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ZWINGLI-FILM: Wärmesocken gab’s damals nicht

Stein am Rhein wird für den Film zur «Zwingli-Stadt». Das Kloster St. Georgen wird zum ­Grossmünster, der historische Altstadtkern zum Niederdörfli und der Rhein zur Limmat.
Roland Schläfli
Seit gestern doubelt Stein am Rhein die Zwingli-Stadt Zürich. (Bild: Sabrina Stübi (Stein am Rhein, 28. Februar 2018))

Seit gestern doubelt Stein am Rhein die Zwingli-Stadt Zürich. (Bild: Sabrina Stübi (Stein am Rhein, 28. Februar 2018))

Roland Schläfli

focus

@tagblatt.ch

Im Kloster St. Georgen brennt abends wieder Licht. Ein Schild «Hier schlief Zwingli» hing hier nie. Historisch verbürgt ist, dass der Reformator einmal in Stein am Rhein weilte. Stattdessen steht an einer Schranke, die Neugierige zurückhalten soll: «Hier wird ‹Zwingli› gedreht.»

Kalt ist dem Regisseur, der in einem Anorak steckt. Nicht, weil er einen alten Stoff für ein modernes Publikum aufwärmen soll. Denn dafür brennt Stefan Haupt. Aber er muss mit dem Wetter drehen, das da ist. Heizsocken hat er lediglich den Hauptdarstellern verpassen können. Filme, die in diesem Zeitalter angesiedelt sind, haben oft diesen schmutzigen, kalten Look – insofern käme der Regie die Kältewelle entgegen.

Bewohner wollten lieber zu Zürich gehören

Doch der Ofen des Hufschmieds ist aus. Torbögen und Türeingänge wurden täuschend echt mit bemaltem Styropor erweitert, und eine Plache deckt ein verräterisches Zürcher Wappen aus dem 17. Jahrhundert ab. Stein fiel erst 1798 an Schaffhausen, und noch 1802 wollten die Bewohner lieber nach Zürich zurück.

«Das ist beste Werbung für Stein am Rhein!», proklamiert Stadtpräsident Sönke Bandixen und lässt dafür auch die stark befahrene Rheinbrücke sperren. Er erhofft sich touristische Spurensucher, sobald der Film am 24. Januar 2019 anläuft. Dafür ist das Städtchen sich nicht zu schade, Zürich zu mimen. Der Durchgang zum Fischmarkt ist von einer grossen Leinwand abgedeckt. Durch ein riesiges Strassenbild wird beim Betrachter aus der Ferne der Eindruck erweckt, der Fischmarkt ziehe sich endlos hin. Durch diese hohle Kirchgasse muss er kommen, der Zwingli! Bei allem Bemühen um zeitgerechtes Ambiente liegt es im Ermessen der Filmemacher, wie die Hauptfigur zum Leben erweckt wird. Zwingli war kleingewachsen, sein Darsteller Max Simonischek jedoch ist hochgeschossen. Vom Reformator wurde zeitlebens kein Gemälde angefertigt, man kennt ihn von Abbildungen in schwarzer Tracht, mit der als typisch empfundenen Reformatorenmütze. «Die Mütze ziehen wir ihm nicht oft an», verspricht Haupt, nur in historisch wichtigen Momenten, wenn er eine grosse Predigt hält und man ihn sich nur schwer oben ohne vorstellen kann.

Und wie wird das Volk im Film reden? Dafür musste Drehbuchautorin Simone Schmid eine Sprache finden, die im Ohr für die Epoche «richtig» klingt. Man einigte sich auf einen alten Zürcher Dialekt. Das Morbide hat die Autorin beim «Bestatter» gelernt, und auch «Zwingli» wird nicht ohne ein paar Leichen auskommen, Opfer der Pestilenz. Im Rhein – pardon, in der Limmat – wird ein Täufer ersäuft. Heikles Kapitel in jeder Zwingli-Biografie. Die Filmporträtisten mussten entscheiden, wie der Theologe zum Todesurteil des Ertränkens stand. Ob nun in Limmat oder Rhein, das ist dem Stuntman, der dafür ins vier Grad kalte Wasser steigt, freilich Hans wie Heiri.

Dass eine Frau das Script geschrieben hat, dürfte sich in der Figur der Anna Reinhart bemerkbar machen: Mit der Witwe hat Zwingli unehelich zusammengelebt, bevor er sie 1524 heiratete und vier Kinder mit ihr zeugte. Mit der verbotenen Liebe zwischen dem jungen Priester und der Wirtshaustochter dürfte der Streifen letztlich dem breiten Publikum schmackhaft gemacht werden. Er soll ja seine Kosten wieder einspielen. Für einen Schweizer Spielfilm ist das Budget von 5,5 Millionen zwar üppig, für einen Historienfilm jedoch vergleichsweise gering. Da schont es das Budget, wie Anne Walser von der produzierenden C-Films bestätigt, dass die Innenaufnahmen in den Klosterräumen gedreht werden dürfen, die sonst aufwendig im Atelier hätten nachgebaut werden müssen.

Damit ein gebührender Abstand zu den Wandmalereien eingehalten wird und die für eine Aufnahme abmontierten Butzenscheiben an der richtigen Stelle wieder einmontiert werden, hat die Stadt einen Restaurator abgestellt, wie Museumskurator An­dreas Münch die Denkmalschützer beruhigen kann. Er berät die Zwingli-Macher, wenn ein profanes Filmlicht einer historischen Reliquie zu nahe käme. Sollte «Zwingli» dennoch Landschaden anrichten, wäre das von der Versicherung abgedeckt.

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