70 Tonnen Zwetschgen in eineinhalb Wochen: Das blaue Wunder von Lömmenschwil

Das Häggenschwiler Bauernpaar Andrea und Rolf Angehrn erntet mit seinem Team im Eiltempo 70 Tonnen Zwetschgen.

Melissa Müller
Drucken
Teilen
Rolf und Andrea Angehrn setzen auf die frühe Sorte Cacaks Schöne aus Serbien. (Bilder: Urs Bucher, Lömmenschwil, 14. August 2019)

Rolf und Andrea Angehrn setzen auf die frühe Sorte Cacaks Schöne aus Serbien. (Bilder: Urs Bucher, Lömmenschwil, 14. August 2019)

Die Bäume hängen voll, die Äste beugen sich unter der Last der dunkelblauen Früchte. Die Erntehelfer greifen mit beiden Händen zu: Flink lassen sie die Zwetschgen in die Körbe kullern. Die Ernte der typischen Herbstfrucht ist bereits in vollem Gang.

Andrea und Rolf Angehrn besitzen in der Langenhueb in Lömmenschwil 2000 Niederstammbäume. Sie sind brechend voll von Früchten. «Alles muss in eineinhalb Wochen runter», sagt Rolf Angehrn. Es ist eine hektische Zeit, in der vieles liegen bleibt und sich alles auf die süss-sauren Vitaminbomben konzentriert. In diesen Tagen liefert Angehrn 70 Tonnen der frühen Sorte Cacaks Schöne an die Tobi in Egnach.

Freunde, Flüchtlinge und Osteuropäer helfen mit


Um die Zwetschgenfülle zu bewältigen, trommelt Rolf Angehrn alle Leute zusammen, die er finden kann: Freunde, Verwandte, Dorfbewohner, Flüchtlinge und Pflücker aus Rumänien, der Slowakei und Weissrussland. «Motivierte junge Leute, die arbeiten wollen», sagt der Bauer. Sie verdienen pro Stunde 18 Franken. Etwa die 21-jährige Kristina aus der Slowakei, die das Geld für ihr Geografiestudium benötigt.

Es sind lange Tage: Jeder Helfer pflückt von 7 bis 18 Uhr rund 500 Kilo Zwetschgen. Für den pensionierten Berger Pöstler Alfons Schwizer ist das keine Last, sondern eine Lust. Der 82-Jährige mit dem roten Halstuch und dem Sonnenhut sagt:

«Das ist meine Therapie. Wir sind wie eine Familie beim Ernten.»

Er zerteilt eine Zwetschge, die ein elastisches grünliches Fruchtfleisch aufweist, und steckt sie sich genüsslich in den Mund. Nur die schönsten, perfekten Früchte kommen in die Harasse.  Was nur minimal von der Norm abweicht, landet unter den Bäumen. «Da freuen sich die Würmer und Wespen», sagt Andrea Angehrn.

Mit Hormonringen gegen den Pflaumenwickler

In der Schweiz ist die Fellenberg-Zwetschge die populärste. Sie ist die einzige, die beim Einkochen nicht zerfällt. Die Fellenberger sind erst im September reif, wenn die Angehrns bereits Äpfel ernten. Sie setzen darum auf die frühe Zwetschge Cacaks Schöne – eine ertragreiche und transportfeste Frucht, die sich zum Rohessen und Kochen eignet und aus einer serbischen Zucht stammt. «Das Spezielle an ihr ist, dass sie drei Tage nach dem Pflücken ihren besten Geschmack entfaltet», sagt Rolf Angehrn, dem Berufskollegen ein besonderes Flair für Obstbäume nachsagen.

Um den Pflaumenwickler zu bekämpfen, hängt er einen roten Hormonring an die Bäume, der Pheromone absondert. Der duftende Lockstoff verwirrt männliche Schädlinge, sodass sie ihre Weibchen nicht finden und sich nicht mit ihnen paaren können. Bei häufigen Niederschlägen spritzt Angehrn im Frühling ein Fungizid gegen den Pilzbefall. Andrea Angehrn sagt:

«Viele Leute meinen, die zarte weisse Schicht auf den Zwetschgen sei ein Insektizid. Dabei stimmt das nicht.»

Die weisse pudrige Patina auf der Haut der Zwetschge nennt sich Duft. Sie ist ein natürlicher Schutz vor Pilzsporen.

Auf die Zwetschge folgt der Christbaum

Die Angehrns kultivieren nebst Zwetschgen- und Apfelbäumen auch Weihnachtsbäume. Zudem hält das Paar auf seinem Hof in Häggenschwil 100 Schweine. Es habe Vorteile, auf mehrere Pferde zu setzen:

«Einmal wurde die ganze Obsternte verhagelt. Da wären wir ohne unsere Sauen nicht über die Runden gekommen.»

Nach der Zwetschgenernte muss Andrea Angehrn die Weihnachtsbäumchen etikettieren. Aber erst einmal freut sie sich über die saftigen blauen Früchtchen, die sie dörrt, heiss abfüllt und zu Wähen verbackt.