Ärzte kritisieren de Haller

Der Widerstand gegen die SP-Nationalratskandidatur von FMH-Präsident Jacques de Haller wächst. Chirurgenverbände fordern de Haller nun offen zum Rücktritt auf.

Andri Rostetter
Drucken
Teilen
«Kandidatur ist kein Problem für die FMH»: Jacques de Haller. (Bild: ky/Lukas Lehmann)

«Kandidatur ist kein Problem für die FMH»: Jacques de Haller. (Bild: ky/Lukas Lehmann)

BERN. Im Schweizer Ärzteverband FMH rumort es. Grund sind die politischen Ambitionen von Verbandspräsident Jacques de Haller. Der Berner will im Herbst für die SP in den Nationalrat und hat damit die bürgerliche FMH-Basis gegen sich aufgebracht. Wie gereizt das Klima im Verband ist, zeigen die Leserbriefe in der «Schweizerischen Ärztezeitung», dem offiziellen Verbandsorgan der FMH. Seit Wochen fordern dort Mitglieder de Haller zum Rücktritt auf – und der Ton wird zunehmend schärfer.

Seit gestern liegt die neueste Ausgabe der «Ärztezeitung» vor. Darin wird de Haller erneut heftig angegriffen. «Sie wurden zum Präsidenten der FMH gewählt ohne Kenntnis der Mitglieder, welcher Partei Sie nahestehen», kritisiert der Luzerner Arzt Gottfried Kirchgessner. Und sein Kollege Hans-Robert Naef meint: «Wenn Sie die Demokratie Ihrer Mitglieder nicht aushebeln wollen, veranstalten Sie eine Urabstimmung, um herauszufinden, wer von uns Mitgliedern Sie wirklich noch will, mit oder ohne Nationalrat-Gelüste.»

«Nicht mehr loyal»

Noch weiter geht die Schweizerische Gesellschaft für Orthopädie (SGOT). In einem offenen Brief forderte sie vergangene Woche de Haller auf, entweder auf die Kandidatur oder auf das FMH-Präsidium zu verzichten. De Haller werde «als Nationalrat nicht mehr in der Lage sein, die Interessen der gesamten Schweizer Ärzteschaft loyal und unparteiisch zu vertreten», schreibt SGOT-Präsident Christian Gerber. «Sollten Sie Ihre Kandidatur auf einen Sitz im Nationalrat aufrechterhalten, fordern wir Sie daher in aller Form auf, Ihr Amt als Präsident der FMH niederzulegen.»

Für Gerber steht fest, dass sich die Mehrheit der 35 000 FMH-Mitglieder nicht mit de Hallers Positionen identifizieren könne. «Mit seinen Äusserungen zur Einheitskasse oder zur freien Arztwahl hat er sehr polarisierend Stellung genommen», sagt er. Stossend sei auch, dass de Haller seine Bekanntheit als FMH-Präsident für seine politischen Ambitionen nutze, sagt Gerber. «Ohne Verbandspräsidium wäre er völlig unbekannt.»

Einen Nerv getroffen

Gerber zeigt sich überzeugt, dass die Orthopäden mit ihrer Stellungnahme einen Nerv getroffen haben. «Innerhalb der FMH sind mehrere Gesellschaften gegen eine Nationalratskandidatur des FMH-Präsidenten, nur haben das bis jetzt wenige offen gesagt. Wir sind die erste Gesellschaft, die Stellung bezieht.»

«Er sollte sich entscheiden»

Neu ist die Kritik an de Hallers politischem Engagement tatsächlich nicht. In Rage brachte der FMH-Präsident die bürgerliche Basis der Ärzteschaft bereits mit seinem Engagement für die linke Waffen-Initiative. «Der FMH-Präsident sollte sich rasch entscheiden, wofür er stehen will: FMH oder SP», wetterte Urban Laffer, Präsident des Chirurgen-Dachverbands FMCH, nach der Abstimmung im Februar in seinem «Skalpell-Blog».

De Haller hat die Kritik bis jetzt stets zurückgewiesen. «Ich werde mich auch als SP-Mitglied unvoreingenommen für die FMH einsetzen», sagt er auf Anfrage. «Die Interessen der Ärzte werden heute von keiner der politischen Parteien vollumfänglich vertreten, weder von der SP noch von den bürgerlichen Parteien.» Zudem sitze auch der FMH-Vizepräsident Ignazio Cassis im Nationalrat – für die FDP. «Der Vorstand unterstützt meine Kandidatur. Sie steht im Einklang mit den Interessen der FMH: Ziel ist, dass sich der Verband in der Gesundheitspolitik Gehör verschaffen kann.»

Cassis betont dagegen, dass er sein Amt bei der FMH wegen seines Parlamentsmandats erhalten habe und nicht umgekehrt. «Die FMH hat mich angefragt, weil sie jemanden im Parlament wollte.» Als Interessenvertreter der Ärzte sehe er sich aber nicht. «Ich habe klar gesagt: Wenn ihr einen Lobbyisten sucht, seid ihr bei mir falsch. Aber für den Wissensaustausch und Informationsfluss zwischen FMH und Politik stelle ich mich gern zur Verfügung.»

Ein strukturelles Problem

Dass de Haller für den politischen Gegner ins Parlament will, stört Cassis nicht. «Wir haben Meinungsverschiedenheiten im Vorstand, wir werden sie auch im Parlament haben. Für den Verband spielt das keine Rolle.» Werde de Haller aber tatsächlich gewählt, stehe die FMH vor einem strukturellen Problem. «Das FMH-Präsidium ist ein Vollzeitjob. Die Frage ist, ob ein Nationalratsmandat mit dem FMH-Präsidium vereinbart werden kann.» Reduziere de Haller sein Pensum bei der FMH, müsse der ganze Vorstand neu strukturiert werden.

De Haller winkt ab: «Wir diskutieren ständig über die Anpassungen unserer Pensen.» Bis im Herbst bleibe aber alles wie gehabt. «Die zentrale Frage ist ja, ob ich überhaupt gewählt werde.»