische Arbeitskräfte ersetzt würden.

Vogt zeigte Verständnis für solche Sorgen. «Die Unternehmen sind gehalten, Bewerbungen älterer Arbeitnehmer anders zu behandeln als solche von jüngeren.» Beispielsweise sollten sie einen älteren Bewerber auch dann einladen, wenn gerade keine Stelle offen sei, auf die sein Profil passen würde. Zugleich seien auch die Arbeitnehmer gefordert. «Die Erfahrung zeigt, dass auch ältere Arbeitslose wieder einen Job finden können – es dauert jedoch in den meisten Fällen deutlich länger.»

Differenzierter Inländervorrang

Strahm betont, dass angesichts des Verdrängungseffekts ein Schutz der inländischen Arbeitskräfte in Form eines Inländervorrangs unumgänglich sei. Einen solchen Vorrang sieht auch die Masseneinwanderungs-Initiative vor, welche vor einem Jahr an der Urne angenommen wurde. Diese Vorgabe gelte es umzusetzen, hielt Valentin Vogt fest. «Die Frage ist, wie.» Er wünscht sich eine differenzierte Umsetzung. «Statt den Inländervorrang in jedem Einzelfall abzuklären, könnte man in einer beschränkten Anzahl von Berufen, wo es praktisch keine Inländer gibt, eine kollektive Prüfung des Inländervorrangs der Berufsgruppe vornehmen.»