Altersdiskriminierung auf der Intensivstation? Rechtsprofessorin sieht alte Patienten im Nachteil

Über 85-Jährige sollen bei einem Bettenengpass auf der Intensivstation abgewiesen werden. Rechtsprofessorin Christa Tobler sieht darin eine Verletzung des Diskriminierungsverbots. Das Schweizer Medizinethik-Gremium weist die Kritik zurück. Viele Leute hätten eine falsche Vorstellung der Intensivmedizin.

Andreas Maurer
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Intensivstation in Freiburg: Hier werden Covid-19-Patienten betreut.

Intensivstation in Freiburg: Hier werden Covid-19-Patienten betreut.

Anthony Anex / Keystone (Freiburg, 30.3.2020)

Was wäre, wenn zwei Patienten mit Atemnot ins Spital eingeliefert werden, aber nur noch ein Beatmungsgerät frei ist? Ein Szenario, das bis vor kurzem in der Schweiz unvorstellbar war. Die schwierige Frage hat eine Grundsatzdebatte ausgelöst, die auch für die nächste Krise von Bedeutung sein wird.

Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) hat Richtlinien für die Triage in der Covid-19-Pandemie erstellt. Trier bedeutet sortieren. Die Kriterien bestimmen, wer Priorität hat, wenn die Kapazitäten nicht für alle reichen.

Der Grundsatz lautet: Jene Patienten mit der besten kurzfristigen Prognose haben Vorrang. Das Alter per se solle dabei kein Kriterium sein, indirekt werde es aber als Risikofaktor berücksichtigt, heisst es.

Für den Fall, dass die Intensivpflegebetten nicht für alle reichen, wird das Alter aber als direktes Kriterium aufgeführt. Wer über 85 Jahre alt ist, wird abgewiesen. Dasselbe gilt für über 75-Jährige, die an bestimmten chronischen Krankheiten leiden. Bei den über 85-Jährigen müssten diese nicht abgeklärt werden.

Altersdiskriminierung befürchtet

Christa Tobler ist Rechtsprofessorin am Europainstitut der Universität Basel und bekannt für ihre Analysen der Beziehungen der Schweiz mit der EU. Weniger bekannt ist ihr zweites Fachgebiet: die Altersdiskriminierung. Unter diesem Aspekt hat sie mit ihrem Doktoranden Mark-Anthony Schwestermann die SAMW-Richtlinien in einem Aufsatz analysiert, der am Dienstag in der Fachzeitschrift «Jusletter» publiziert wird.

Das Fazit lautet: «Die Richtlinien bergen die Gefahr einer Altersdiskriminierung in sich.» Die Kriterien würden das Diskriminierungsverbot der Bundesverfassung verletzen, weil sie widersprüchlich seien. Sie wollten das Alter nicht als direktes Kriterium behandeln, würden aber genau dies tun.

Tobler warnt davor, dass die Richtlinien im Einzelfall bedeuten könnten, dass einer älteren Person der Zugang zur Intensivmedizin verweigert wird zu Gunsten einer jüngeren mit schlechteren Aussichten. «Die Annahme, dass Menschen über 85 schlechtere Überlebenschancen haben, trifft für den Durchschnitt zu, aber nicht für alle. Deshalb müsste jeder Patient unabhängig vom Alter beurteilt werden», sagt Tobler. Altersdiskriminierung sei ein neues Phänomen: «Die meisten Leute haben noch nicht verstanden, worum es rechtlich geht.» Die Diskriminierung entstehe durch stereotype Annahmen, die mit dem Alter in Verbindung gebracht werden, aber nicht immer zutreffen.

Die britische Regelung als Vorbild für die Schweiz

Im Notfall muss es schnell gehen. Sind deshalb verallgemeinernde Annahmen nicht zulässig, um Zeit zu gewinnen? Tobler meint: «Es wäre nicht einzusehen, weshalb man sich bei jüngeren Personen die Zeit für Abklärungen nehmen will, aber nicht bei älteren.»

Tobler und Schwestermann schlagen der SAMW vor, dass sie die Alterskriterien aus den Richtlinien streicht. Als Vorbild nennen sie die britische Regelung. Darin heisst es, man wisse nicht, ob das Alter tatsächlich der Grund für die höhere Sterblichkeit bei Covid-19 sei oder ob es nicht eher die Krankheiten seien, die oft – aber eben nicht immer – mit dem Alter zusammenhängen.

Seniorinnen mit Sicherheitsabstand in Zürich.

Seniorinnen mit Sicherheitsabstand in Zürich.

Bild: Petra Orosz/Keystone (Zürich, 2. April 2020)

Tobler hat ihren Aufsatz der SAMW geschickt in der Hoffnung, dass die Richtlinien deshalb überarbeitet werden. Das Ethikgremium hat jedoch kein Verständnis für die Kritik.

Präsident ist Daniel Scheidegger, emeritierter Medizinprofessor und ehemaliger Leiter einer Intensivstation des Basler Universitätsspitals.

Er sagt: «Viele Leute haben eine falsche Vorstellung von einer Intensivstation und meinen, das sei wie Fliegen in der 1. Klasse. Wenn man aber mal dort war, weiss man: Das ist eine sehr harte Zeit.»

Wer wegen des neuen Coronavirus ein Lungenversagen habe und maschinell beatmet werden müsse, habe oft eine steife Lunge. Auch junge Patienten leiden danach noch jahrelang unter Atemnot. Von den über 85-Jährigen überleben 80 Prozent die Behandlung nicht.

Eine «gute» Medizin enthält auch Verzicht

Der Tod an der Beatmungsmaschine sei ein einsamer, sagt Scheidegger. Man sei sediert, könne nicht mehr sprechen und sich nicht mehr verabschieden. Es gäbe bessere Umgebungen, um zu sterben. Deshalb sei es so wichtig, den Patientenwillen zu kennen. Eine «gute» Medizin bedeute nicht, dass man allen immer alles anbiete.

Triage-Entscheide müssten von erfahrenen Intensivmedizinern gefällt werden, die jeden Patienten individuell beurteilten. Jüngere Patienten würden nicht automatisch den Vorzug erhalten. Eine Diskriminierung sei deshalb nicht zu befürchten. Und überhaupt: «Es stimmt auch nicht, dass die Intensivmediziner über Tod und Leben entscheiden. Das Virus ist es, das über Tod und Leben entscheidet.»

In der Auseinandersetzung treffen zwei Welten aufeinander. Die Rechtsprofessorin analysiert den Wortlaut der Richtlinien und sieht darin einen Widerspruch. Der Medizinprofessor hingegen ist überzeugt, dass die Bedenken in der Praxis keine Rolle spielen werden.