Altersvorsorge in Schieflage

Steigende Lebenserwartung, Babyboomer, die allmählich pensioniert werden, dazu fehlende Renditen an den Kapitalmärkten: Der Altersvorsorge droht bis 2030 ein jährliches Loch in Milliardenhöhe.

Dominic Wirth
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Für die künftigen Generationen braucht die Altersvorsorge eine Reform. (Bild: fotolia)

Für die künftigen Generationen braucht die Altersvorsorge eine Reform. (Bild: fotolia)

Die Prognosen des Bundes sind eindeutig: Die wichtigsten Pfeiler der Schweizer Sozialwerke, die AHV und die berufliche Vorsorge, die 60 Prozent der Ausgaben ausmachen, sind nicht mehr stabil. Das System, das darauf ausgerichtet ist, nach der Pensionierung ungefähr den gleichen Lebensstil wie zuvor zu ermöglichen, braucht eine Reform. Über ihre Eckpfeiler wurde gestern im Ständerat erstmals debattiert (siehe rechts). Insgesamt sind drei Beratungstage geplant für das derzeit mit Abstand wichtigste innenpolitische Geschäft.

Altersquotient verändert sich rasch

Es sind verschiedene Entwicklungen, die der ersten und der zweiten Säule zusetzen; gemeinsam ist ihnen, dass für sie die demographische Entwicklung immer mehr zur Belastung wird. Jahr für Jahr gerät das Verhältnis zwischen jenen, die arbeiten, und jenen, die eine Rente beziehen, mehr aus den Fugen. Konkret heisst das: Pro Rentenbezüger gibt es immer weniger Arbeitstätige, die in das System einbezahlen. Die Zahl, die das spiegelt, ist der Altersquotient. Er steht für das Verhältnis der über 64-Jährigen gegenüber den 20- bis 64-Jährigen. 1948, als die AHV eingeführt wurde, betrug der Altersquotient 15 Prozent; auf einen Rentenbezüger kamen damals etwas mehr als sechs Arbeitskräfte.

Aktuell liegt dieser Wert bei 30 Prozent, doch schon bald wird er sich massiv nach oben verschieben. Denn die geburtenstarken Jahrgänge, die so genannten Babyboomer, gehen in den kommenden Jahren in Rente. Der Effekt ist einschneidend: Hatten die Babyboomer das Verhältnis eben noch einigermassen erträglich gestaltet, so gerät dieses nun allmählich aus dem Gleichgewicht. 2050 wird der Altersquotient laut Berechnungen des Bundesamts für Statistik bereits auf die 50 Prozent zugehen.

Leerer AHV-Fonds bis 2030

Für die AHV sind die finanziellen Folgen schwerwiegend, denn sie funktioniert nach dem Umlageverfahren. Das heisst: Was die Arbeitnehmer und die Arbeitgeber über ihre Lohnbeiträge an die AHV abgeben, wird sogleich zur Finanzierung der Renten genutzt. Sie ist somit von der beitragspflichtigen Lohnsumme abhängig, die wiederum von der Zahl der Arbeitnehmer sowie der wirtschaftlichen Lage abhängt. Wenn nun die Zahl der Einzahlenden stetig sinkt und die Lohnentwicklung dies nicht aufzufangen vermag, fehlt irgendwann das Geld, um die Renten zu überweisen. Für diesen Fall wurde der AHV-Fonds eingerichtet. Dort liegen Reserven, die die Löcher stopfen, wenn das Verhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben, das so genannte Umlageergebnis, nicht mehr stimmt. 2014 war dieses Ergebnis bereits negativ, 320 Millionen Franken fehlten letztlich. In den kommenden Jahren wird sich dieser Trend drastisch verschärfen; das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) rechnet ohne Reformen für das Jahr 2030 bereits mit einem Minus von 7,5 Milliarden. Bis dahin wären, wenn alles beim Alten bleibt, auch die Reserven des AHV-Fonds fast ganz aufgebraucht. Ende 2014 lagen noch fast 45 Milliarden in diesem Fonds.

BVG: Die Renditen fehlen

Auch die Berufliche Vorsorge, die so genannte zweite Säule, ist vom aufgezeigten demographischen Wandel stark betroffen. Sie ist daneben vor allem auf ausreichende Renditen an den Kapitalmärkten angewiesen. Dabei gilt die folgende Faustregel: Je höher die Lebenserwartung ist, desto mehr Rendite braucht es auf dem angelegten Kapital, damit die Rente bis ans Lebensende finanziert werden kann. Weil die Lebenserwartung stetig ansteigt – 2014 lag sie bei Männern etwa bei 81 Jahren, während es 1981 nur 72 Jahre waren -, braucht es auch höhere Renditen.

Das Problem ist, dass die Kapitalmärkte diese Rendite nicht mehr hergeben. Seit der Jahrtausendwende liegen sie deutlich unter den fünf Prozent, die laut BSV nötig wären. Die Folge davon ist eine Umverteilung von den aktiven Versicherten zu den Rentnern, denn es sind die Berufstätigen, deren Konten tiefer verzinst werden oder die zusätzliche Beiträge zu bezahlen haben. Die Versicherung AXA Winterthur schätzt, dass so jährlich 3,5 Milliarden zwischen den Generationen verschoben werden. Damit nicht genug: Weil die Renditen seit Jahren ungenügend sind, entwickelt sich der durchschnittliche Deckungsgrad der Vorsorgeeinrichtungen schlecht. 1999 lag dieser Deckungsgrad noch bei knapp 125 Prozent; Ende 2014 waren es noch knapp 106 Prozent.