«Alle wollen in der 1. Liga spielen»

Raumplaner Lukas Bühlmann kritisiert die Pläne für eine Metropolitanregion Ostschweiz. Diese würde sich mit Zürich beissen, sagt der Direktor der Vereinigung für Landesplanung. Wichtiger als theoretische Diskussionen sei, dass die Region ihre Hausaufgaben mache.

Tobias Gafafer/Bern
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«In der Ostschweiz fehlt ein internationaler Flughafen», sagt Lukas Bühlmann. (Bild: freshfocus/Urs Lindt)

«In der Ostschweiz fehlt ein internationaler Flughafen», sagt Lukas Bühlmann. (Bild: freshfocus/Urs Lindt)

Herr Bühlmann, die St.Galler Ständeräte Paul Rechsteiner und Karin Keller-Sutter fordern eine Metropolitanregion Ostschweiz. Haben Sie in Bern davon gehört?

Lukas Bühlmann: Ja. Wir sind in der ganzen Schweiz tätig.

Was halten Sie von der Forderung?

Bühlmann: Ich kann sie nachvollziehen. Die Ostschweiz verschafft sich auf Bundesebene zu wenig Gehör. Dass man sich in diesem Landesteil besser zusammenschliessen und positionieren will, ist begrüssenswert. Das ist auch der Sinn des Raumkonzeptes Schweiz.

Aber?

Bühlmann: Die Metropolitanregion Ostschweiz braucht es nicht unbedingt. Wir haben im Raumkonzept Schweiz neben den vier Metropolitanregionen fünf klein- und mittelstädtisch geprägte Handlungsräume, darunter die Nordostschweiz. Eigentlich ist das passende Gefäss also bereits vorhanden.

Warum wollen Sie die Ostschweiz nicht als Metropolitanregion einstufen?

Bühlmann: Bei der Diskussion geht es immer auch darum, ob man in der Super oder der Challenge League ist. Ich verstehe, dass alle gerne in der 1. Liga spielen wollen. Die Frage ist aber, was eine Metropolitanregion ist. Und da gibt es verschiedene Definitionen und Zugänge. Es braucht zum Beispiel eine internationale Ausstrahlung. Wenn man überall Metropolitanregionen hat, schwächt das auch die Positionierung der Schweiz im internationalen Wettbewerb.

Die Ostschweiz sei heute zu Unrecht im Sandwich zwischen den Metropolitanregionen München und Zürich, sagen die St.Galler Ständeräte.

Bühlmann: Natürlich braucht es eine eigenständige Region. Der klein- und mittelstädtisch geprägte Handlungsraum Nordostschweiz ist wie erwähnt im Raumkonzept Schweiz enthalten. Wichtig ist jetzt, dieses Gefäss mit Inhalten zu füllen. Was sind die Stärken und Schwächen der Region? Wie können die Defizite behoben werden? Der Handlungsraum braucht eine Struktur, die es heute noch nicht gibt. Ob er dann als Metropolitanregion oder anders definiert wird und wie er sich nennt, ist sekundär. Die Diskussion ist etwas theoretisch.

Die Schwelle für eine Metropolitanregion liegt bei rund einer halben Million Einwohner. Wieso soll die Ostschweiz mit dem Rheintal, Teilen des Vorarlbergs und der Bodensee-Region diese Bedingungen nicht erfüllen?

Bühlmann: Es geht nicht bloss um die Pendlerströme, sondern auch um die Frage, was in einem Raum abläuft. In der Ostschweiz fehlt etwa ein internationaler Flughafen. Zudem würde sich eine Metropolitanregion Ostschweiz mit der bestehenden Metropolitanregion Zürich beissen. Das gibt Überschneidungen. Deshalb braucht es eine gewisse Hierarchie.

Teile der Ostschweiz sind tatsächlich nach Zürich orientiert. Ist die fehlende Homogenität der Region ein Problem?

Bühlmann: Ja. Weite Teile der möglichen Metropolitanregion Ostschweiz gehören zu Zürich. Das geht bis nach Wil. Auch Rapperswil/Jona oder der westliche Teil des Thurgaus sind sehr stark nach Zürich orientiert.

Es geht nicht allein um Zürich. Mit einer Metropolitanregion könnten das Vorarlberg und die Ostschweiz noch enger zusammenwachsen.

Bühlmann: Ja, aber das ist auch mit dem Handlungsraum Nordostschweiz möglich, der ebenfalls die grenznahen Gebiete umfasst.

Zeugt die Forderung der St.Galler Ständeräte von einem Anti-Zürich-Reflex?

Bühlmann: Das scheint teilweise der Fall. Die Politiker haben den Wunsch, die Ostschweiz gut zu positionieren. Dafür habe ich Verständnis. Die Region hat viele Qualitäten, die in der Schweiz zu wenig wahrgenommen werden.

Denkt man in der Schweiz immer noch zu kleinräumig?

Bühlmann: In den letzten Jahren ist sehr viel passiert, unter anderem dank des Raumkonzeptes Schweiz. Wir sind auf gutem Weg, auch wenn es bei den Einstufungen noch Diskussionen gibt. Auch im Kleinen passiert viel: Die Toggenburger Gemeinden beispielsweise haben vor kurzem ein eigenes Raumkonzept erstellt. Dahinter steht die Überzeugung, dass man gemeinsam mehr erreichen kann, als wenn jede Gemeinde für sich allein arbeitet. Das finde ich sehr gut.

Die Berner machten erfolgreich gegen die Herabstufung im Raumkonzept Schweiz mobil. Ist es gerechtfertigt, dass die Hauptstadtregion auf einer Ebene mit den Metropolitanregionen Zürich oder Basel steht?

Bühlmann: Es hat seinen Grund, dass man Bern anders bezeichnet hat. Die Hauptstadtregion hat nicht die gleiche wirtschaftliche Ausstrahlung, ist aber wegen der politischen Bedeutung auf derselben Ebene. Auch darüber kann man sich selbstverständlich streiten. Städte wie La Chaux-de-Fonds und Visp, die zur Hauptstadtregion gehören, haben wirklich nichts miteinander gemeinsam.

Was hat die Einstufung als Hauptstadtregion Bern bisher konkret gebracht?

Bühlmann: Die Region war gefordert und musste aufzeigen, wo sie steht. Sie bildete eine Trägerschaft. Der Verein Hauptstadtregion Bern ist unter Druck und muss sich rechtfertigen. Das sind wertvolle Diskussionen – ob in Bern oder in der Ostschweiz.

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