Alis Geschichte als Vorbild

Mit einem Pilotprojekt sollen Flüchtlinge vermehrt auf Bauernhöfen Arbeit finden. Der Start ist allerdings nur teilweise geglückt – noch sind Stellen offen.

Dominic Wirth/Füllinsdorf
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Ali Abdirisaq schaut in Füllinsdorf zu seiner Kresse. (Bild: ky/Patrick Straub)

Ali Abdirisaq schaut in Füllinsdorf zu seiner Kresse. (Bild: ky/Patrick Straub)

Der Winter? Nein, an ihn hat er sich nicht gewöhnt, in all den Jahren nicht. Auch wenn ihm immer alle sagen, dass sich das ergebe mit der Zeit: So richtig ergeben hat es sich eben doch nicht mit Ali Abdirisaq und dem Schweizer Klima. «Die Kälte habe ich nicht gerne», sagt der Somalier.

Davon abgesehen indes ist er angekommen in der Schweiz. Diesem Land, das seit mehr als sechs Jahren seine Heimat ist und in dem alles so anders ist als zu Hause, wo er einst Lebensmittel verkaufte. Er wohnt seit einiger Zeit in einer eigenen Wohnung, nicht weit entfernt von jenem Bauernhof in Füllinsdorf, auf dem er eine feste Anstellung bekommen hat, zweieinhalb Jahre ist das mittlerweile schon her. Abdirisaq, 25 Jahre alt, kümmert sich bei einem Baselbieter Gemüsebauer um die Kresse; er sät und erntet sie, daneben schneidet er Blumenkohl und Kabis, und er wäscht und verpackt verschiedene Gemüse.

22 000 Flüchtlinge ohne Arbeit

Abdirisaq ist so etwas wie ein Vorzeigeflüchtling. Geschichten wie die seine, so die Hoffnung von Bund und Bauernverband, soll es künftig öfter geben. Im Moment sind sie in der Schweiz nämlich immer noch die Ausnahme. Laut dem Staatssekretariat für Migration (SEM) arbeitete per Ende April nur ein kleiner Teil der anerkannten und vorläufig aufgenommenen Flüchtlinge im Land: knapp 8000 sind es insgesamt. Etwas mehr als 22 000 waren ohne Arbeit.

Arbeitslose Flüchtlinge, das ist der eine Beweggrund für das Pilotprojekt, das der Bauernverband und das SEM gestern medienwirksam vorstellten. Der andere ist die Annahme der Masseneinwanderungs-Initiative am 9. Februar 2014. Der Volksentscheid liegt vielen Branchen auf dem Magen, weil sie um den Zufluss von Arbeitskräften bangen. Das geht auch den Bauern so, die jährlich 25 000 bis 35 000 Arbeiter – meist aus Portugal und Polen – ins Land holen, um die viele Arbeit zu erledigen, für die sich im Inland kaum noch eine Arbeitskraft finden lässt.

Arbeitslose Flüchtlinge, gleichzeitig ein drohender Mangel an Arbeitskräften: Diese zwei Probleme soll das Pilotprojekt angehen. Für Mario Gattiker, den SEM-Chef, ergibt sich aus ihm eine «Win-win-Situation». In den kommenden drei Jahren sollen zehn Betriebe in verschiedenen Kantonen – darunter auch St. Gallen und Thurgau – jährlich insgesamt 15 Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern anstellen. Das Ziel: «Wir wollen untersuchen, welche Rahmenbedingungen es für eine gelungene Integration braucht, und zwar für Arbeitnehmer, Betriebe und Behörden gleichermassen», sagt Gattiker. «Und wir wollen erreichen, dass auch die Landwirtschaft das Potenzial erkennt, das in der Schweiz brach liegt.» Laut Jacques Bourgeois, dem Direktor des Schweizer Bauernverbands, geht es den Landwirten auch darum, «einen Beitrag zu leisten, um das inländische Arbeitskräftepotenzial besser zu nutzen». Gleichzeitig betonte Bourgeois, dass nicht alle Flüchtlinge geeignet seien für die harte Arbeit – und auch nicht alle Betriebe. Drei Jahre à 15 Flüchtlinge, also insgesamt 45 Teilnehmer am Pilotprojekt: Reicht diese Zahl tatsächlich aus, um nennenswerte Erkenntnisse zu gewinnen? Bourgeois: «Mir sind die kleinen, sicheren Schritte lieber als die grossen. Es geht darum, Erfahrungen für die Zukunft zu sammeln.» SEM-Chef Gattiker spricht derweil davon, mehr Wert auf die Qualität als die Quantität zu legen.

Fünf Betriebe suchen noch

400 000 Franken kostet das Pilotprojekt in den nächsten drei Jahren, der Bund trägt die Hälfte davon. Weil sie für das Projekt einen zusätzlichen Aufwand betreiben müssen, erhalten die Betriebe 200 Franken monatlich. Die Flüchtlinge bekommen im Probemonat 2300 Franken, ab dem zweiten Monat sind es dann 3200 Franken – höher sind die Beträge in den Kantonen, in denen das Gesetz Mindestlöhne vorsieht.

Allerdings ist das Projekt nicht so angelaufen, wie man sich das beim Bauernverband vorgestellt hat. Der Grund: Es fehlt nicht etwa an Betrieben, die Flüchtlinge anstellen wollen – sondern an Interessenten. Von den zehn Betrieben, die in diesem Jahr am Pilotprojekt teilnehmen wollen, haben fünf bisher noch keinen Flüchtling gefunden. «Das ist enttäuschend», sagt die Projektleiterin Monika Schatzmann, «wir hätten mehr Interesse erwartet». Schatzmann hofft jetzt, dass die Kantone, die für die Arbeitsvermittlung zuständig sind, noch mehr für das Projekt werben. Auch Bauernverbandsdirektor Bourgeois nimmt die Kantone in die Pflicht: «Es ist nun an den Ämtern, diese Stellen zu vermitteln.»