Zwischen den Geschlechtern

Transsexuell Sie sind als Mann zur Welt gekommen, fühlen sich nun aber als Frau und tragen Schuhe mit Absätzen: Lia Raymona aus Gossau und Belinda aus Affeltrangen können sich nicht mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren. Die Geschichte zweier Menschen, die eine innerliche Zerreissprobe hinter sich haben.

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Lia Raymona in ihrer Werkstatt. (Bild: Nana do Carmo)

Lia Raymona in ihrer Werkstatt. (Bild: Nana do Carmo)

High Heels und Minirock. Dezenter Schmuck, eine Tätowierung am linken Knöchel und ein Cowboyhut. Belinda aus Affeltrangen zieht alle Blicke auf sich und sie weiss, welche Reaktionen sie auslöst. Doch was die Leute reden, ist ihr egal. Die Zeit der Heimlichtuerei ist vorbei. Seit zehn Jahren steht Belinda offen zu dem, was sie sein will: eine Frau.

Walter Wirth ist sie lediglich noch auf offiziellen Dokumenten und wenn es die Situation verlangt.

Türsteher und Geldeintreiber

«Tief in mir hat es schon immer geschlummert», erzählt die 46-Jährige. Als Kind den Eltern davon zu erzählen, wäre undenkbar gewesen. Ihre frühe Kindheit war von Gewalt geprägt. Belinda wuchs in einem Heim und bei Pflegeeltern auf einem Bauernhof nahe Dussnang auf, erlernte den Schreinerberuf in der Klosterschreinerei Fischingen. Sie behielt für sich, was sie sich in ihrem tiefsten Innern wünschte, und lebte ihre Weiblichkeit im Geheimen aus. Doch auch der Mann in ihr wollte sich beweisen. «In der Öffentlichkeit zeigte ich mich als starker Mann», erzählt sie. Sie sei ein Macho gewesen, habe unter anderem als Türsteher, Geldeintreiber und Stripper gearbeitet, habe Designeranzüge und Krawatten getragen. Die Tatsache, dass sie als Frau in einem Männerkörper stecke, habe sie lange Zeit verdrängt. Nicht ohne Folgen: «Es hat mich innerlich fast zerrissen», sagt sie.

Freundschaften geschlossen

Der Drang, auch in der Öffentlichkeit eine Frau zu sein, sei letztlich übermächtig geworden. Der Zeitpunkt war gekommen, an dem sie sich entschieden habe, wie sie ihr Leben weiterleben wolle. In ihrer Stimme liegt grosses Bedauern, als sie sagt: «Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiss, hätte ich mich viel früher geoutet.»

Ihr Coming-out hatte sie vor zehn Jahren. «Ich musste meine Umwelt konfrontieren und hatte grosse Angst, dass sich mir nahestehende Personen abwenden», sagt Belinda. Erstaunlicherweise sei aber das Gegenteil eingetroffen. Ihr sei viel Toleranz entgegengebracht worden. Sie habe mit Menschen Freundschaften geschlossen, die sie vorher nur vom Sehen her kannte. «Ich wurde als Mensch so akzeptiert, wie ich bin. Dadurch habe ich an innerer Stärke gewonnen.»

Viele Menschen kennen Belinda und ihr «Schätzeli», einen weissen Chevrolet Caprice. Sie hegt eine grosse Leidenschaft für alte «Ami-Schlitten» und führt einen kleinen Limousinenservice. «Diese Autos sind ganz speziell, so wie ich», sagt sie lachend.

Seit zwölf Jahren fährt sie ihre Kundschaft am Abend und am Wochenende vom Ausgang nach Hause oder fährt Brautpaare zur Kirche. Und meist fährt sie in High Heels. Schmerzende Füsse kennt Belinda nur zu gut. «Darum habe ich immer mindestens vier Paar Schuhe im Auto», sagt sie und fügt hinzu: «Natürlich auch High Heels.»

Immer mit Cowboyhut

Wenn Belinda unterwegs ist, trägt sie immer einen Cowboyhut. Sie habe früher Perücken mit langen Haaren getragen, aber die möge sie nicht besonders, gibt sie zu. «Ich liebe die Countrymusik und der Hut ist zu meinem Markenzeichen geworden», sagt sie. Die Autos sind nur ihr Hobby, den Lebensunterhalt bestreitet sie als Schreiner in einer Möbelschreinerei in Amlikon. In Frauenkleidern? Die Thurgauerin lacht und antwortet: «Nein, alle Mitarbeitenden in der Werkstatt haben einheitliche Arbeitskleidung.»

Operation nicht durchgeführt

Den definitiven Schritt zur Frau auch operativ durchzuführen, hatte Belinda lange Zeit vor sich hergeschoben. Zu lange. «Heute ist es zu spät», bedauert sie. Aus gesundheitlichen Gründen sei eine Operation nicht mehr möglich. «Hätte ich mich nur früher darum gekümmert», sagt sie nachdenklich. Für sie wäre eine Operation wichtig gewesen.

Sie hält kurz inne. Dann lächelt sie und sagt: «Immerhin kann ich jetzt ausleben, was ich sein möchte, und muss mich nicht mehr verstecken.»

Melanie Graf

Belinda mit ihrem Chevrolet Caprice. (Bild: Reto Martin)

Belinda mit ihrem Chevrolet Caprice. (Bild: Reto Martin)