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Alte Rollenbilder – hüben wie drüben

Die Frau kümmert sich um Haus und Kinder, der Mann sichert das finanzielle Überleben: tradierte Rollenmuster sind hartnäckig. "Der Wandel braucht Zeit, unendlich viel Zeit", schreibt Chefredaktor in seinem Leitartikel.
Stefan Schmid
Stefan Schmid, Chefredaktor St.Galler Tagblatt (Bild: Urs Bucher)

Stefan Schmid, Chefredaktor St.Galler Tagblatt (Bild: Urs Bucher)

Unter dem Hashtag #metoo berichteten dieser Tage weltweit Frauen von sexuellen Übergriffen. Das Ausmass schockiert. Weil ich den Filterblasen im Internet zuweilen nicht traue, habe ich kurzerhand eine kleine Umfrage bei mir persönlich gut bekannten Frauen gemacht. Fazit: Ja, das Ausmass ist schockierend. Wildfremde, lüsterne Blicke auf Brüste oder Beine, unzweideutige Angebote von Vorgesetzten, peinliche Machosprüche oder gar Berührungen von Kollegen, die ein Bier zu viel getrunken haben. Kommt alles vor – häufiger als Mann denkt.

Stefan Schmid, Chefredaktor St.Galler Tagblatt (Bild: Urs Bucher)

Stefan Schmid, Chefredaktor St.Galler Tagblatt (Bild: Urs Bucher)

Rechtfertigen kann man Übergriffe nie. Die körperliche und seelische Integrität von Individuen ist unantastbar. Erklärungsansätze für das verbreitete Phänomen unflätiger Männlichkeit aber gibt es. Während Jahrhunderten war der Mann das unbestrittene Oberhaupt der Familie. Die Frau wurde mit der Heirat zum Eigentum des Mannes. In archaischen, unaufgeklärten Gesellschaften ist das heute noch der Fall. Auch in der Schweiz hat sich die patriarchale Werteordnung lange gehalten. Erst 1978 erhielten die Frauen mit dem Kindsrecht die gleichberechtigte elterliche Sorge für die Kinder. Bis 1988 überlebte die Bestimmung im Zivilgesetzbuch, wonach der Mann das Oberhaupt der Familie sei und die Frau den Haushalt zu führen habe. Das ist noch keine 30 Jahre her!

Die Frau hat sich nicht nur um Haus und Kinder gekümmert, sie hatte implizit auch die sexuellen Wünsche des Mannes zu befriedigen. Im Gegenzug sicherte der Mann das finanzielle Überleben der Familie. So wurde er folgerichtig kräftig zur Kasse gebeten, sollte er entgegen des ehelichen Gelübdes untreu werden und die Scheidung einreichen. Überbleibsel dieser Ordnung sind heute noch im Scheidungsrecht zu finden.

Die zahlreichen Männer, die sich 2017 so gebärden, als hätte Napoleon eben erst Marie-Louise, die Erzherzogin von Österreich geheiratet, sind Relikte dieser Jahrhunderte alten Tradition. Sie betrachten die Frauen ein Stück weit als verfügbare Objekte, die es zwar zu beschützen gilt, die dem Mann aber auch etwas schulden, gerade in sexueller Hinsicht.

Derlei reaktionäre Rollenbilder beschränken sich freilich nicht auf den männlichen Teil der Gesellschaft. Sie sind bei der modernen, vermeintlich so emanzipierten westlichen Frau des 21. Jahrhunderts ebenso verbreitet. So berechtigt der Aufschrei in den sozialen Medien über grapschende Männer ist: Er darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass hierzulande finanziell immer noch primär der Mann für die Familie aufkommt. Frauen setzen oft freiwillig auf Teilzeitarbeit, verzichten auf Karriere und verlassen sich damit – gerade in eher konservativen Gegenden wie der Ostschweiz – auf die Zahlungskraft des Partners. Ähnliche Mechanismen kommen bei der Namenswahl nach der Heirat ins Spiel. Viele Frauen geben sich zwar emanzipiert und aufgeschlossen, doch über 90 Prozent von ihnen übernehmen den Namen und damit die Identität des Mannes. Die Frau als Eigentum des Mannes? Der Mann, das Oberhaupt der Familie?

Sinnbildlich für die gesellschaftliche Rückständigkeit der Schweiz ist der jüngste Entscheid des Bundesrats, den Vätern nur einen einzigen bezahlten Freitag nach Geburt eines Kindes zu gewähren. Die vorgeschobenen finanzpolitischen Argumente verdecken dabei nur die Hauptbotschaft. Diese lautet: Kinder grossziehen ist Frauensache. Der Mann, das Oberhaupt der Familie, muss sich ums Geschäft kümmern.

Tradierte Rollenmuster sind hartnäckig. Bei Männlein und Weiblein. Der Wandel braucht Zeit, unendlich viel Zeit. International geführte Debatten in den sozialen Medien können helfen, das Bewusstsein zu schärfen und damit Veränderungsprozesse zu beschleunigen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Stefan Schmid

Kinderbetreuung und Hausarbeit ist häufig immer noch Frauensache. (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

Kinderbetreuung und Hausarbeit ist häufig immer noch Frauensache. (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

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