Alle Jahre wieder: Die radikale «Republik»

Ende März will das Onlinemedium den Betrieb einstellen - wenn sich nicht genügend Geldgeber und Neuabonnenten finden.

Christian Mensch
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Die sechs Gründungsmitglieder des Onlinemagazins «Republik» bei einer Feier anlässlich der Lancierung der Website des Magazins, am Sonntag, 14. Januar 2018.

Die sechs Gründungsmitglieder des Onlinemagazins «Republik» bei einer Feier anlässlich der Lancierung der Website des Magazins, am Sonntag, 14. Januar 2018.

Keystone

Das Schweizer Onlinemedium Die «Republik» schlägt Alarm. Wenn Ende März kommenden Jahres der Bestand an «Verlegern», wie die Abonnenten genannt werden, nicht die Schwelle von 19 000 erreicht, werde der Belegschaft kollektiv gekündet. Gleiches gelte auch, wenn zum gleichen Zeitpunkt nicht zusätzliche mäzenatische Mittel in Höhe von 2,2 Millionen Franken eingeworben werden können. Einem der jüngsten Medienprodukte der Schweiz droht mangels finanzieller Zuwendung der frühe Kindstod.

Die Ankündigung ist radikal im Ton, doch mit Kalkül. Und die Drohung entfacht die erwartete Wirkung, auch wenn sich vereinzelte Twitter-Prominenz wie Nationalrätin Li Marti (SP) etwas mehr Bescheidenheit wünschte.  Die Meldung verbreitet sich aber wie gewünscht dank kräftiger Mithilfe der Konkurrenzmedien (unter anderem durch diesen Beitrag) wie über die ausgespielten Social-media-Kanäle. Der Zeitpunkt ist auch günstig. Nie sonst als in der Vorweihnachtszeit lässt sich einfacher an das schlechte Gewissen der Menschen appellieren, etwas Gutes zu tun, nie ist Dank dreizehntem Monatslohn der Geldbeutel kräftiger gefüllt, um den Ablass zu finanzieren.

Wie jedes gute NGO-Marketing basiert aber auch die «Republik»-Kampagne auf harten Fakten. Zwar fehlen derzeit nur gerade 400 Neuabonnenten, um das Soll von 19000 zu erfüllen. Da jedoch das Onlinemagazin vor zwei Jahren über die Jahreswende startete, stehen besonders viele Abonnenten vor der Frage, ob ihnen das Medium im vergangenen Jahre die 240 Franken wert gewesen ist, die nun wieder von ihnen gefordert sind. Als junges Medium ist die Gefahr besonders gross, dass keine Verlängerung erfolgt. Wenn nur drei von vier auslaufenden Abonnements nicht erneuert werden, dann benötigt die „Republik“ bis Ende März knapp 4000 Neukunden, um das Soll zu erreichen. Dies wäre ein anspruchsvolles Unterfangen.

Bedingt beliebte Mäzene

Selbst wenn die Auflagenziele erreicht werden, ist das Medium damit nicht finanziert. Gemäss Verlagsangaben fehlten für eine ausgeglichene Rechnung weiterhin dreissig Prozent der nötigen Einnahmen. Für dessen Ausgleich sammelt die «Republik »Geld bei Sponsoren und Investoren. Für die nächste Finanzierungsrunde ist ein Bedarf von 2,2 Millionen Franken ausgewiesen, wobei gut ein Viertel bisher zugesichert ist. Eigentlich finden sich in der Schweiz genügend Leute, die sowohl vermögend sind als auch die „Republik“-Gesinnung teilen. Doch allzu offensiv wird um sie dennoch nicht geworben, denn bei der eingeschworenen «Republik»-Community, die den Hauptharst der «Verleger» stellt, ist diese reiche Klientel nur bedingt beliebt.

Im gewohnt fulminanten Einwerbeschreiben vergleicht sich die «Republik» mit einer Rakete, die über genügend Schub verfügen müsse, um in eine Umlaufbahn zu kommen, in der sich ohne zusätzlichen Antrieb Kreise im Orbit drehen lässt. Erfahrungen mit ähnlichen, auf enge Zielgruppen fokussierte Medien wie die Schweizer «Wochenzeitung »oder die deutsche «taz »lassen jedoch erahnen, dass es sich bei der Werbeaktion um ein wiederkehrendes Ereignis handeln wird. Die aktuelle Akquisitionsrunde wird deshalb wohl nicht die letzte sein.

Gelassener Optimismus

Panik ist in der «Republik»-Crew nicht auszumachen. Wer schon länger als ein Jahr dabei ist, weiss zudem, dass die Situation auch schon dramatischer gewesen ist, und hat das Erfahrungswissen, dass schon gut kommt, wenn laut genug Alarm geschlagen wird. Diese Unbekümmertheit hat auch erst zugelassen, dass mit dem Aufruf bis vor dem dritten Adventswochenende zugewartet werden konnte. Schliesslich zeigt die «Republik»-Buchhaltung seit Monaten, dass die Zahl der Neuabonnenten etwa hälftig unter den Erwartungen liegt. Doch das Aufholrennen läuft. Seit dem Aufruf treffen die Aboverlängerungen beinahe im Minutentakt ein und das Spendenbarometer ist um gut 100 000 Franken gestiegen.

Das Gefährlichste ist jedoch für die «Republik», wenn gerade angesichts der Zwischenerfolge jeder angesprochene «Republik»-Sympathisant meint, das Geld komme schon und auch ohne ihn zusammen. Dann ist plötzlich Ende März und die Redaktion hat sich selbst entlassen.