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Zwei Liebende, ein Flüchtlingskind

Bodo Kirchhoffs «Widerfahrnis» dreht sich um ein Paar um die Sechzig. Ihnen und ihren Geschäften widerfährt das Altersgeschick des Aus-der-Zeit-Fallens. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis.
Heiko Strech
Bodo Kirchhoff bei der Dankesrede für den Deutschen Buchpreis vergangene Woche. (Bild: Arne Dedert/EPA)

Bodo Kirchhoff bei der Dankesrede für den Deutschen Buchpreis vergangene Woche. (Bild: Arne Dedert/EPA)

Widerfahrnis. Das Wort steht nicht im Duden. Dafür bei Martin Heidegger. Es geht also um die Tiefen der Existenz. Oder die Höhen. Um Glück oder Unglück. Ums Leben. Um den Tod.

Leonie Palm und Julius Reither sind nach Berufspleiten aufs Land in Bayern gezogen. Sie begegnen einander zunächst über die Literatur. Dann fliehen sie jäh aus dem Alltag, fahren mit Leonies altem BMW-Cabrio gen Süden. Ziellos und noch kein Paar. Schliesslich landen sie auf Sizilien. Und dort in einem Hotelbett. Unerwartet widerfährt ihnen Altersglück. Kirchhoff hat das Liebesgeschick der beiden auf der langen Fahrt so allmählich wie zärtlich sich entwickeln lassen. Wie Teenager beim ersten Erotiktasten berühren sie einander scheu mit Worten und Händen.

Das Drama nach der entspannten Fahrt

Anschaulich lässt uns Kirchhoff mit ihnen an viel Landschaft vorbeifahren. Aber er lädt die Reisebeschreibung auf mit Erinnerungen. Den Mann hat seine Frau verlassen, im Zwist um eine Abtreibung. Der Frau lief ihr Mann davon. Die Tochter brachte sich um. Doch nun lebt das Paar im unverhofften Hoch. Dann läuft ihm in Catania «das Mädchen» über den Weg. Wohlstandflüchtlinge begegnen Flüchtlingskind. Widerfahrnis. Unüberlegt spontan nehmen sie die Obdachlose zu sich. Das Teenager-Mädchen schweigt auf Fragen. Aber das Paar fühlt sich jetzt als «Familie», gerade auch wegen seiner verlorenen Kinder. Dabei vermeidet Kirchhoff Rührseligkeit: Das Mädchen zeigt trotzige und verschlagene Seiten, unabdingbar bei ihrem harten Geschick. Wie weiter? Mann und Frau sehen es bald verschieden. Er fühlt sich doch überfordert mit der illegalen Situation. Sie will das «Kind» behalten. Sachlich hat er recht, menschlich sie. «Wir schaffen das!» – hier stehen wir unversehens mitten in der Zeitgeschichte. Europäische Widerfahrnis.

Nachdem wir mit dem Paar doch eher entspannt nach Sizilien gefahren sind, spitzt Kirchhoff jäh die Spannung zu mit den dreien auf der Fähre nach Messina – novellistisch, dramatisch, tragisch.

In einer Novelle geht es um die «unerhörte Begebenheit». Das Flüchtlingsthema taucht auf der Fahrt «flüchtig» mehrmals auf – mit Leitmotiven, sinnverdichtenden Ding-Symbolen. Beispiel: Das Mädchen trägt eine Halskette mit einem Anhänger. Als es in falscher Panik abhaut, zieht der splittrige Anhänger «wie eine Klinge» durch Julius' Hand. Eine ein-schneidende Erfahrung. Das tönt platt, so direkt formuliert. Aber im vollen Text sitzt das Bild, als existenzielle Metapher.

Ironie bei aller Gefühlswallung

Bodo Kirchhoff hat Prosa, Theaterstücke und Drehbücher geschrieben. Eher knapp zunächst, ist sein Stil längst vielstimmiger und kontrapunktischer geworden. Humor und Ironie durchziehen die Senioren-Love-Story bei aller Gefühlswallung. Der Autor bricht sie augenzwinkernd immer wieder. Etwa: «Sagen wir innig, wenn das heute noch ginge.»

In «Widerfahrnis» ist Kirchhoff auf der Höhe seiner Kunst. Einmal fasst er kreatürliche Verlorenheit, erinnernd an einen toten Flüchtlingsbub am Meer, so: «Ein Kätzchen vermochte sich kaum auf den Beinen zu halten, immer wieder knickte es ein und kroch mehr über die Muschelsplitter, als dass es tappte, und fiel schliesslich zwischen die Hölzer, so lautlos, als gäbe es bei Katzen, wenn sie klein und schwach sind, eine Schlichtheit des Sterbens.»

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis, Frankfurter Verlagsanstalt, 2016. 224 S., Fr. 31.90

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis, Frankfurter Verlagsanstalt, 2016. 224 S., Fr. 31.90

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