Zwei Milliarden auf der Reise

Mit traumwandlerischer Sicherheit finden Zugvögel ihren Weg. Unterwegs machen sie Rast, auch am Bodensee. Dabei wird ihr Verhalten von der Wissenschaft mit immer ausgeklügelteren Methoden erforscht.

Gernot Grabher
Merken
Drucken
Teilen
So kann es zugehen, wenn Stare in Rapperswil gen Süden aufbrechen. (Bild: ky/Steffen Schmidt)

So kann es zugehen, wenn Stare in Rapperswil gen Süden aufbrechen. (Bild: ky/Steffen Schmidt)

Schon Anfang August schwirrten über tausend Mauersegler auf Mückenjagd über die Fussacher Bucht. Das schlechte Wetter hinderte die Frühzieher am Weiterflug nach Afrika. Während der letzten Regentage sah man auf den Wiesen im Rheintal Dutzende Weissstörche auf Nahrungssuche. Sie machten fast den Eindruck der Ratlosigkeit.

Vögel brauchen Aufwind

Denn wenn die Sonne nicht scheint, gibt es auch keine Thermik. Und ohne die Aufwinde können die grossen Vögel mit den breiten Schwingen nicht aufsteigen, um über 10 000 Kilometer meist segelnd die südafrikanischen Winterquartiere zu erreichen.

«Die Zugvögel haben ihren Kalender», erklärt Matthias Kestenholz von der Vogelwarte Sempach im Kanton Luzern. «Wenn Schlechtwetter Arten zum Einlegen einer Rast zwingt, kommen später aus Europa abziehende Vögel an den Rastplätzen hinzu und es bilden sich regelrechte Staus.» Bei wieder günstigem Wetter versuchen Vögel wie die Weissstörche aber, nach dem Zugzeitenplan wieder aufzuholen. Sie können bei gutem Wind ohne weiteres 300 bis 400 Kilometer am Tag zurücklegen.

Nach einigen Wochen erreichen die Störche aus unseren Gegenden über Gibraltar und die Sahara ihre Winterquartiere. Störche aus Osteuropa fliegen über den Bosporus nach Afrika. Wie über Gibraltar ziehen auch dort Tausende Exemplare südwärts. Hin- und Rückflug zusammengerechnet bringen es die Weissstörche auf jährlich rund 15 000 Reisekilometer.

Viel Nahrung im Süden

Warum die Zugvögel nach Süden streben, ist unschwer zu erraten. Besonders die Insektenfresser fänden im winterlichen Mittel- und Nordeuropa keine Nahrung, während in den tropischen Gefilden der Tisch reich gedeckt ist. Die Weitzieher setzen sich allerdings auch grossen Gefahren aus. Wer nicht genügend Proviant in Form von Fettreserven mitführt, hat kaum Chancen, die grössten Hindernisse wie die Alpen, das Mittelmeer oder die Sahara überwinden zu können.

Die Standvögel aber, die im Winter bei uns bleiben, versuchen, gegenüber den Zugvögeln ihre Population durch mehr Bruteifer zu erhalten. Sie legen mehr Eier, brüten bis zu dreimal im Jahr und können so die Verluste durch harte Winter ausgleichen.

Eine Hauptzugroute der Vögel über die Schweiz gibt es nicht, erklärt Matthias Kestenholz. «Sie ziehen in breiter Front über unser Land, etwa in Richtung von Nordosten nach Südwesten, übersetzt etwa von Polen nach Spanien.»

Neue Flugrouten

Die hohen Alpen können die Vögel nur bei günstigem Wind überqueren, sie ziehen lieber am Rand des Gebirges nach Südwesten gegen das Rhonetal oder auch dem Jura entlang nach Süden. Der Bodensee mit seinen Naturschutzgebieten im Rheindelta oder im Wollmatinger Ried ist für die Zugvögel ein wichtiger Rastplatz, betont Kestenholz. Die Schilfflächen sind bevorzugte Schlafplätze, im Flachwasser der Uferzonen können sich die Watvögel erholen und Nahrung «nachtanken».

Doch werden die Lebensräume der Vögel durch die menschliche Zivilisation immer mehr beschnitten. Der Treibhauseffekt hat nicht zu übersehende Auswirkungen. Einige Zugvogelarten kommen früher aus den Winterquartieren zurück, ziehen später in den Süden ab, brüten in höher gelegenen Gebieten oder weiten ihre Verbreitung nach Norden aus. Andere Arten wurden zu im Winter nur noch vagabundierenden Kurzziehern oder versuchen sich gleich als Standvögel. Dies ist etwa auch bei den Staren zu beobachten. Sie bilden bereits jetzt Schwärme, ziehen aber nicht vor Oktober ab.

Was tut der Bienenschnäpper?

Der Bienenschnäpper liefert das eindeutigste Beispiel einer Reaktion auf die Klimaveränderung. Der Insektenfresser war Jahrhunderte nur im Mittelmeerraum zu Hause und galt nördlich der Alpen als ausgestorben. Vor etwa 15 Jahren siedelte sich der Bienenfresser auch in der Westschweiz und in Deutschland wieder an und weitete sein Brutgebiet inzwischen bis nach Skandinavien aus.