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Agrochemie giftelt gegen Bund

Die Hersteller von Agrochemie kritisieren den Aktionsplan Pflanzenschutzmittel des Bundes als wissenschaftlich lückenhaft. Umweltschützer sehen das anders.
Richard Clavadetscher

«Wir sind dafür, aber doch nicht so!» Auf den in Abstimmungskämpfen oft gebrauchten Satz scheint sich die Gruppe Agrar von Scienceindustries Switzerland besonnen zu haben, als sie sich gestern zum Aktionsplan Pflanzenschutzmittel des Bundes vernehmen liess.

Die Gruppe Agrar von Scienceindustrie Switzerland ist die Vereinigung der Pflanzenschutzmittelhersteller, und der Aktionsplan Pflanzenschutzmittel des Bundes soll helfen, die Verwendung und den Eintrag in Boden und Gewässer dieser chemischen Produkte (Pestizide) zu minimieren. Er ist vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) in Zusammenarbeit mit den Bundesämtern für Umwelt und für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen sowie mit dem Staatssekretariat für Wirtschaft und Agroscope erarbeitet worden. Als Grundlage dienten unter anderem die Arbeiten von vier Expertengruppen.

Messbare Ziele für die nächsten zehn Jahre

Dass in diesem Bereich Handlungsbedarf besteht, steht ausser Frage. Denn die Schweiz ist beim Erstellen des Aktionsplans Pflanzenschutzmittel eines der Schlusslichter in Europa. Landesweit werden heute allein an Pestiziden rund 2000 Tonnen pro Jahr ausgebracht. Dies etwa in der Landwirtschaft, aber nicht nur: Auch Akteure im Siedlungs- und Verkehrsbereich setzen sie ein. Folge davon sind zum Beispiel mit Pflanzenschutzmitteln und Bioziden belastete Gewässer.

Der Aktionsplan, bis Ende Monat noch in Vernehmlassung, definiert langfristige Ziele zum Schutz der menschlichen Gesundheit, der Umwelt und der landwirtschaftlichen Kulturen. Für die nächsten zehn Jahre sind messbare Ziele festgelegt, Ziele, die die technischen Möglichkeiten zur Risikoreduktion ebenso berücksichtigen wie den angemessenen Schutz der Kulturpflanzen vor Krankheiten und Schädlingen.

Nach Ansicht der Pflanzenschutzmittelhersteller aber ist der Aktionsplan «in seiner vorliegenden Form noch nicht anwendbar». Kritisiert wird, dass «die Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Inlandproduktivität» nicht geklärt seien. Der Plan basiere zudem «nur lückenhaft» auf wissenschaftlichen Kriterien und der umfassenden Abwägung von Nutzen und Kosten, so Anna Bozzi von Scienceindustries gestern. Auch sei das vorhandene Forschungswissen und Know-how der Industrie gänzlich ausgeblendet worden.

Weiter fehlt Scienceindustries die exakte Definition des Begriffs «Pflanzenschutzmittel». Es sei klarzustellen, dass mit dem Begriff «auch die im biologischen Anbau zugelassenen Pflanzenschutzmittel» gemeint seien. Schliesslich habe sich der Aktionsplan an internationalen Standards zu orientieren – etwa bei der Beurteilung der Belastung der Schweizer Gewässer.

«Lenkungsabgabe schadet Wettbewerbsfähigkeit»

Vor allem lehnen die Pflanzenschutzmittelhersteller die im Aktionsplan vorgesehene Anwendungsreduktion von rund 30 Prozent bei «Präparaten mit besonderem Risikopotenzial» ab. Gemeint sind damit besonders giftige Wirkstoffe. Der Aktionsplan mache nicht klar, welche Kriterien und Definitionen hier gelten würden. Auch ist man gegen eine Lenkungsabgabe – geplant für risikoreiche Präparate. Sie schade der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Industrie, verteure die landwirtschaftliche Produktion und reduziere erst noch die Risiken nicht effektiv.

Was sagt nun das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) – etwa zum Vorwurf der mangelnden Wissenschaftlichkeit des Aktionsplans? «Nichts», so BLW-Sprecher Jürg Jordi kurz und bündig. Man kommentiere einzelne Vernehmlassungsantworten nie.

Reduktion ohne Ernteeinbussen möglich

Die Umweltschutzorganisation Pro Natura tut dies hingegen. Der Agronom Marcel Liner, Projektleiter Landwirtschaftspolitik von Pro Natura, vermutet etwa, mit ihrer breiten Kritik am Aktionsplan wolle Scienceindustries vor allem ihre Pfründe verteidigen. Seiner Ansicht nach kommt der Aktionsplan der intensiv produzierenden Landwirtschaft und der Industrie in der vorliegenden Form bereits stark entgegen. Er vermisst in der veröffentlichten Stellungnahme von Scienceindustries zudem «jede Sensibilität für von chemischen Mitteln verursachte Umweltprobleme».

«Dem Aktionsplan liegen umfassende Abklärungen von Fachleuten verschiedenster Bereiche zu Grunde», kommentiert Liner den Vorwurf mangelnder Wissenschaftlichkeit. Und auch die Befürchtung einer verringerten Produktivität bei reduzierter Anwendung von Pflanzenschutzmitteln zieht für ihn nicht: Für den Landwirt sei die Wertschöpfung wichtig, nicht die schiere Menge. Seriöse Studien zeigten zudem auf, dass etwa der Pestizideinsatz in der Schweizer Landwirtschaft bis auf die Hälfte reduziert werden könnte – ohne Ernteeinbussen.

Fast schon verräterisch ist für Liner aber die Ablehnung der Lenkungsabgabe durch Scienceindustries: «Diese Massnahme würde der Umwelt und damit uns allen wirklich etwas bringen – nur den Herstellern von Pflanzenschutzmitteln natürlich nicht.»

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