ALKOHOL: Wer trinkt, soll mehr bezahlen

Bier sei zu billig, findet die Stiftung Sucht Schweiz – und fordert eine höhere Biersteuer. Der Schweizer Brauereiverband wehrt sich gegen eine solche Massnahme. Ob er die Steuer ganz abschaffen will, lässt er noch offen.
Kari Kälin
Jeder fünfte Schweizer trinkt zu viel Alkohol. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 21. Oktober 2017))

Jeder fünfte Schweizer trinkt zu viel Alkohol. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 21. Oktober 2017))

Kari Kälin

Der Alkohol- und Bierkonsum sinkt seit Jahren langsam, aber stetig. 14 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind sogar totale Abstinenzler, Tendenz zunehmend. Die Stiftung Sucht Schweiz ist dennoch alarmiert. Billiger Alkohol, schreibt sie in einem gestern publizierten Bericht, sei an jeder Ecke zu haben und omnipräsent im Internet. Zudem trinke jeder Fünfte risikoreich. Das heisst: Man schlägt punktuell völlig über die Stränge oder schluckt chronisch zu viel Alkohol. Unzufrieden ist die Stiftung mit der Politik. Anstatt Werbeeinschränkungen zu beschliessen, würden die Zeichen auf Deregulierung stehen. Das eidgenössische Parlament hat zum Beispiel entschieden, den Alkoholverkauf auf Autobahnraststätten wieder zu erlauben. Und der Zürcher SVP-Nationalrat Claudio Zanetti will die Biersteuer mittels parlamentarischer Initiative abschaffen.

Sucht Schweiz plädiert hingegen für eine höhere Biersteuer. Dass ein halber Liter in Supermärkten zum Teil nur 50 Rappen kostet, stösst der Stiftung bitter auf. «Ein Vollrausch ist so billig wie ein Butterbrot», sagt Sprecherin Monique Portner-Helfer. «Dass tiefe Preise den Konsum befeuern, ist eine Tatsache», ergänzt sie. Sucht Schweiz möchte den zusätzlichen Steuerertrag für die Prävention einsetzen. Wie stark die Steuer ­steigen soll, lässt die Stiftung offen. «Für jene, die einen problematischen Konsum aufweisen, sollte der Aufschlag spürbar sein», so Portner-Helfer.

Pro Stange 8 Rappen für die Bundeskasse

Die Biersteuer spült pro Jahr rund 113 Millionen Franken in die Bundeskasse. Seit 2007 gelten neue Bestimmungen: Je mehr eine Brauerei produziert, desto stärker langt der Fiskus zu. Im Durchschnitt beträgt die Steuer knapp 25 Rappen pro Liter. Wer am Stammtisch eine Stange konsumiert, beglückt den Bund mit rund 8 Rappen. Alois Gmür, Schwyzer CVP-Nationalrat und Mitinhaber der Brauerei Rosengarten in Einsiedeln, kann gut mit diesen Regeln leben. «Die Bierbrauer sind bereit, ihren Beitrag zu Gunsten der öffentlichen Hand zu leisten», sagt er. Eine Biersteuererhöhung lehnt er jedoch ab: «Wir haben in der Schweiz kein generelles Alkoholproblem. Rauschtrinker lassen sich durch höhere Preise nicht stoppen.»

Auch Marcel Kreber, Direktor des Schweizer Brauereiverbandes, wehrt sich gegen die Pläne von Sucht Schweiz. «Es herrscht kein alkoholpolitischer ­Notstand», sagt er. Es werde so wenig getrunken wie noch nie. Zur Frage, ob die Steuer ganz gestrichen werden soll, hat der Verband noch keine konsolidierte Haltung. Einerseits, so Kreber, entrichte niemand gerne Steuern. Mit der Abschaffung würden Konsumenten und Brauereien entlastet. Andererseits hätten sich diese mit der Steuer arrangiert. Dass kleine Brauereien weniger stark belastet werden als grosse, hat laut Kreber auch positive Effekte. «Diese Regeln fördern die Biervielfalt. Das bedeutet mehr Konkurrenz und mehr Innovation.» Die helvetische Bierlandschaft blüht tat­sächlich. Die Zahl der steuerpflichtigen Brauereien (ab 400 Liter) betrug Ende letzten Jahres 869. Das sind viermal mehr als vor 10 Jahren. Allerdings sind viele Kleinstbrauereien aktiv. Die 50 professionellen Brauereien produzieren 99,2 Prozent der inländischen Biere.

Mit der Abschaffung der Biersteuer wird sich derweil das Parlament befassen müssen. Nationalrat Claudio Zanetti (SVP, ZH) hält sie für völlig willkürlich, eine vergleichbare Steuer auf Wein existiere nicht. Für die Forderung von Sucht Schweiz zeigt Zanetti kein Verständnis. «Es geht nur darum, eine Geldquelle noch stärker anzuzapfen», sagt der Zürcher. Offenbar vergönne die Stiftung den Arbeitern das preisgünstige Feierabendbier.

Werbung in sozialen Medien als Problem

Von solchen Einwänden lässt sich Sucht Schweiz nicht beirren. Vielmehr will sie auch gegen Alkoholwerbung in den sozialen Medien vorgehen. Das Problem: Wenn eine Privatperson aus eigenem Antrieb auf Facebook eine Biersorte preist, lässt sich dagegen kaum etwas unternehmen. Monique Portner-Helfer will die Öffentlichkeit deshalb für das Thema sensibilisieren: «Wir müssen das Bewusstsein für diese Problematik schärfen.»

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