ABGANG: Der Spontane im behäbigen Bern

Nach 12 Jahren als Stadtpräsident tritt Alexander Tschäppät Ende Jahr zurück. Die Berner haben ihm fast alles verziehen.

Reto Wissmann
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Tschäppät feierte den Abschied nicht im Luxushotel, sondern im Kulturlokal Bierhübeli. (Bild: Peter Klaunzer/KEY (Bern, 16. Dezember 2016))

Tschäppät feierte den Abschied nicht im Luxushotel, sondern im Kulturlokal Bierhübeli. (Bild: Peter Klaunzer/KEY (Bern, 16. Dezember 2016))

Reto Wissmann

Mitte Dezember feierte Alexander Tschäppät seinen Abschied als Stadtpräsident von Bern. Nicht mit einem vornehmen Empfang mit Lachs und Kaviar im «Bellevue Palace», sondern an einer grossen Sause mit Hörnli und Gehacktem im Kulturlokal Bierhübeli. Tout Berne war gekommen, um seinem «Stapi» nach zwölf Jahren Adieu zu sagen. Er sei «nicht populistisch, sondern populär», sagte Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Das beschreibt den Ausnahmepolitiker ziemlich gut. Tschäppät ist einer, der seine Stadt und die Menschen darin liebt. Als Stadtpräsident verschanzte er sich nicht hinter seinen Akten, sondern suchte die Nähe zu den Bürgern. Ob beim Einkaufen, unterwegs mit dem Velo oder an einem der unzähligen Apéros, die er mit seiner Anwesenheit adelte. Der Jurist war nie um einen träfen Spruch verlegen und konnte ebenso gut mit Staatsoberhäuptern parlieren wie den Alkis auf der Strasse zuhören.

Fast 40 Jahre hat der Sozialdemokrat die Politik der Bundesstadt mitgeprägt, als Stadtrat im Parlament, als Gemeinderat und schliesslich als Stadtpräsident. Aus dem Schatten seines Vaters, der in den Siebzigerjahren ebenfalls Stadtpräsident und ein beliebter «Stadtvater» war, ist Tschäppät junior schnell herausgetreten. Mit seiner eigenen Art brachte er etwas Glamour und Spontaneität in das sonst eher behäbige Bern.

Echt, direkt – und nicht frei von Fehlern

Einen seiner grössten Coups konnte er diesen Sommer landen. Während dreier Tage machte die Tour de France Halt in Bern. Tausende säumten die Strassen, Millionen Fernsehzuschauer weltweit sahen die Radprofis durch die Berner Altstadt fahren. Mit Charme, Beziehungen und Beharrlichkeit hatte Tschäppät für dieses Ziel gekämpft. Dass der Kanton später einen Nachkredit von 846000 Franken sprechen musste, lastete Tschäppät niemand an. Er ist der Anreisser, für die Detailarbeit gibt es andere.

Tschäppät hat sich mit Herz und Seele für seine Stadt eingesetzt. Wie viel dabei seinem eigenen Ego geschuldet war, darüber gehen die Meinungen auseinander. Jedenfalls schätzt man ihn wegen – oder vielleicht auch ein bisschen trotz – seiner authentischen Art. Manchmal überschreitet er dabei Grenzen. Unvergessen ist die Episode, als er mit einer Punkband Liedzeilen wie «Sämi Schmid Motherfucker» und «Christoph Blocher Motherfucker» grölte. Das rot-grüne Bern verzieh den Ausrutscher, beklatschte ihn vielleicht sogar heimlich. So ist ihr «Tschäppu» eben: echt, direkt und nicht frei von Fehlern. Bei seiner letzten Wahl wurde der Stadtpräsident mit 70 Prozent bestätigt.

Über andere Fehler wird in Bern meist nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen: Wenn Tschäppät getrunken hat, soll er anzüglich zu Frauen werden. Während der Sexismus-Debatte diesen Herbst traute sich eine Betroffene in die Offensive: «Wenn man die Hand des Stapi auf dem eigenen Knie hat und man diese wieder an den richtigen Ort bringen muss, dann wird es mühsam», offenbarte eine ehemalige grüne Nationalrätin.

Alexander Tschäppät hat zunächst als Tiefbau- und Verkehrsdirektor und später als Stadtpräsident die Bundesstadt zweifellos weiter gebracht. Am augenfälligsten wird dies auf dem neugestalteten Bundesplatz, auf dem umgebauten Bahnhofplatz oder im Westen der Stadt, der einen Entwicklungsschub durchgemacht hat. Manchmal ging es jedoch nur in bernischem Tempo vorwärts. Bis die Bevölkerung den Nutzen eines neuen Trams in den Westen einsah, brauchte es zwei Anläufe, und auch das wichtigste Stadterweiterungsprojekt auf dem Viererfeld hatte es zu Beginn schwer.

Fokus auf den Nationalratssitz

Beim heissesten Politikum der Bundesstadt trat Tschäppät während Jahren an Ort, obschon er es mehrfach zur Chefsache erklärt hatte. Noch immer kommt es vor dem Kulturzentrum Reitschule zu Gewaltausbrüchen, die Stadt wird trotz Leistungsverträgen von den Betreibern an der Nase herumgeführt. Tschäppät hat den alternativen Freiraum stets verteidigt und musste sich dafür bürgerliche Kritik anhören. Doch das ist ihm egal. «In Zürich stünde da längst ein Büroturm», sagte er letztes Jahr stolz. Die Berner unterstützen ihren «Stapi» auch hierbei. In Volksabstimmungen haben sie sich immer wieder hinter die Reitschule gestellt.

Bis zum 31. Dezember darf Alexander Tschäppät den Häuptlingsfederschmuck noch aufbehalten, den er bei seiner Abschiedsparty im «Bierhübeli» erhalten hat. Dann endet seine Zeit als «Oberindianer» von Bern. Politisch wird sich der 64-Jährige auf sein Nationalratsmandat konzentrieren. Daneben baut er zusammen mit seiner ehemaligen Gemeinderatskollegin Barbara Hayoz (FDP) ein Beratungsbüro auf.

Sein Sessel im Erlacherhof wird nach Sylvester vorerst leer bleiben. Niemand erreichte im ersten Wahlgang um seine Nachfolge das absolute Mehr. Erst am 15. Januar wird sich entscheiden, ob die SP-Frau Ursula Wyss oder der GFL-Mann Alec von Graffenried in die grossen Fussstapfen von Alexander Tschäppät treten wird.