AIDS: Freie Bahn für den HIV-Selbsttest in der Schweiz

Wer überprüfen will, ob er oder sie HIV-positiv ist, soll dies selbstständig tun können. Eine einflussreiche Expertenkommission empfiehlt dem Bund, die Selbsttests für den Heimgebrauch zu erlauben.
Roger Braun
Das ist das Material, das es braucht, um den HIV-Selbsttest zu Hause durchzuführen. (Bild: Getty)

Das ist das Material, das es braucht, um den HIV-Selbsttest zu Hause durchzuführen. (Bild: Getty)

Roger Braun

Das Instrument ist simpel. Ein Tropfen Blut nehmen, diesen mit einer Lösung mischen – 15 Minuten später weiss man, ob man das HI-Virus in sich trägt oder nicht. HIV-Selbsttests werden weltweit immer populärer. Angefangen mit den USA im Jahr 2012, sind sie in Europa inzwischen in Frankreich, Grossbritannien, Italien, Belgien und Luxemburg erhältlich. Nicht so in der Schweiz: Wer sich hierzulande testen will, muss den Hausarzt oder eine Teststelle aufsuchen.

Dies könnte sich noch dieses Jahr ändern. Die eidgenössische Kommission für sexuelle Gesundheit empfiehlt den Bundesbehörden, HIV-Selbsttests zuzulassen, wie sie diese Woche entschieden hat. «Die Erfahrungen anderer Länder sind positiv, die Tests sind zuverlässig, es gibt keinen Grund mehr zuzuwarten», sagt Kommissionspräsident Marcel Tanner, der frühere Leiter des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts.

Produkt könnte dieses Jahr auf den Markt kommen

In den vergangenen Jahren hat sich in der Tat viel getan. Waren die Erhebungsgeräte einst mangelhaft, sind sie heute sehr zuverlässig. Der weitverbreitete «autotest» der französischen Firma AAZ-LMB etwa weist den Virus mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit aus. Ist jemand negativ, beträgt die Trefferquote 99,8 Prozent. Positiv getestete Personen reagierten überdies relativ besonnen, wie Erfahrungen in Frankreich zeigten. Affekthandlungen bleiben aus, stattdessen holten die Betroffenen den Rat von Fachpersonen ein.

Die Empfehlung der eidgenössischen Expertenkommission hat Gewicht. In der Frühlingssession sagte der Bundesrat, dass die Bundesbehörden das Urteil der Kommission abwarten wollten, bevor sie einen Entscheid fällten. Die geltende Medizinprodukteverordnung verbietet im Grundsatz zwar HIV-Selbsttests, lässt aber gleichzeitig Raum für Ausnahmen. Erachtet die Zulassungsbehörde Swissmedic eine Freigabe sei im Interesse der öffentlichen Gesundheit, kann sie den Selbsttest erlauben. Laut dem Bundesrat soll dieser Entscheid bis im Sommer fallen. Sachverständige rechnen nach der Empfehlung der Exper­tenkommission fest mit einer Zulassung.

Tanner geht davon aus, dass die ersten Selbsttests noch dieses Jahr auf den Markt kommen. Er sieht in der Zulassung eine ­grosse Chance für die Schweiz. «Denn je einfacher sich jemand testen kann, desto mehr Infizierte werden das tun und desto stärker sinkt das Übertragungsrisiko», sagt er.

Der Vision einer HIV-freien Schweiz einen Schritt näher

Positiv reagiert die Aids-Hilfe Schweiz auf den Entscheid der Expertenkommission. «Ich bin sehr glücklich über die baldige Zulassung der Selbsttests», sagt Geschäftsführer Daniel Seiler. «Damit rückt das Ende des HI-Virus in der Schweiz einen wichtigen Schritt näher.» Gemäss Schätzungen leben in der Schweiz 3000 Personen, die das HI-Virus in sich tragen, ohne sich dessen bewusst zu sein. «Viele verdrängen das Risiko oder schämen sich, eine Teststelle aufzusuchen», sagt Seiler. Für die Zukunft ist er optimistisch: «Ist der Selbsttest erst mal etabliert, wird diese Zahl sinken», sagt er.

Tanner und Seiler mahnen aber auch zur Vorsicht. «Wir können den Selbsttest nicht einfach so vor die Füsse der Leute werfen», sagt Tanner. Getestete Personen dürften nicht alleine gelassen werden. Von den Herstellern verlangt er einen einfach verständlichen Beipackzettel, der Hilfe anbietet und eine Kontaktadresse beinhaltet. Es liege an Swissmedic, entsprechende Vorschriften zu machen, bevor sie ein Produkt zulasse, sagt er.

Ist ein Produkt erst mal zugelassen, hofft Seiler auf eine möglichst grosse Verbreitung. Apotheken, das Internet, Supermärkte, gar Selecta-Automaten sieht er als mögliche Abgabestelle. Das Prinzip sei einfach, sagt er. «Je niederschwelliger der Zugang, desto besser.» Niederschwellig ist auch der Preis. Die gängigen Modelle kosten umgerechnet rund 30 Franken.

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