Zwischen Wollmütze und T-Shirt

Im Sommer ist es warm oder heiss. Im Winter ist es kalt oder saukalt. Klar, die Welt und das Klima verändern sich, und das Wetter macht gern Kapriolen. Trotzdem: Sommer gleich heiss und Winter gleich kalt, das sind relativ verlässliche Erfahrungen. Der Frühling ist da bedeutend komplexer.

Beda Hanimann
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Yellow line notepad with pen on top isolated on a white background. (Bild: Beda Hanimann)

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Im Sommer ist es warm oder heiss. Im Winter ist es kalt oder saukalt. Klar, die Welt und das Klima verändern sich, und das Wetter macht gern Kapriolen. Trotzdem: Sommer gleich heiss und Winter gleich kalt, das sind relativ verlässliche Erfahrungen. Der Frühling ist da bedeutend komplexer. Er kann von drinnen warm und sonnig aussehen, draussen aber kalt und giftig sein. Er kann auf den ersten Schritten vors Haus lieblich und anschmiegsam sein, nach einigen Minuten an der Sonne aber Hitzeschübe verursachen.

Dieser Variantenreichtum äussert sich auch in unserer Aaleggi, also in der Art, wie wir uns in diesen Tagen kleiden. An einem Abend dieser Woche, da begegnete mir lange nach dem Einnachten einer in kurzen Hosen und T-Shirt, es war ein Bild wie in den Tropen, wo Dunkelheit nichts mit Frösteln zu tun haben muss. Am Mittag drauf sah ich eine junge Frau, die Wollmütze tief über die Ohren gezogen, Mantel mit Wuschelkragen und Schal.

Winterkluft, Sommerkluft, alles scheint möglich. Folglich entscheidet sich jeder und jede anders. Und verrät damit vielleicht mehr über den eigenen Charakter, als ihm oder ihr bewusst ist. Ängstliche und Angepasste denken: Noch ist nicht Sommer, also gut anziehen. Forsche und Selbstbewusste sagen: Es ist März, der Schnee ist weg, also her mit den T-Shirts. Aber vielleicht ist es genau umgekehrt. Die Angepassten sagen: Es ist Frühling, weg mit Winterkleidern. Die Eigenständigen: März hin oder her, mir ist's zu früh fürs leichte Tuch. Ein ganz schön komplexes Phänomen, dieser Frühling.