Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Zwischen stotzigen Berghängen

Nahverkehr: Näfels und Mollis GL
Urs Bader
Blick über Mollis hinweg nach Näfels auf der anderen Talseite. (Bild: Urs Bader)

Blick über Mollis hinweg nach Näfels auf der anderen Talseite. (Bild: Urs Bader)

Wer Mollis und Näfels besucht, die nur noch durch die korrigierte Linth getrennt sind, ist politisch gesehen in der Gemeinde Glarus Nord. Seit 2011 gibt es im ganzen Kanton noch drei Gemeinden – was politisch ab und zu immer noch zu Nachwehen führt, wie mir ein alter Freund ­erklärt, ein Einheimischer. Entmachtete Lokalfürsten! Das kümmert den Wochenendtouristen kaum. Vielmehr treibt ihn die Frage um, wie es sich hier und weiter hinten im Tal wohl lebt, zwischen diesen stotzigen Berghängen links und rechts. Als die Nebeldecke aufreisst, zeigt sich in Mollis über unseren Köpfen der Fronalpstock, das Glarner Matterhorn. Es könnte einem schwindlig werden. Aber offenbar lässt es sich hier gut – und zahlbar – leben; der Zuzug ist immens, es wird viel gebaut.

Weite und ein beeindruckender Blick stellen sich hier nur ein, wenn man mit dem Auto die Strasse Richtung Kerenzerberg nimmt, ein Hochplateau über dem Walensee. Die Strasse ist ein historischer Passübergang zwischen Mollis und Mühlehorn am Walensee aus den Zeiten, als die Linthebene noch versumpft war. Schon nach drei, vier Kehren öffnet sich der Blick Richtung Westen. Unter einem verläuft der Escher-Kanal, der die Linth 1811 aus der Ebene in den Walensee umleitete, wo sie Geröll und Schwemmholz aus dem Glarnerland ablagert. Durch den Linthkanal fliesst das Wasser seither ohne Geschiebe Richtung Zürichsee weiter. Da sich die Sonne nicht hält, kehren wir zurück nach Mollis. Zeit für einen Dorfrundgang.

Der alte Kern der meisten Glarner Orte liegt eher am Rand des Tales, schon ­etwas erhöht, was sie früher vor Überschwemmungen schützte. Das gilt auch für Mollis und Näfels. Die Strassen und Gassen sind eng und teils verwinkelt, immer wieder öffnen sich aber auch «südländische» Plätze im Molliser Dorfbild, das nationale Bedeutung hat. Zeilen mit Arbeiterhäusern treffen wir ebenso an wie prächtige alte Herrschaftshäuser mit grosszügigen Gartenanlagen. Diese und teils repräsentative historische Bauten der einst florierenden Textilindustrie zeugen von frühem Wohlstand. Zu den schönsten Bürgerhäusern gehört das frischrenovierte Zwicky-Haus aus dem 17. Jahrhundert, benannt nach seinem Erbauer, dem Landesbaumeister Caspar Schmid-Zwicky. Das Haus in Privatbesitz erregt aber auch deshalb unser Interesse, weil hier von 1768 bis 1774 Anna Göldi als Magd diente, die später der Hexerei bezichtigt und hingerichtet wurde. Aber schon in Mollis ist sie von ihrem Dienstherrn bedrängt worden. Der Justizskandal erregte damals in ganz Europa Empörung. Wer sich lieber in die reiche, lange Industriegeschichte des Kantons vertiefen will, dem sei der Glarner Industrieweg empfohlen. Dank gutem Kartenmaterial und Kurzbeschreibungen findet man sich auf ihm gut zurecht. Viele Stationen finden sich auch in Mollis und Näfels, die wir aber nur streifen.

Am andern Tag beeindruckt mich in Näfels der Freulerpalast und seine Geschichte. Ab dem 16. Jahrhundert hatte sich hier eine Landaristokratie gebildet, die immer wieder hochrangige Offiziere in fremden Kriegsdiensten hervorbrachte. Als Bauherren prägten sie das Dorf mit stolzen Bauten. Der prominenteste von ihnen war Kaspar Freuler, Gardeoberst der französischen Krone. Er liess 1642–48 einen Palast bauen, der heute zu den schönsten Bürgerhäusern der Schweiz jener Zeit gehört. Von innen ist er im Winter nicht zu besichtigen – zu kalt! –, aber er beeindruckt schon von aussen. Auch aus Mollis stammten viele Offiziere in fremden Diensten: Der Ort galt deshalb bis in frühe 19. Jahrhundert als «Aristokratennest». Die historischen Einsichten dieses Glarner Wochenendes wirken wie Fussnoten zu unserer oft verklärten (Demokratie-)Geschichte.

Urs Bader

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.