ALTERNATIVE SZENE: Jubiläumsfest mit Beigeschmack

Das autonome Berner Kulturzentrum Reitschule feiert seinen 30. Geburtstag. Dass es dabei auch mit einer unbewilligten Demo provoziert, gehört in der Bundesstadt längst zum Courant normal.

Reto Wissmann
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Die Reitschule steht regelmässig im Zentrum politischer Auseinandersetzungen. (Bild: Lukas Lehmann / Keystone)

Die Reitschule steht regelmässig im Zentrum politischer Auseinandersetzungen. (Bild: Lukas Lehmann / Keystone)

Reto Wissmann

Zum Jubiläum gibt sich die Berner Reitschule offiziell handzahm. Am Reitschulfest 2017, mit dem dieses Wochenende der 30. Geburtstag des Kulturzentrums gefeiert wird, sind unter ­anderem öffentliche Führungen und ein Konzert von Stiller Has geplant. Tausende Jugendliche, aber sicher auch viele Reitschülerinnen und Reitschüler der ersten Stunde werden Performances mitverfolgen, Lesungen besuchen, Filme anschauen, Partys feiern und danach ein Katerfrühstück geniessen. Die Reitschule wird zeigen, was sie ist: ein Kreativ- und Gesellschaftslabor mit einem hochstehenden Kulturangebot und einer wichtigen sozialen Funktion.

«Das Jubiläum ist für mich ein Anlass zur Freude», sagt der grüne Stadtpräsident Alec von Graffenried. Die Reitschule habe Generationen von Bernerinnen und Bernern geprägt, bereichere das kulturelle Leben und sei heute fixer Bestandteil des kulturellen Angebots. Solche Worte hätten sich die jungen Bewegten, die vor 30 Jahren im damals noch bürgerlichen Bern die ehemalige Reitschule besetzt haben, wohl nie träumen lassen. Doch auch heute gibt es eine andere Seite des autonomen Zentrums: Immer wieder wird die Polizei mit Steinen und Flaschen beworfen. Ordnungshütern, die Personen kontrollieren wollen, der Zutritt verwehrt. Und im Umfeld der Reitschule organisieren Linksextreme Demonstrationen, die nicht selten in Saubanner­züge ausarten. Rund um das Zentrum ist es in den letzten zwei Jahren zu über 200 Vorfällen gekommen.

Demo überrascht Stadtregierung nicht

Auch am Jubiläums­wochenende geht es nicht ohne Provokationen: «30 Jahre Reitschule sind ein guter Grund, um mal wieder zu sagen: Wir haben nicht genug! Nicht genug Freiräume, nicht genug gekämpft, nicht genug erreicht! Wir wollen mehr, viel mehr, wir wollen Anarchie!», schreibt ein anonymes Kollektiv und ruft für heute zu einer Demonstration auf. Um eine Bewilligung schert es sich nicht. «Das Recht auf freie Meinungsäusserung bedarf keinerlei Bewilligung», so die Gruppe.

Die Berner Polizei ist derzeit wachsam. Zum zehnten Jahrestag der Randale im Umfeld einer SVP-Veranstaltung auf dem Bundesplatz wollten Linksautonome diesen Monat bereits zweimal «antifaschistische Demonstrationen» durchführen, wurden jedoch durch ein massives Polizeiaufgebot daran gehindert. «Es ist keine Überraschung, dass es im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten zu einem Demonstrationszug kommen soll», sagt Stadt­präsident von Graffenried, «wichtig ist dem Gemeinderat, dass die Kundgebung friedlich verläuft.» Das Katz-und-Maus-Spiel ist symptomatisch für das Verhältnis zwischen Reitschule, Politik und Polizei. Im links-grünen Bern wäre es politischer Selbstmord, konsequent gegen die Reitschule vorzugehen. Mehrmals hat sich die Bevölkerung bereits hinter die Institution gestellt. Gleichzeitig wächst der Unmut gegen die Ausschreitungen. Die Politik ist zum Dialog verdammt. Die 380 000 Franken an Subventionen, die jährlich an die Reitschule gehen, sind nur scheinbar ein Druckmittel, da sie weitgehend aus einem Mietzinserlass bestehen.

«Reitschule hat Stadt besser in den Griff bekommen»

Am längeren Hebel sitzt die schwer fassbare Reitschule. «Die Reitschule hat die Stadt in den letzten Jahren viel besser in den Griff bekommen», kommentierte die «Berner Zeitung» das Jubiläum sarkastisch. Der Stadtpräsident schüttelt den Kopf: «Ich glaube, es widerspricht sowohl dem Grundverständnis der Reitschule wie auch demjenigen der Stadt Bern, jemanden im Griff haben zu wollen», sagt von Graffenried. Er erwarte vielmehr «eine verlässliche Zusammenarbeit», die gute Rahmenbedingungen für die kulturellen und soziokulturellen Tätigkeiten schaffe. Hier brauche es aber sehr wohl noch «gewisse Verbesserungen».

Während man im Rest der Schweiz jeweils entsetzt nach Bern schaut, wenn im Umfeld der Reitschule Autos angezündet oder Fassaden versprayt werden, geht man die ­Sache in Bern nach 30 Jahren Erfahrung entspannt an: «Mit der Reitschule verhält es sich wie mit den Young Boys», sagt der Stadtpräsident, «YB ist cool und hip, und YB fägt.» Aber auch im Fussball gebe es mit den Hooligans eine negative Seite. Nur im regelmässigen Dialog könne die Situation verbessert werd en.